TETINGEN
SIMONE MOLITOR

Die „Trauerwee asbl“ unterstützt Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung eines Verlustes

Auch Kinder trauern. Selbstverständlich tun sie das. Nur eben anders als Erwachsene. Ihre Reaktionen auf einen plötzlichen Todesfall können ganz unterschiedlich sein. Tod und Trauer sind je nach Alter Themen, mit denen sie vorher nie in Kontakt waren. Ihre Bedürfnisse dürfen in solchen Situationen nicht unberücksichtigt bleiben, schließlich gerät auch ihre Welt durcheinander. Stirbt ein naher Verwandter, sind die Erwachsenen meist überfordert, selbst in ihrer Trauer gefangen oder müssen sich um 1.000 verschiedene Dinge kümmern. Ohne böse Absicht bleibt das Kind während dieser Zeit manchmal auf der Strecke. Nicht selten wissen Familienangehörige ganz einfach nicht, wie sie sich trauernden Kindern gegenüber verhalten sollen. Genau das war entscheidend für die Gründung der „Trauerwee asbl“ im Januar 2014. Die Vereinigung unterstützt und begleitet Kinder und Jugendliche, die eine nahe stehende Person verloren haben.

Ein Ort, um über Erlebnisse und Gefühle zu sprechen

„Ausschlaggebend war ein persönlicher Schicksalsschlag“, erzählt Gründerin und Vorstandsvorsitzende Simone Thill. Bei der Vizepräsidentin und Mitgründerin Christiane Rassel war es ähnlich. Die Erfahrungen haben die beiden Frauen, die schon vorher befreundet waren, noch enger zusammengeschweißt und schließlich auf die Idee gebracht. „Es gab einfach keine richtige Trauerbegleitung für Kinder in Luxemburg. Es fehlte an einem Ort, an dem sie den Verlust eines lieben Menschen verarbeiten können“, gibt Thill zu bedenken. Wohlbemerkt handelt es sich um eine Begleitung, im engeren Sinn um eine Selbsthilfegruppe, und nicht etwa um eine Therapie. Das unterstreicht auch die Präsidentin: „Kinder haben nicht unbedingt Lust, vor einem Erwachsenen zu sitzen und Fragen zu beantworten“. Die „Trauerwee asbl“, die ihren Sitz im „Régine-Haus“ in Tetingen hat, geht anders vor, wie Thill weiter ausführt: „Über das Spielen sollen sie ihre Trauer leben und verarbeiten können. Es ist außerdem wichtig, dass sie auf Gleichaltrige treffen, die etwas Ähnliches durchleben. Das hilft sehr. Stirbt jemand in der Familie, entsteht dort ein enormes Chaos. Den Eltern fehlt es an der nötigen Energie, um sich intensiv um die Sprösslinge zu kümmern. Andere Familienangehörige wissen nicht so recht, was sie sagen sollen. Aus Angst, etwas falsch zu machen, wird oft überhaupt nichts gemacht, sodass die Kinder mit ihrer Trauer allein bleiben. Häufig ziehen sie sich dann zurück, weil sie nicht noch zusätzlich stören wollen, immerhin erleben sie ihre Eltern in einem Zustand, den sie bis dahin vielleicht nicht kannten.“

Im Spiel erzählen, statt Fragen beantworten

Das erste Gespräch im „Régine-Haus“ findet gemeinsam mit den Eltern, oder einem Elternteil, und dem Kind statt. „Bei diesem Kennenlernen sprechen wir über den Sterbefall. Wir betreuen hauptsächlich Kinder, die einen direkten Familienangehörigen verloren haben, eine Person, die plötzlich zuhause fehlt, also Mutter, Vater, Bruder oder Schwester. Wenn es um Opa oder Oma geht, sind wir natürlich auch da. Nach diesem ersten Gespräch kommt das Kind dann alleine, einmal pro Woche jeweils anderthalb Stunden. Wir arbeiten demnach nicht mit den Eltern und machen ihnen auch keinen Bericht. Das was die Kinder uns erzählen, geben wir nicht weiter. Wenn wir allerdings sehen, dass es ein tiefgreifendes Problem gibt, bereden wir das selbstverständlich mit den Eltern. Wir stehen auch in Kontakt mit Psychologen, an die wir Betroffene gegebenenfalls weiterleiten“, erklärt die Präsidentin. Kindern falle es in der Regel nicht schwer, sich zu öffnen. „Sie beantworten nicht gerne Fragen von Erwachsenen, aber sie spielen gerne. Über kreatives Spielen erreicht man sie sehr gut“, weiß Thill.

