DÜDELINGEN
CLAUDE MÜLLER

Das Enrico Rava Quintet „Tribe“ gastierte am Donnerstag in Düdelingen

Er machte Free Jazz mit Gato Barbieri und Don Cherry, arbeitete als Filmkomponist für Bernardo Bertolucci, spielte als Sideman bei Lee Konitz und Archie Shepp. Darüber hinaus leitete er eigene Formationen mit unter anderem John Abercrombie und war Solist in Carla Bley’s Mammutprojekt und Jazzoper „Escalator Over The Hill“: Der italienische Startrompeter Enrico Rava.

Auch in Luxemburg war der vielfach ausgezeichnete Musiker in den letzten 40 Jahren des Öfteren in verschiedensten Besetzungen ein gern gesehener und gehörter Gast, so zum Beispiel im Duo mit seinem Landsmann, dem Pianisten Stefano Bollani, in Triobesetzung mit dem deutschen Bassisten Eberhard Weber, mit seinem Quartett und seinem ebenbürtigen Trompeterkollegen Paolo Fresu oder in groß orchestralen Ensembles wie dem „European Jazz Ensemble“ mit unter anderem Philip Catherine.

Europäischer Miles Davis

Am Donnerstag präsentierte Rava im Düdelinger Kulturtempel opderschmelz sein rezentes Projekt „Tribe“ in Quintettbesetzung. Seinem Namen als europäischer Miles Davis und Bewunderer der lyrischen Phrasierungen eines Chet Bakers machte der Leader gleich bei der ersten Nummer alle Ehre. Er entführte auf wundersame Art und Weise in ein Ambiente voller Poesie und vermittelte permanent einen sinnlichen Ausflug in eine magische Klangwelt voller melancholischer Emotionen. Seine ruhigen wohldurchdachten Phrasierungen, die sich perfekt mit der raueren, direkteren Spielweise des Posaunisten Gianluca Petrella zu einem einzigartig homogenen Genre ergänzen, boten eine selten erlebte Spannung, die durch die lockeren spontanen Einsätze des jungen Pianisten Giovanni Guidi voll zur Geltung kamen. Petrella zeichnete sich besonders durch seine völlig unkonventionelle Stilistik aus, die sich nicht an jene der alten Meister der klassischen Jazzposaune anlehnt und verleiht somit seinen solistischen Ausbrüchen eine rare persönliche Note.

Kontrastreicher Film

Ähnlich wie bei Ravas Zusammenarbeit mit Roswell Rudd Anfang der 1970er Jahre standen in Düdelingen rasante Bop-Passagen, Exkurse in eine heile Dixilandära und Anspielungen an Folklore oder sogar Zirkusmusik auf der Tagesordnung. Er schneiderte einen kontrastreichen Film aus Collagen seiner Erfahrungen und aus den Erkenntnissen einer fruchtbaren internationalen Karriere.

Ebenfalls dominierten die orientalischen Klänge in „Choctow“, die rasanten Free Bop-Passagen à la Ornette Coleman in „Cornettologie“ oder die wehmütig, einsam angehauchten Klänge seiner Vorbilder, immer mit der Ruhe, Gelassenheit und Nachdenklichkeit des Meisters auf die Mitmusiker übertragen, bei diesem memorablen Konzert, das sicherlich einen bleibenden Eindruck bei den zahlreich erschienenen Melomanen hinterlässt.

Immer wieder überwog ein nuanciertes nostalgisches Klangbild, das ein exquisites Menü mit farbenfrohen Beilagen und sämtlichen musikalischen Finessen und bewährten Spezialitäten des aktuellen Modern-Jazz bot. Hier wurden alle wichtigen Zutaten, die den Jazz in den letzten 50 Jahren charakterisiert haben, in gefühlvollen Collagen vereint und vom Leader, wie einst bei Miles Davis, unmerklich aber spürbar in das abwechslungsreiche Szenario geleitet. Permanent vermittelte die großartige, perfekt aufeinander eingespielte Rhythmusgruppe den Eindruck, sich bei einer spontan improvisierten Session zu befinden, was Rava folgendermaßen in der Musikzeitschrift Jazzthing erklärt: „Ich lege fest was ich selbst spielen will und überlasse es den anderen Musikern, was sie innerhalb der Melodie beitragen wollen. (...) Ein Arrangement wäre mir zu endgültig. Ich mag Stücke, die sich jeden Tag verändern können.“ Fazit: Ein wunderbares unvergessliches Konzert der gehobenen Extraklasse.