LUXEMBURG
PASCAL STEINWACHS

Montagnachmittag wurden im Plenum der Abgeordnetenkammer gleich zwei Petitionen öffentlich diskutiert, die die luxemburgische Sprache zum Inhalt haben. So fordert die Ende August des vergangenen Jahres von Lucien Welter eingereichte Petition 698, die innerhalb von sechs Wochen auf rekordverdächtige über 14.500 Unterschriften kam, den Gebrauch des Luxemburgischen als erste Amtssprache, derweil die einige Wochen später von Jos Schloesser eingereichte Petition 698 genau das Gegenteil bezweckte, nämlich ein „Nein zur luxemburgischen Landessprache als erste Amtssprache“. Letztere Petition war indes nicht so erfolgreich wie die erste Petition und erreichte innerhalb der vorgesehenen Frist rund 5.200 Unterschriften; um in einer öffentlichen Debatte im Parlament diskutiert zu werden, sind innerhalb von sechs Wochen mindestens 4.500 Unterschriften erforderlich.

Zwei getrennte Debatten

Die zwei Debatten, die jede etwas mehr als eine Stunde in Anspruch nahm, fanden dann auch getrennt voneinander, das heißt nacheinander statt, wobei sich die Diskussionen aber natürlich teilweise überschnitten, ging es doch zweimal um die luxemburgische Sprache. Zuerst behandelt wurde indes die Welter’sche Petition über die Einführung des Luxemburgischen als erste Amtssprache.

Wo stehen wir?

Kein „Entweder-oder“

Jeder will das Luxemburgische aufwerten: Warum sich nicht mehr einbringen?

Am Ende wollen doch alle das Gleiche: Die Mehrsprachigkeit erhalten, die schließlich immer ein Vorteil für das Großherzogtum war, aber das Luxemburgische weiter stärken. Kein „Entweder, oder“ also, sondern ein „Zugleich“, wie es Montag bei den mit einiger Spannung erwarteten Petitionen mit den Aktennummern 698 und 725 von mehreren Seiten betont wurde.

Erstere Petition machte sich bekanntlich für die Einführung des Luxemburgischen als erste Amtssprache stark und erhielt eine Rekord-Zustimmung, die andere, weniger erfolgreiche, wurde gegen diese Idee gegründet. Beide wurden nicht zuletzt in den sozialen Medien heiß diskutiert wobei es dort mitunter zu scharfen persönlichen Anrempelungen kommt und zu schlimmen Attacken gegen zumeist ausländische Mitbürger und Grenzgänger.

Lucien Welter, der Urheber der Petition 698, hatte sich in den vergangenen Tagen auf Facebook erneut von Leuten distanziert, die seine Initiative für politische Zwecke einzuspannen versuchen und wehrte sich auch Montag wieder gegen „Falschinterpretationen“ seiner Anliegen. Die Sprachendebatte hat sich hierzulande besonders seit dem Referendum vom Juni 2015 verstärkt, bei dem es ja unter anderem auch um die Ausweitung des parlamentarischen Wahlrechts auf Nicht-Luxemburger unter gewissen Bedingungen ging - eine nach wie vor wichtige Frage in einem Land, wo bald die Hälfte der Bevölkerung nicht zu den Parlamentswahlen zugelassen ist.

Seither stehen die Kriterien für den Zugang zur luxemburgischen Nationalität im Vordergrund, die nicht zuletzt einen Sprachentest voraussetzt, aber auch der Umgang mit dem Luxemburgischen und dessen Stellenwert auf allen Ebenen unserer Gesellschaft. Es geht auch viel von „Identität“ die Rede, ein umstrittenes Konzept in einem Land, das stets „à cheval“ auf zwei großen kulturellen Einflussgebieten lag, das nicht zuletzt durch mehrere Migrationswellen aus entfernteren Ländern zu dem wurde, was es heute ist und von manchen unilateral auf die Sprache reduziert wird.

Lucien Welter, der ganz sachlich zugab, dass er nicht abgesehen habe, welchen Aufwand seine Forderung nach sich ziehen könne, drückte auch erneut seine Angst vor dem „Aussterben“ des Luxemburgischen aus, das durch Immigration immer weiter verwischt werde. Es könnten gar nicht so viele Luxemburger geboren werden, wie es brauche, um diesen Trend zu stoppen.