Die Treffen laufen immer nach dem gleichen Muster ab: „Wir sitzen in der Gruppe im Kreis, und dann erzählt jeder, wie seine Woche war. Danach kommen wir auf ein bestimmtes Thema zu sprechen, beispielsweise die Trauerfeier. Jeder darf wieder seine Erlebnisse beschreiben. Die Kinder hören immer mit großem Interesse zu, was die anderen zu erzählen haben und wie sie ihren jeweiligen Schicksalsschlag erlebt haben. Der Austausch ist sehr wichtig. Wir zwingen niemanden, sich mitzuteilen oder sich an allem zu beteiligen, das entwickelt sich meist von ganz alleine und läuft ganz unkompliziert ab“, bemerkt die Gründerin der „Trauerwee asbl“. „Durch unsere Arbeit versuchen wir dem Thema Tod ein Stückchen Grausamkeit zu nehmen. Es ist wichtig, Rituale im Umgang mit dem Verlust zu finden, mithilfe derer die Kinder die Verstorbenen gleichzeitig in ihr Leben integrieren können“, fügt sie hinzu.

Sorgenfresser „Caro“

Natürlich gibt es zwischendurch auch immer mal Dinge, über die die jungen Besucher nicht reden wollen. Dann kommt Plüschtier „Caro“ zum Einsatz: Der Sorgenfresser. „Wenn die Kinder Sorgen haben, über die sie nicht sprechen wollen, können sie diese auf einen Zettel schreiben und in Caros Bauchtasche stecken. Wenn es ihnen besser geht, können sie ihn wieder rausnehmen und zerreißen. Wir wissen nicht, was draufsteht, es ist ihr Sorgenfresser. Jedes Kind hat außerdem sein persönliches Erinnerungskästchen, das es selbst verzieren und anschließend mit Fotos, Zeichnungen oder Erinnerungsstücken füllen kann. Jederzeit kann es die Schachtel öffnen und sich damit zurückziehen. Das gibt Halt“, verdeutlicht Thill.

Auch Jugendliche sind willkommen

Anfangs haben Simone Thill und Christiane Rassel die Betreuung alleine gemanagt, vor rund einem Monat wurde eine erste ehrenamtliche Mitarbeiterin mit an Bord genommen. Drei weitere Personen haben ihre Hilfe vor kurzem angeboten. Momentan betreut die Vereinigung sieben Kinder, das jüngste ist gerade einmal vier Jahre alt. „Ab September werden wir die Gruppe wohl teilen, um sicherzustellen, dass niemand zu kurz kommt. Die Kinder können übrigens so lange kommen, wie sie es möchten und wie sie es brauchen“, betont Thill. Das Angebot kann aber auch von Jugendlichen genutzt werden. Die Arbeit mit ihnen sieht verständlicherweise anders aus. „Das ist ein immenser Unterschied, weil die Auffassung vom Tod je nach Alter eine komplett andere ist, was dann auch eine individuelle Herangehensweise unsererseits voraussetzt“, bemerkt die Vorsitzende. Mittlerweile wurde außerdem eine Selbsthilfegruppe für Mütter oder Väter, die ihren Partner verloren haben, geschaffen.

Bislang habe man viele positive Erfahrungen gemacht, freut sich Thill. „Zu sehen, wie man trauernden Kindern weiterhelfen kann, und zu merken, wie es ihnen langsam besser geht, ist ein sehr schönes Gefühl. Dadurch hat man selbst einen gewissen Schutz, sodass einen die Arbeit nicht belastet“, sagt sie.
Das Angebot der Trauerwee asbl ist kostenfrei. Informationen
unter www.trauerwee.lu und der Telefonnummer 691337317