LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Die Petition für Luxemburgisch als erste Amtssprache wirft die Frage nach der Identität auf, die viele Menschen heute in einem Kollektiv suchen. Dabei wird die individuelle Identität ausgeklammert

Die Petition 698 bricht alle Rekorde. Mit dieser Reaktion hatte wohl selbst der gelernte Koch und Petitionsurheber Lucien Welter nicht gerechnet. Dabei ist durchaus zu erwarten gewesen, dass seine Petition im heutigen Europa einen Nerv des Volkes treffen würde. Themen wie Migration, Flüchtlinge und Wirtschaftswachstum führen zu der Angst, selbst auf der Strecke zu bleiben, selbst unterzugehen in der scheinbar heterogenen Masse, die sich nun aus vielerlei Kulturen und Nationalitäten zusammensetzt, sowie der Angst, die eigene Identität zu verlieren. Für die Luxemburger ist die eigene Sprache, das Luxemburgische, spätestens seit der Einführung des Sprachgesetztes 1984 zu einem wichtigen Teil und einem wichtigen Zeichen dieser Identität geworden.

Mehr Tiefgrund fordern

Nun muss man sich die Frage stellen, was Identität überhaupt ist. Einerseits definieren wir uns durch ein Kollektiv. Wir sind, wer wir sind, weil wir einer bestimmten Nationalität und einer bestimmten Sprachgruppe zugehörig sind. Gleichzeitig jedoch muss es etwas geben, wodurch wir uns von anderen abgrenzen, in diesem konkreten Fall von den frankophonen Ausländern und Grenzgängern. So zumindest denken wir uns das doch. Wir wollen dem einen Kollektiv angehören, einem anderen jedoch nicht. Es geht also nicht nur um die Frage, wer wir sind, sondern auch darum, wer wir nicht sind.

Allerdings bringt dieses Kollektiv-Denken immer auch einen negativen, feindlichen Aspekt mit sich. Wir unterstellen jemandem: „Du bist nicht wie ich.“ Aber muss ich wirklich bestimmen, wer ich nicht bin, muss ich mich immer wirklich für eine Gruppe entscheiden und für sie Partei ergreifen? Eigentlich ist es doch viel befriedigender, das Individuelle hervorzuheben. Es geht doch im Grunde um meine einzigartige, individuelle Identität. Wie wäre es also, wenn wir nach unserem individuellen Kern suchen würden? Wie wäre es, wenn wir bei der Identitätsfrage auf der tiefsten Ebene ansetzen würden, einer Ebene, auf der sich die Frage nach dem Kollektiv noch gar nicht stellt, eine Ebene, auf der wir uns alle unterscheiden und auf der es deshalb gar keinen Sinn macht, überhaupt von Unterscheidung zu sprechen? Wer nach Identität fragt, darf nicht an der Oberfläche kratzen.

Wiedererkennungswert

Wenn wir das nun konkret auf die Sprache anwenden, ergibt sich die Überlegung, dass es gar nicht so entscheidend ist, welche Sprache meine Hauptsprache ist und welche Sprache ich wann und wo spreche. Denn bin ich wirklich ein anderer Mensch, je nachdem, ob ich meine Bestellung in einem Restaurant auf Französisch, Deutsch, Englisch oder Luxemburgisch mache? Ich glaube das nicht. Der Mensch, der dort Kunde ist, bleibt stets derselbe. Doch wie kann Sprache dann trotzdem Teil unserer Identität sein?

Der Kernpunkt liegt wohl in der Art und Weise, wie ich spreche und worüber ich rede. Es kommt darauf an, wie ich Dinge formuliere, wie ich Mimik und Gestik einbringe, wie ich meine Stimme benutze und so weiter. All das gibt mir Wiedererkennungswert. All das sind Elemente, die mit einfließen in das große, komplexe Gefüge Identität auf der Ebene der Sprache. Wohlbemerkt ist das eine Identität, die nicht auf einen Ausweis passt.

Wenn ich nun nach vielen Jahren einen alten Freund wiedersehe, dann weiß ich noch ganz genau, wer er ist. Aber ich weiß es nicht dadurch, dass er Luxemburgisch mit mir spricht. Ich weiß es, weil er zwischen den Sätzen immer lange Pausen macht. Ich weiß es, weil er seine Sätze oft mit „hmm“ beginnt, weil er auf eine leicht monotone Art redet und weil er nur in kurzen Sätzen antwortet. Das sind nur einige Beispiele, die diese Überlegung untermauern sollen.

Schriftlich trifft das genauso zu. Es kommt weniger darauf an, in welcher Sprache ich schreibe als darauf, wie wortgewandt ich bin, wie groß mein Wortschatz ist, wie gut ich die Regeln der Syntax und Orthographie beherrsche, wie weit ich mich mit Höflichkeitsfloskeln auskenne etc. Im Grunde haben Komiker und Kabarettisten dieses Prinzip schon lange verstanden, wenn es darum geht, einen Politiker oder eine andere Persönlichkeit des öffentlichen Lebens nachzuahmen. Je eingehender die vorangehende Analyse, desto effektiver der komische Effekt, den sie erzielen. Würden sie nur in der Sprache des jeweiligen Prominenten sprechen, um ihn zu imitieren, würden ihre Zuschauer ihn nicht wiedererkennen.

Beim Fundament ansetzen

Statt nun Steuergelder in Millionenhöhe darin zu investieren, sämtliche Gesetzestexte auf Luxemburgisch zu übersetzen, könnten wir doch einfach schon mal damit beginnen, unsere persönliche Handschrift, unseren persönlichen Sprach-, Sprech- und Schreibstil zu pflegen und gezielt das Individuelle daran herauszuarbeiten und hervorzuheben. Denn ich habe den Eindruck, dass wir das manchmal vergessen. Dass wir uns sosehr auf das „wir“ und das „ihr“ konzentrieren, dass wir uns gar nicht mehr fragen, was das „ich“ denn eigentlich ausmacht. Die Unsicherheit ist gar nicht auf der Ebene „unseres“ Kollektivs, dem der Luxemburgisch-Sprecher, zu finden. Die Unsicherheit liegt viel mehr auf einer Ebene, die weitaus tiefer liegt und auf der wir nicht umhinkommen, uns selbst in Frage zu stellen.