LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Start in die Konzertsaison wird mit vielen Unbekannten vorbereitet

Druckfrisch lagen die Programmhefte für die nächste Saison in der Philharmonie bereit, als Kulturministerin Sam Tanson dort am Mittwoch ihr Hilfspaket für den Kultursektor präsentierte. Im Vorwort der Broschüre gratuliert sie dem gesamten Philharmonie-Team zu diesem „vielversprechenden Programm“ und hebt die „Fülle an Höhepunkten“ hervor. Kein Wort wird über die Corona-Krise, die aktuellen Einschränkungen und Ungewissheiten verloren. Kein Wunder, das Programm – und wohl auch die Druckversion - stand lange vor Ausbruch der Pandemie. Philharmonie-Direktor Stephan Gehmacher nutzte die Pressekonferenz in seinem Haus deshalb auch in eigener Sache, um kurz auf die kommende Spielzeit aufmerksam zu machen.

„Das Programm für eine neue Spielzeit wird lange im Voraus geplant. Es stand also bereits vor der Corona-Krise. Der Großteil der Verträge ist unterzeichnet, sodass wir jetzt in der Hoffnung leben, das Programm so weit wie möglich durchführen zu können“, erklärte er. Natürlich hätte man die Programmhefte noch zurückhalten können, falls doch noch Änderungen nötig sein sollten. Da aber das Publikum wissen wolle, was in der nächsten Saison ansteht, habe man nicht länger warten wollen. Mit dem Verkauf der Abonnements und Tickets wird jedoch erst später begonnen.

Theorie versus Praxis

Ab heute dürfen bekanntlich alle Kultureinrichtungen ihre Türen wieder öffnen und ein Publikum empfangen. Was in der Theorie eine gute Nachricht ist, lässt sich in der Praxis jedoch nicht von heute auf morgen umsetzen, weil Zeit für die Vorbereitung benötigt wird. „Aufgrund dessen, was nun gesetzlich möglich ist, werden wir versuchen, schnell wieder Konzerte mit Publikum zu organisieren“, versprach Gehmacher. Bekanntlich kann wegen der bestehenden Abstandsregel aber nur eine beschränkte Besucherzahl empfangen werden. „Und dann gibt es ja da nach wie vor die Vorgabe keine Bläser und kein Gesang. Damit sind wir in der klassischen Musik eingeschränkt. Wichtig ist aber die Symbolik, dass es wieder beginnt“, meinte er. „Es gibt kein generelles Verbot, was Bläser oder Sänger auf der Bühne anbelangt“, entgegnete daraufhin die Kulturministerin. Auf wissenschaftlicher Ebene würden derzeit aber tatsächlich viele, teils auch widersprüchliche Diskussionen über die möglichen Auswirkungen von Chören oder Bläsern geführt. „Deshalb haben wir kein Verbot ausgesprochen, empfehlen aber nicht unbedingt einen ganzen Chor auftreten zu lassen. Ein einzelner Sänger oder eine Person mit Blasinstrument ist durchaus möglich. In dieser ersten Phase geht es nun darum, die Risiken auf ein Minimum zu reduzieren“, bemerkte Tanson.

SEL lüften Programm

Mit ähnlichen Fragen und Ungewissheiten sehen sich im Moment die „Solistes Européens, Luxembourg“ (SEL) konfrontiert. Auch sie haben sich entschieden, ihr Programm für 2020/21 trotz allem jetzt schon zu präsentieren. Wie Generaldirektor Eugène Prim gestern in einer digitalen Pressekonferenz informierte, hätte man wegen der Corona-Pandemie vier Konzerte absagen müssen, wovon zwei zumindest nachgeholt werden könnten. Der Verkauf der Abonnements ist angelaufen, man habe sich an den großen Konzerthäusern im Ausland orientiert, allerdings können noch keine Plätze reserviert werden. Noch weiß schließlich niemand, wie es in Sachen Abstandsregel zum Saisonauftakt im September aussieht und was dies für die Sitzplatzverteilung bedeutet. Prim zeigte sich aber zuversichtlich, dass mindestens (oder im schlimmsten Fall nur) Platz für zwei Drittel der Abonnenten sein sollte.

