LUXEMBURG
SVEN WOHL

Wie das Farbfernsehen Europa spaltete

Keine technische Entwicklung entsteht in einem Vakuum. Sie ist stets Teil der Geschichte und formt diese zugleich mit. Wir führten ein Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Fickers vom „Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History“ der Universität Luxemburg, der sich in seiner Doktorarbeit mit dem Titel „Politique de la grandeur“ vs. „Made in Germany - Politische Kulturgeschichte der Technik am Beispiel der PAL-SECAM-Kontroverse“ eingehend mit der Einführung des Farbfernsehens in Europa beschäftigte.

Welchen Einfluss auf die Gesellschaft hatte die Einführung des Farbfernsehens?

Prof. Dr. Andreas Fickers Das ist sehr schwierig zu messen. Farbe hat vor allem einen symbolischen Wert. Der Wechsel von Schwarz-Weiß auf Farbfernsehen war mit einem Mehrwert an symbolischen Kapital für Technik verbunden. Damit einher gingen auch große Erwartungen was die Darstellung von medialer Realität im Fernsehen angeht.

Gab es dabei eine politische Note?

Fickers Unbedingt. Man darf nicht vergessen, dass wenn man über Kommunikationstechniken redet, das Fernsehen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Leitmedium im massenmedialen Ensemble aufstieg – in den USA mit zehn Jahren Vorsprung zu Europa. Als 1954/1955 das Farbfernsehen in den USA eingeführt wurde, war man in Europa noch mit der Einführung des Schwarz-Weiß-Fernsehens beschäftigt. Das unterstreicht den „Technological Gap“, den es zwischen den USA, Europa und der Sovietunion in der Nachkriegszeit gab.

Einen solchen „Technical Gap“ gab es auch später in Europa mit den Standarts PAL und SECAM. Welche Motivation steckte dahinter?

Fickers Wenn man als erster mit einem Standard am Markt ist, stehen die Chancen gut, dass man sich auch durchsetzt. Für die amerikanische Fernsehindustrie, die zu der Zeit hunderttausende von Leuten beschäftigte, bedeutete die Einführung des NTSC einen klaren technologischen Fortschritt, der sich auch ökonomisch bezahlt machte.  Amerikanische Firmen waren lange die einzigen, welche die Fertigung von Farbfernsehröhren beherrschten und darauf ein weltweites Monopol hatten.

Europa hing sowohl bei der Einführung des Schwarz-Weiß- wie auch des Farbfernsehens hinterher.  Da die finanziellen Anstrengungen für die Einführung des Schwarz-Weiß-Fernsehens gigantisch waren, hat man das Farbfernsehen zunächst beiseite gelassen. Eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Farbfernsehen in Europa war die Einführung eines einheitlichen Zeilenstandards. Später dann hat man sich mit dem amerikanischen NTSC-Standard auseinandergesetzt und versucht, diesen an europäische Standards anzupassen; so kamen die Alternativen SECAM und PAL auf. Beide basieren auf dem NTSC-System, führt jedoch kleine Änderungen ein, die es erlaubten, eigene Patente anzumelden und so industrielle Interessen zu verteidigen.

Obwohl die Einführung des Farbfernsehens in Europa mit der Hoffnung verbunden war, einen einheitlichen europäischen Standard zu entwickeln, scheiterten diese Bemühungen. Dass zwei Standards in Europa eingeführt wurden, war das Resultat einer technopolitischen Auseinandersetzung zwischen der Bundesrepublik (PAL), beziehungsweise „Telefunken“, und Frankreich (SECAM), beziehungsweise der „Compagnie Francaise de Télévision“ (CFT).   In dieser Auseinandersetzung spielte vor allem der französische Präsident Charles de Gaulle ein wichtige Rolle, der das SECAM-System als Vehikel für seine Außenpolitik nutzte. Zum einen versuchte er sich damit abzugrenzen von den USA, in denen de Gaulle eine Gefahr für die französische „grandeur“ sah. Zum anderen versuchte er damit seine neue Ostpolitik voran zu treiben. Er schaffte es tatsächlich, der Sowjetunion das SECAM-System im Rahmen eines groß angelegten Wirtschaftsabkommens zu verkaufen. Das führte dazu, dass alle Ostblockstaaten SECAM einführen mussten. Der strategische Hintergrundgedanke dieses außenpolitischen Manövers war, dass wenn auch die DDR den SECAM Standard übernimmt, die Bundesrepublik den PAL-Standard zurückziehen würde. Das Risiko, neben der Mauer auch noch eine Farbfernsehmauer zwischen der DDR und der BRD einzuführen, würde man in Bonn wohl nicht eingehen. Dieses Kalkül ist aber nicht aufgegangen.

Das Schwarz-Weiß bot eine gewisse Distanz zur Realität. Ist diese mit der Einführung des Farbfernsehens verschwunden?

Fickers Beim medialen Sehen handelt es sich um eine Kulturtechnik, die sich immer wieder verändert. Bei der Einführung des Farbfernsehens haben viele das Farbbild als „nicht echt“ empfunden – weil sie eben nur das Schwarz-Weiß-Fernsehen kannten. Das war für sie die mediale Repräsentation der Realität im Fernsehen. Die Sehgewohnheiten der Zuschauer mussten sich noch an das Farbbild anpassen. Ähnliche Anpassungsphasen gab es auch beim Übergang von der s/w zur Farbfotografie oder beim Film.

Welche technischen Innovationen beim Fernsehen hatten später eine vergleichbare Tragweite wie die Einführung des Farbfernsehens?

Fickers Zum einen die fast zeitgleiche Einführung der Satellitentechnik. Von der Übertragungstechnik her war das sehr prägend, weil man zum ersten Mal globale Fernseh-events kreieren konnte. Zum anderen der Übergang vom analogen zum digitalen Fernsehen, was sämtliche Fernsehtechnik, sowohl in der Produktion als auch in der Distribution und bei den Endgeräten, veränderte. Mit dem Digitalen, vor allem wegen des Streaming, kommt es zu einer Entkopplung von Produktions- und Rezeptionsszeit. Dadurch verändert sich das komplette Konsumverhalten.