LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Luisa Bevilacqua über die Produktion „Ei, Ei, Ei?!“ und ihre Vorliebe fürs Erzähltheater

Eigentlich sei niemand in ihrer Familie im Kulturbereich tätig. „Bei uns zuhause war es nicht einmal üblich, ins Theater zu gehen“, sagt die Künstlerin Luisa Bevilacqua, die momentan mit ihrer Produktion „Ei, Ei, Ei?!“ auf den Bühnen dieses Landes unterwegs ist. Sie sei damals ihrer Intuition gefolgt. „Es sollte wirklich Theater sein und nicht Kino, weil ich die Präsenz des Zuschauers mag, diesen Moment des Zusammenseins, um Geschichten zu erzählen und darzustellen“, beschreibt sie.

Erst durch ihr Studium der Theaterwissenschaften in Florenz sei sie indes auf den Geschmack gekommen, selbst auf die Bühne zu steigen, woraufhin eine Schauspielausbildung in Rom folgte. „Das war nicht unbedingt von Anfang an mein Ziel, weil ich eher eine Leseratte war, die sich in irgendeiner Ecke verkriecht. Mich so in den Mittelpunkt zu stellen, ist eigentlich gegen meine Natur, da ich doch etwas schüchtern bin“, gibt sie zu und lacht. Schnell sei ihr schließlich klar geworden, dass sie nicht einfach auf der Bühne stehen und einen Text interpretieren wollte. „Ich brauche wirklich eine Botschaft, an die ich glaube und die ich mittragen kann. Ich mag es, visuelle oder emotive Bilder zu schaffen, die danach im Intellekt weitergeführt werden. Deshalb habe ich mich auch aufs Bewegungstheater konzentriert. Als ich dann bereits beruflich in Luxemburg tätig war, habe ich mehr und mehr das Erzähltheater für mich entdeckt“, fasst Luisa Bevilacqua zusammen.

Durch „Loopino“ zum Erzähltheater

Ein einschneidendes Erlebnis sei die Konzertreihe „Loopino“ in der Philharmonie gewesen, eine Hör-Entdeckungsreise für kleine Kinder. „Bei einem dieser Konzertformate habe ich über eine Marionette eine Geschichte erzählt. Das war eine Erfahrung, die mich nicht mehr losgelassen hat. In dem Moment war der Kontakt zum Publikum noch intensiver als sonst. Durch die Wörter, durch die Erzählung, haben wir die Geschichte wirklich zusammen erlebt. Ich habe sie vermittelt, und die Zuhörer haben sie in ihren Köpfen weiter verbildlicht. Durch die Kraft des Wortes kann tatsächlich eine richtige Spannung aufgebaut werden. Das hat mich so fasziniert, dass ich in Brüssel eine Ausbildung zur Geschichtenerzählerin angefangen habe. Da habe ich eine Welt entdeckt, die ich mir so überhaupt nicht erwartet hätte“, schwärmt sie.

Zusammen mit Betsy Dentzer, „der bekanntesten Geschichtenerzählerin in Luxemburg“, versuche sie nun, die Erzählkunst mehr unter die Leute zu bringen, insbesondere die Erwachsenen. „Vielen Menschen fällt es schwer, sich etwas Genaues darunter vorzustellen. Das erste, woran man denkt, ist natürlich diese Stereotype: Da sitzt jemand und liest aus einem Buch vor. Nein, es geht darum, Sachen zu verbildlichen und zu beschreiben, sich also nicht in literarisch schön geschriebener Sprache zu verlieren, weil man nämlich sonst sein Publikum nach zehn Minuten bereits verloren hat. Der Erzähler muss also ganz konkrete Bilder aufsetzen, damit sich die Leute alles genau vorstellen können. Das geht weit übers einfache Erklären hinaus. Und das muss man lernen. Es wäre völlig spannungslos, wenn man einem Publikum während einer Stunde nur erklären würde, was in einer Geschichte passiert“, weiß die Künstlerin.

Symbolik unter der Oberfläche

Dahinter steckt eine große Arbeit, auch Recherche ist erforderlich. „Man nimmt nur die Struktur der Geschichte, sozusagen das Skelett, und vergisst das ganze Literarische drumherum. Wichtig ist es, verstehen zu lernen, was die Geschichte wirklich erzählt. Sie hat eine Oberfläche, doch unterhalb dieser Oberfläche wird indirekt noch etwas anderes erzählt. Darin verbirgt sich viel Symbolik, die nicht einmal besonders mystisch ist. In Märchen geht es letztlich um ganz menschliche Themen, wie Liebe oder Hass, die auch heute noch wichtig sind“, erklärt Luisa Bevilacqua. „Als Geschichtenerzählerin gehe ich übrigens als Luisa auf die Bühne, ich spiele keine Rolle. Trotzdem bin ich frei und interpretiere manche Figuren, lasse sie also sprechen, um das Ganze dynamischer zu gestalten.“

