NIC. DICKEN

Nur kurze Zeit, praktisch unmittelbar nach der 1945 gemeinsam beendeten Katastrophe des 2. Weltkriegs setzte zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem damals noch als Sowjetunion firmierenden Russland eine neue Ära von gegenseitiger Abschreckung und Bedrohung ein, die unter dem Vorwand einer legitimen Sicherung von Interessensphären vor allem die atomare Aufrüstung in unvorstellbare Dimensionen ansteigen ließ. Niemand wusste oder weiß zu sagen, wie oft man die Welt mit diesem nuklearen Arsenal hätte in Brand stecken können.

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte dieser im Nachhinein durch nichts zu rechtfertigende Rüstungswettlauf mit dem beiderseitigen Aufbau eines Arsenals atomar bestückter Mittelstreckenraketen, die im Ernstfall ganz Mittel- und Westeuropa in Schutt und Asche gelegt hätten. Auf sowjetischer Seite suchten zunächst Andropow, Tschernenko und später Gorbatschow unter dem Druck des sogenannten NATO-Doppelbeschlusses eine Verständigung mit dem westlichen Verteidigungsbündnis, das schließlich im Januar 1988 durch eine entsprechende Vereinbarung mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan unter dem Begriff des INF-Vertrages zu einem Abbau der gegenseitigen Bedrohung führen sollte.

Mit seiner Glasnost- und Perestroika-Strategie zur Umstrukturierung der Sowjetunion hatte sich Michail Gorbatschow eine starke Vertrauensbasis im Westen geschaffen, die in den Folgejahren zu einer weiteren Entspannung führen sollte. Nach der unrühmlichen Ablösung von Gorbatschow in der Russischen Republik entstand im Westen eine neue Drohkulisse mit der schrittweisen Ausweitung der NATO auf das direkte Grenzgebiet zu Russland. Erst als die Ukraine als geplanter neuer NATO-Partner die russische Flotte am Mittelmeerzugang zu hindern drohte, setzte sich Putin mit der Annektierung der Krim zur Wehr, ein Schritt, über dessen Legitimität sich nach wie vor trefflich streiten lässt.

Immerhin aber wurde in den letzten zehn Jahren der Großteil des in den achtziger und frühen neunziger Jahren aufgebauten Vertrauens zerstört, was eine erneute Verhärtung der Fronten zur Folge hatte, an der auch die nicht unbedingt phantasievollen Wirtschaftssanktionen nichts zu ändern vermochten.

Es kann am Ende nicht wirklich verwundern, dass ein cholerischer US-Präsident Trump die forsche Gangart seines vermeintlichen Gegenspielers Putin zum Vorwand nahm, um mit der Aufkündigung des INF-Vertrages zu drohen, diese dann vor einigen Tagen auch in die Tat umzusetzen. Dass Putin dies keineswegs abnicken würde, stand zu erwarten.

Und so kehrt denn Europa vom Atlantik bis zum Baltikum und zum Kaukasus in eine über Jahrzehnte hinweg gewohnte Zwangsjacke zurück, die eigentlich auf alle Zeiten gebannt schien. Der Sicherheitslage wurde damit kein Dienst erwiesen, wohl aber der Auftragslage der Rüstungskonzerne. Das alte Spiel mit dem atomaren Feuer scheint neu zu beginnen.

Wo rohe Kräfte sinnlos walten ...