Um gleich einmal dem Vorwurf des Brit-Bashing vorzubeugen: Der Autor dieser Zeilen mag dieses Land aus ganzem Herzen. Nicht nur wegen des Festival of Speed in Goodwood, des Perpendicular Style, Inspektor Barnaby, John Cleese und P.D. James . England ist toll, es ist skurril, es steckt voller Kultur und voller Natur. Aber eines ist es nicht: Ein Teil von Europa.
Dass dieses Land völlig anders tickt, sieht man nicht nur an seltsam gekleideten Ultrapatrioten, sondern auch am Personal, dass morgen zur Wahl des Unterhauses antritt. Diese Herrschaften mögen zwar Anzug und Twinset tragen, aber ihre Art von Politik ist weit von dem entfernt, was auf dem Kontinent üblich ist. Die Linken sind (wieder) linker, die Konservativen sind knorrig konservativ, die Liberalen glauben noch an linksliberale Werte, die schottischen Nationalisten sind echte Nationalisten, aber keine Rechten, sondern Sozialisten - was einen deutschsprachigen Autor linguistisch ins Trudeln bringt - und mit der UKIP tritt das institutionalisierte Thekengespräch zur Wahl an. Schräg ist, dass in einem Land mit einer der ältesten Denkmal- und Landschaftsschutzorganisationen der Welt, dem „National Trust“, die Grünen kein Bein auf den Boden kriegen.
Die erste und vermutlich einzige Legislaturperiode der konservativ-liberalen Koalition fand irgendwie nicht statt. Die Wirtschaft funktioniert zwar ordentlich, doch nehmen die Briten das irgendwie nicht wahr. Die Liberalen haben mit den Torries den falschen Partner erwählt, David Cameron hat sie erstens platt, zweitens für alles und jedes verantwortlich gemacht. Dabei heißt das Problem der Torries Cameron - Unentschlossenheit als Prinzip. Er hat keine Haltung, am wenigsten eine zu Europa. Er verspricht ein Referendum über die EU, stößt seine Partner in Brüssel vor den Kopf und lässt sich vom Inhaber der Lufthoheit in den Pubs, Nigel Farage, herumstoßen. Wofür steht Cameron? Der Mann, der sich im Wahlkampf sogar zum Verspeisen eines Hot-Dogs herab ließ, scheint keine eigene Meinung zu haben.
Das Snob-Gen hat Ed Milliband auch tief in den Knochen. Der Mann, der die Labour-Party Tony Blairs - man erinnert sich: Bushs Pudel - wieder ganz auf Linkskurs getrimmt hat, besitzt eine extra spartanische Küche für Home-Stories, die andere ist der Familie vorbehalten. Die Umfragen gehen davon aus, dass alle Wahlkreise in Schottland - die weniger als die Hälfte der Londoner ausmachen - an die linken schottischen Nationalisten fallen. Zu Lasten von Labour.
Das - mit Verlaub - bescheuerte britische Mehrheitswahlrecht soll ja eigentlich eine stabile Regierungsmehrheit sichern. Margret Thatcher kam mit 40 Prozent der Wählerstimmen zu einer so überragenden Mehrheit der Sitze, dass es ihr ein leichtes war, die britischen Gewerkschaften an der Wand zu zerquetschen. Das geschah zu einer Zeit, als in anderen europäischen Ländern längst Gewerkschaftler in den Aufsichtsräten saßen und Konflikte im Konsens gelöst wurden. Auf der Insel ist man linker, rechter, konservativer elitärer, kompromissloser als auf dem Kontinent. Daher auch der Hang zum „The winner takes it all“. Dumm, dass das in einem Fünfparteien-System nicht mehr funktioniert. Morgen Abend wird es in London lange Gesichter und ein allgemeines „Und nun?“ geben.



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