Auch wenn sie vom Erzähltheater gepackt wurde, heißt das nicht, dass sie sich darauf beschränken würde, vielmehr kann man sie als multidisziplinäre Künstlerin bezeichnen, wozu in der Tat sogar die bildende Kunst gehört. Eine Ausstellung mit ihren Gravuren ist beispielsweise im Kulturhaus Niederanven geplant. „Ich sehe mich in erster Linie als ,comédienne-conteuse‘“, sagt sie. Gerade tourt sie mit „Ei, Ei, Ei?!“ unter der Regie von Linda Bonvini durchs Land. Die nächste Station ist das Festival „Fabula Rasa“ in den Rotondes. „Bei diesem Stück geht es um die Wichtigkeit, Fragen zu stellen. Wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Eine Antwort darauf gibt es eigentlich nicht, das ist auch nicht das Ziel, vielmehr geht es darum, neugierig zu sein. In dem Stück steckt viel Humor. Das ist immer ein elementarer Faktor für mich: wichtige Themen mit Humor angehen und so eine Reflexion anregen“, meint die Künstlerin.

Denkanstöße geben

„Kindertheater finde ich extrem spannend, also diesen ganzen Bereich, weil er so offen ist, so interdisziplinär und doch zugleich eine große Poetik erlaubt. Ich gebe gerne Denkanstöße und sehe mich keineswegs als Entertainerin. Vor allem unterstütze ich, dass Kinder ihre Verspieltheit ausleben, ebenso ist es mir wichtig, ihre Neugier zu nähren. Und noch etwas anderes reizt mich: Kinder sind ein sehr ehrliches Publikum und klatschen nicht einfach, weil es von ihnen erwartet wird, sondern nur wenn es ihnen gefällt. Zu sehen, wie sie reagieren, ist für mich immer sehr interessant“, erzählt Luisa Bevilacqua. Dennoch sei sie vor einer Vorstellung nie aufgeregt, weil sie nicht einschätzen könne, wie die Reaktionen ausfallen. „Ich empfinde ganz klar mehr Vorfreude als Aufregung“, bemerkt sie.

Komplexes Objekttheater

Bei „Ei, Ei, Ei?!“ nun handelt es sich um Objekttheater. „Das ist sehr komplex als Arbeit. Oft wirken beim Objekttheater mindestens zwei Personen mit. Die eine ist für die Erzählung zuständig, die andere platziert die jeweiligen Objekte. In diesem Stück übernehme ich beides. Dabei gehe ich ein bisschen vor wie ein Zauberer: Während ich die Aufmerksamkeit auf ein Objekt lenke oder die Geschichte erzähle, ist die andere Hälfte des Gehirns bereits damit beschäftigt, die Hand nach dem nächsten Objekt greifen zu lassen, ohne dass das Publikum das überhaupt richtig mitbekommt. Dahinter steckt eine riesige Organisation, immerhin muss alles griffbereit und an der richtigen Stelle liegen“, berichtet die junge Frau.

Premiere feierte „Ei, Ei, Ei?!“ übrigens bereits 2018 beim Marionettenfestival in Tadler. Ob sich ein Stück eigentlich weiterentwickelt, wenn es über eine derart lange Periode gespielt wird, wollen wir wissen. „Lang ist relativ“, entgegnet Luisa Bevilacqua. „Es stimmt schon, dass zwei Jahre Laufzeit in Luxemburg womöglich nicht üblich sind, im Ausland ist es dagegen normal, dass Theaterstücke über einen längeren Zeitraum aufgeführt werden. Wenn man eine Produktion 50 Mal spielen kann, dann ist sie wie ein Schuh, der richtig gut sitzt. Für viele Schauspieler ist es heftig, nur ein paar Mal mit einem Stück auftreten zu können, wenn man bedenkt, wie viel Arbeit dahinter steckt. Wenn dann gleich wieder etwas Neues von dem Künstler erwartet wird, kommt er sich irgendwann vor wie ein Fabrikarbeiter“, gibt sie zu bedenken und freut sich deshalb, dass weitere Vorstellungen von „Ei, Ei, Ei?!“ geplant sind. „Nach der Premiere wurde an verschiedenen Sachen gefeilt, die noch nicht ganz so rund waren, auch dramaturgisch wurde einiges geändert. Jetzt sitzt es“, stellt sie zufrieden fest.

„Ei, Ei, Ei?!“ wird an diesem Donnerstag um 15.00 in den Rotondes gespielt. Weitere Vorstellungen sind am 25. Januar um 15.00 und um 17.00. Eine nächste Station ist das Trifolion Echternach. Infos unter www.rotondes.lu