COLETTE MART

Eine Petition zur Förderung des Luxemburgischen als Amtssprache, die derzeit einen beachtlichen Erfolg verzeichnet, kurbelte in der Luxemburger Öffentlichkeit erneut die sensible Debatte um die Verflechtung von Sprache und Identität an. Während bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Sensibilisierungsdebatte um den Erhalt der Sprache und unserer kulturellen Identität den Status unserer Sprache verbesserte, (wurde doch das Luxemburgische 1984 zur Nationalsprache, an einer offiziellen und neuen Grammatik gearbeitet, sowie die Luxemburger Literatur gezielt gefördert), scheint es, als käme es jetzt zu einem zweiten, ähnlichen Ansatz. Dieser fügt sich allerdings in einen gesellschaftlichen Kontext ein, der völlig verändert ist, zählt doch zum Beispiel die Stadt Luxemburg mittlerweile fast 70 Prozent Nicht-Luxemburger. In vielen Familien wachsen Kinder mehrsprachig auf, in der öffentlichen Schule und in den gemeindeeigenen Betreuungsstrukturen wird allerdings Luxemburgisch als Integrationssprache promoviert, um die Kinder bestmöglich auf das luxemburgische Schulsystem vorzubereiten, das noch immer mehrsprachig ist.

Die Mehrsprachigkeit hat also in unserem Land auch eine lange Tradition, ist auf die Präsenz französischer und preußischer Besatzer in vorigen Jahrhunderten zurückzuführen, und es wäre demgemäß historisch falsch, die Luxemburger Identität von dieser Mehrsprachigkeit abzukoppeln. Allerdings sollte auch daran erinnert werden, dass die ersten Luxemburger Lieder und Gedichte im 19. Jahrhundert als identitätsstiftend erlebt wurden, aus diesem Grund auch im kulturellen Leben verankert blieben, und bis heute die Verbundenheit der Luxemburger mit ihrem Ländchen reflektieren. Aber auch die Immigration ist integrierender Bestandteil unserer Geschichte, denn mit den Bergwerken und der Stahlindustrie, und also demgemäß auch mit Arbeitern aus südeuropäischen Ländern bauten wir unseren Wohlstand auf. Luxemburger und Nicht-Luxemburger heirateten einander, italienische und portugiesische Nachnamen sind heute Luxemburger Namen. Diese Geschichte können wir nicht einfach abstreifen, vergessen, weil sie uns nämlich bereicherte, und unser kleines Land daran erinnern sollte, dass Menschlichkeit immer auch ein Miteinander ist, und ein Versuch, sich über sprachliche Barrieren hinaus zu verstehen und miteinander zu leben.

Das Erlernen der Luxemburger Sprache, das in der Schule selbstverständlich ist, erweist sich für erwachsene Nicht-Luxemburger als ein zweischneidiges Schwert. In der Tat ist der Zugang zu unserer Sprache nicht für jeden einfach, und viele bemühen sich, luxemburgisch zu lernen, ohne dafür einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen, und ohne deswegen tatsächlich Kontakt mit Luxemburgern zu haben. Für viele wäre es tatsächlich sinnvoller, ihre Französischkenntnisse zu verbessern, als eine doch schwierige Sprache zu lernen, die ihnen im Beruf und auch in der Kommunikation allgemein nicht weiterhilft. In der aktuellen Debatte um den Erhalt der Sprache sollten demgemäß die realen Sorgen der Menschen, ihre Suche nach Arbeit, Gespräch, sozialer Verankerung und Absicherung, immer auch mit im Vordergrund bleiben, ansonsten wir die gesellschaftliche Kohäsion mit dieser Debatte untergraben.