PATRICK VERSALL

Die Welt dreht sich zwei Wochen um die olympischen Ringe, die Debatte um die zweisprachige Alphabetisierung dreht sich seit Jahrzehnten im Kreis. In den kommenden Wochen und Monaten soll Bewegung in die festgefahrenen Debatten um die Alphabetisierungsmethoden kommen. Da vor den Parlamentswahlen die meisten Parteien zur zweisprachigen Alphabetisierung - wenn auch sehr vage - Stellung bezogen, darf man sich demnächst auf die eine oder andere wissenschaftliche Untersuchung zum Thema freuen. Die neue Regierung wird - so sieht es das Koalitionsabkommen vor - den Ist-Zustand in den Grund- und Sekundarschulen unter die Lupe nehmen; Bildungsminister Claude Meisch unterstrich dieser Tage, dass eine Zusammenarbeit mit Forschern der Universität Luxemburg ins Auge gefasst werden könnte.

Nachdem jahrzehntelang die Diskussion um dieses Thema auf Stammtischniveau geführt wurde, ist eine akademische Herangehensweise an das Sujet mehr als überfällig. Gegner wie Befürworter der Zweisprachen-Option bedienten sich oft irgendwelcher Pseudo-Statistiken, um ihre jeweiligen Positionen zu untermauern. Debatten über die luxemburgische Sprachsituation enden generell in einer Sackgasse - vielleicht, weil Luxemburg nicht über eine typische Streitkultur verfügt. Dass eine Regierung eine wissenschaftlich-geprägte Debatte um die getrennte Alphabetisierung ins Rollen bringen möchte, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings wird eine zweisprachige Alphabetisierung - sollte sie irgendwann Realität werden - keinesfalls die Fehler ausmerzen, die Luxemburg im Zuge einer fehlgeschlagenen Integrationspolitik unterlaufen sind. Alle Dossiers, in denen es um Sprach- und Integrationspolitik geht, werden zu heißen Eisen, an denen sich Parteien aller Couleurs nicht die Finger verbrennen möchten und diese in der Regel mittels einer Feuerzange von einer Regierung an die nächste weitergereicht werden. Angefangen beim Sprachengesetz, in dem „vergessen“ wurde, aus Luxemburgisch eine offizielle Sprache zu machen, bis hin zu den nicht ganz verklungenen Debatten über die obligaten Sprachtests, über die man die luxemburgische Staatsbürgerschaft erlangen kann. Sprachdebatten geht Luxemburg aus dem Weg, weil es nicht riskieren will, seinen Ruf als multilinguales Musterland, das es allen Sprachgemeinschaften Recht machen möchte, aufs Spiel zu setzen.

Eine zweisprachige Alphabetisierung würde den Status des multilingualen Landes ins Wanken bringen. Kinder aus romanophonen Haushalten haben zweifelsohne ihr liebe Mühe mit dem Erlernen der deutschen Sprache. Viele Schüler mit Migrationshintergrund erklären allerdings nach Abschluss ihrer Sekundarstudie, dass die Schulzeit in Luxemburg heftig gewesen sei, doch diese - aufgrund der Mehrsprachigkeit - ihren kulturellen Horizont erweitert habe. Soll man wirklich jungen Menschen ein Sprachgepäck vorenthalten, indem man sie demnächst in einen einsprachigen Bildungsmantel einlullt, nur um ihnen alle Steine auf dem Weg durch das Schulsystem wegzuräumen? So wie es aussieht, ist Luxemburgs gerade dabei, eine weitere Etappe auf dem Holzweg der fehlgeschlagenen Integration zu beschreiten.