LUXEMBURG
MADY LUTGEN

Eine Freerunnerin erzählt über diesen außergewöhnlichen Sport

Eigentlich ist Lynn Jung durch Zufall auf das Freerunning gestoßen. Die Studentin hat früher viel geturnt und getanzt und war schon immer sehr sportbegeistert. In Innsbruck, wo sie zurzeit noch wohnt und studiert, sind die Menschen generell sehr offen für Bewegung und in der näheren Umgebung hat es bereits vor fünf Jahren einen etablierten „Parkour“-Verein gegeben, der täglich Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene angeboten hat. Gleich nach der ersten Stunde war die Extremsportlerin so begeistert, dass sie regelmäßig zum Training gegangen ist, bis sie nach einer Weile angefangen hat, alleine für sich draußen zu trainieren.

Warum fasziniert dich dieser Sport so?

Lynn Jung Am Parkour fasziniert mich vor allem, dass es so simpel ist. Es geht darum, sich natürlich zu bewegen und seine Umwelt kreativ und effizient zu nutzen. Anders als die meisten anderen Sportarten kennt Parkour keine Regeln oder Einschränkungen. Die Disziplin ist – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Fitness – jedem Menschen zugänglich. Sie kann überall zu jeder Zeit praktiziert werden. Wenn man Kindern draußen beim Spielen zuschaut, merkt man, dass Menschen die Fähigkeit besitzen, sich natürlich zu bewegen.

Wo trainierst Du und wie lange?

Jung Ich trainiere hauptsächlich in Innsbruck, wo ich zurzeit noch studiere, und in London, wo mein Freund wohnt. Allerdings reise ich durchs Freerunning auch sehr viel, was mir ermöglicht, in anderen Städten und an neuen Spots zu trainieren. Am liebsten bin ich natürlich draußen – allerdings ist das allein schon wegen des Wetters nicht immer möglich. Wenn ich also nicht draußen trainiere, gehe ich, je nachdem wo ich gerade bin, in Parkour-Hallen oder alternativ in Turnhallen mit Weichböden und Schnitzelgrube.

Übst Du den Sport professionell aus?

Jung Im Moment bin ich noch Studentin an der Universität Innsbruck und muss mich neben meinem Training auch auf die Uni konzentrieren. Allerdings wurden mir im letzten Jahr recht viele Jobs angeboten und die Anfragen nehmen nicht ab. Meist bringt mir ein erledigter Job, bei dem die Kunden mit meiner Leistung zufrieden waren, weitere Angebote. Häufig handelt es sich bei den Jobs um Werbekampagnen oder Liveauftritte. Cool ist es vor allem, wenn man mit Freunden am Set oder auf der Bühne steht. Gelegentlich organisiere ich auch Workshops, um den Kindern und Jugendlichen in Schulen Parkour näher zu bringen. Noch vor zwei Jahren hätte ich mir das alles nie erträumt. Mittlerweile hat sich meine Einstellung geändert und ich hoffe natürlich, dass es mir weiterhin möglich sein wird, von meinem Hobby zu leben.

Gibt es auch Wettkämpfe in dieser Sportart?

Jung Der Sport an sich ist eigentlich keine kompetitive Disziplin. Allerdings werden Parkour- und Freerunning-Contests immer zahlreicher und populärer. Am bekanntesten ist wahrscheinlich „Red Bull Art of Motion“, das in den letzten Jahren immer in Santorini stattgefunden hat. Dies ist allerdings nicht der einzige Contest und die Wettkämpfe unterscheiden sich auch in ihrer Art. Beim Contest in Santorini werden die Athleten und Athletinnen unter anderem nach dem Schwierigkeitsgrad ihrer Tricks, der Bewegungsausführung und der Kreativität ihres Runs bewertet. Bei anderen Events werden Speedcontests abgehalten. Da geht es dann darum, eine gewisse Strecke so schnell wie möglich zu durchlaufen.

Deine Sprünge sehen sehr gefährlich aus, hast du nie Angst? Hast Du dich schon mal verletzt?

Jung Oft sehen Sprünge gefährlicher aus, als sie es tatsächlich sind. Vor allem in den Medien wird Parkour oft als sehr riskante Sportart, bei der Freerunner an Fassaden von Hochhäusern hochklettern, in schwindelerregender Höhe auf Balken balancieren und waghalsig von Dach zu Dach springen, dargestellt. Das ist grundsätzlich nicht falsch, allerdings wird ausgeblendet, dass Freerunning sich nicht ausschließlich über den Dächern der Stadt abspielt. Hinter den Stunts, die man aus Videos kennt, stecken jahrelanges Training und zigtausende Sprünge auf niedrigem Level. Klar bedeutet dies nicht, dass man beim Training nie Angst verspürt. Angst gehört dazu und das ist auch gut so. Die Frage ist, wie man mit diesem Gefühl umgeht. Meist hilft es mir, wenn ich mir die Frage stelle, wovor ich eigentlich Angst habe, und die Risiken abwäge. Und es gibt keinen Grund, warum ich einen Sprung, den ich am Boden schaffe, nicht auch in einigen Metern Höhe schaffen kann. Parkour ist viel Kopfsache und es geht genau darum, die Angst, die man vor einem Sprung verspürt, zu relativieren und zu überwinden.

Welche Sprünge sind die schwierigsten?

Jung Am schwierigsten sind für mich solche, bei denen ich mich schon einmal verletzt habe. Das muss man dann versuchen, ganz auszublenden, und darin besteht eigentlich die Schwierigkeit. Wenn man kurz vor einem Sprung daran denkt, was im schlimmsten Fall passieren könnte, ist das sicherlich nicht hilfreich. Deswegen habe ich auch aufgehört, mir Fail Videos anzuschauen. Zumindest ist das für mich und mein Training sehr kontraproduktiv.

Wie stellst Du dir deine Zukunft vor?

Jung Ich stelle mir sie eigentlich sehr einfach vor. Ich hoffe, ich werde immer in Bewegung bleiben können und von den Menschen umgeben sein, die mir am wichtigsten in meinem Leben sind. Ideal wäre natürlich, wenn ich irgendwann irgendwo eine Parkour-Halle eröffnen und Kindern und Erwachsenen die Möglichkeit geben könnte, Parkour zu erlernen und Spaß an Bewegung zu finden. •