Auch Christoph König, künstlerischer Leiter der SEL, äußerte sich, dies teils kritisch. Er sei überrascht gewesen, dass bei der Pressekonferenz der Kulturministerin Orchestern mit Bläsern zum jetzigen Zeitpunkt wenig Konzertmöglichkeiten in Aussicht gestellt wurden und berief sich auf die Empfehlungen der Berliner Charité, was die Orchesterregeln in Corona-Zeiten angeht.

Keine Gefahr durch Bläser

„Anfang Mai bereits haben die Wissenschaftler dort eine 13-seitige Studie erstellt. In einem Studio haben sie visualisiert, wie weit die Aerosole bei den Bläsern tragen und herausgefunden, dass zwei Meter zwischen Blasinstrumenten absolut ausreichen sollten“, erklärte König. Bei den Streichern werde derweil empfohlen, die Stühle 1,5 Meter voneinander entfernt aufzustellen. Die Wiener Philharmoniker kommen in ihrer Studie übrigens zu dem gleichen Ergebnis. Er habe großen Respekt vor den Regierungen, die gerade wichtige Entscheidungen treffen müssten. „Wenn sie entscheiden, erst einmal vorsichtiger zu agieren, ist das ihr gutes Recht, sie sind in der Verantwortung. Aber es gibt Studien und Empfehlungen, was Orchester anbelangt. Das sollte alles technisch möglich sein. Wir sind zuversichtlich, dass sich die Dinge zugunsten unserer Musikausübung bis September noch ändern werden. Als SEL spielen wir ja nun auch zahlenmäßig nie in einer großen Besetzung, in der Regel sind es 40 oder 50 Musiker, insofern können wir uns auf der Bühne der Philharmonie breit verteilen, ohne dass eine Ansteckungsgefahr bestehen würde. Wir nehmen das sehr ernst“, unterstrich König

Ist es angesichts dieser vielen Unbekannten nicht trotzdem noch zu früh, sein Programm zu präsentieren und Konzertkarten zu verkaufen? „Darüber kann man streiten“, meinte Prim. Er gehe davon aus, dass die Konzerte stattfinden könnten, dass es vielleicht nur eine Frage der Zuschaueranzahl sein werde. „Jedes Orchester kann Anpassungen machen. Auch wir können unser Programm zu jedem Moment ändern und haben einen Plan B, falls es im September doch noch nicht in dieser Form losgehen könnte. Aber es gibt einen Moment, wo man den Mut haben muss, den Leuten etwas vorzulegen. Die Programme aller großen Orchester und Konzerthäuser in Europa stehen inzwischen“, berichtete er.

Gebundene Hände im Ministerium

Am Ende der digitalen Pressekonferenz meldete sich auch noch Joé Haas aus dem Kulturministerium zu Wort. Die Ministerin mache ihre Hausaufgaben und habe auch alle erwähnten Studien gelesen, versicherte er. Auch beschrieb er die Prozedur, nach der momentan vorgegangen werde. „Sam Tanson, Jo Kox und ich gehen regelmäßig zur Santé, um unsere Folgerungen zu unterbreiten. Auch die erwähnte Studie der Charité haben wir vorgelegt. Wenn dann aber jemand im Gesundheitsamt eine gegenteilige Studie gesehen hat, sind wir wieder bei Null. Sobald demnach irgendwas auftaucht, das als Gefahr gewertet wird, greift die Santé. Das Kulturministerium kann dem nichts entgegensetzen“, beschrieb Haas. Noch am gleichen Tag (also gestern Nachmittag) sei derweil ein nächster Termin bei der Gesundheitsbehörde vorgesehen. „Dann wird noch einmal konkret über die weiteren Möglichkeiten gesprochen, unter anderem was Bläser auf der Bühne betrifft. Was sicherlich bis September oder Oktober verboten bleibt, sind öffentliche Festivals. Konkret diskutiert wird dagegen über Maßnahmen, um beispielsweise die Philharmonie spätestens ab dem 1. Juli wieder ans Laufen zu bringen“, informierte Haas und stimmte damit die Verantwortlichen der SEL optimistisch.


Auf das eigentliche Programm der „Solistes Européens,Luxembourg“ gehen wir in einem kommenden Artikel ein