Allerdings dürfte das wenn überhaupt, in sehr ferner Zukunft der Fall sein, zeigen die Zahlen des Statec, die immerhin auf der umfassenden Volkszählung von 2011 fußen und Daten aus anderen Studien doch, dass noch nie soviel Luxemburgisch gesprochen und geschrieben wurde wie heute. Feststellungen, die in einer sehr emotionalen Debatte, in der deutlich mehr über negative Erfahrungen mit Sprachen geschrieben wird als über positive, oftmals „unter die Räder geraten“.

Dass es emotional in der Sprachendebatte zugeht, ist eigentlich kein Wunder, denn was liegt uns näher, als die Muttersprache, für deren Stärkung Premier Bettel Montag eine Reihe von Maßnahmen aufgezeichnet hat, die über das Symbolische hinaus gehen und von denen sich eine Reihe bereits in der Umsetzung befinden. Die Sprachendebatte, die manche schon zum „Streit“ hochstylisiert haben, wird dadurch nicht abgeschlossen sein. Aber vielleicht sollte nun auch von den „Streitern“ mehr Energie darauf verwendet werden, den scheinbar so unwilligen Nicht-Luxemburgisch-Sprachlern beim Erlernen der Sprache von Dicks und Lentz unter die Arme zu greifen. (Claude Karger)

Die Petitionäre hatten jeweils zehn bis 15 Minuten, ihr Anliegen zu erklären, gefolgt von den Fragen und Stellungnahmen der anwesenden Abgeordneten, den diesbezüglichen Reaktionen der Abgeordneten, und einer abschließenden Reaktion der Regierung, in diesem Falle Premierminister Xavier Bettel, der beiden Debatten aufmerksam zuhörte, und von einer gelebten Demokratie sprach. Kammerpräsident Mars Di Bartolomeo hatte zuvor noch daran erinnert, dass die Mehrsprachigkeit die Liebe zur luxemburgischen Sprache nicht ausschließen müsse.

Im Anschluss an die beiden öffentlichen Debatten diskutierten Regierung und Abgeordnete dann aber noch hinter verschlossenen Türen weiter, um die Schlussfolgerungen aus den vorangegangenen Debatten zu ziehen. So sollen die Diskussionen nun ab dem 25. Januar innerhalb des parlamentarischen Petitions- und des Institutionsausschusses fortgesetzt werden, um herauszufinden, wie verschiedenen Forderungen der Petitionäre Rechnung getragen werden kann, wie zum Beispiel einer stärkeren Berücksichtigung des Luxemburgischen im Gesundheitswesen. Die Abgeordneten hätten jedenfalls festgestellt, dass ein Bedarf zur Förderung der luxemburgischen Sprache bestehe, die Mehrsprachigkeit aber nicht vernachlässigt werden dürfe. Nun gehe es darum, einen politischen Konsens zu finden, welche Maßnahmen umgesetzt werden sollen, wie am späten Nachmittag auf der Webseite der Abgeordnetenkammer zu lesen stand.

Montagabend wurde auf „Chamber TV“ dann auch noch ein Rundtischgespräch über den Stellenwert der Sprachen („Quel statut pour quelle langue? Le luxembourgeois à pied d‘égalité ou non avec l’allemand et le français?“) übertragen, an dem LSAP-Fraktionschef Alex Bodry, DP-Fraktionschef Eugène Berger, die CSV-Abgeordnete Martine Hansen, der adr-Abgeordnete Fernand Kartheiser sowie der Historiker Michel Pauly teilnahmen. Das Rundtischgespräch wird Dienstag- und Mittwochabend sowie am Freitagabend jeweils um 20.00 auf „Chamber TV“ wiederholt, kann aber auch ab Dienstagnachmittag auf der Webseite der Abgeordnetenkammer abgerufen werden.

Es handelte sich am Montag übrigens um die 16. und die 17. öffentliche Anhörung einer Petition. Die nächste öffentliche Anhörung ist aber bereits für nächsten Montag angesagt, wenn über den Erhalt und die Modernisierung der Kirchenfabriken diskutiert wird.

Die Rede von Henri Werner, Verfechter des Status Quo