LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Babel. Ein Wort, ein Zeichen“: Künstlerische Projekte mit begleitender Gebärdensprache

Seit zehn Jahren bezieht das „Mierscher Kulturhaus“ eine Thematik in ihr Programm ein, die bis heute eher diskret in und von der Gesellschaft behandelt wird: Gehörlosigkeit und mit ihr die Gebärdensprache. Letztere kann ihren Platz durchaus in der Kultur und Kunst finden und gehörlosen oder hörgeschädigten Menschen somit die Tür zu diesem Bereich öffnen. Ein erstes Projekt brachte das Kulturhaus im Jahr 2008 auf den Weg: „Lene Frank“, ein Theaterstück in luxemburgischer Sprache, bei dem Regisseurin Eva Paulin die Gebärdensprache direkt mit inszenierte. Weitere folgten.

„Babel. Ein Wort, ein Zeichen“ lautet der Titel, unter dem nun gleich mehrere künstlerische Projekte mit begleitender Gebärdensprache in Zusammenarbeit mit der Vereinigung „Solidarität mit Hörgeschädigten“ organisiert werden. „Wir sprechen von der Poesie der sprechenden Hände und vom Geheimnis der lautlos sprechend singenden Mittel“, sagte Karin Kremer, Direktorin des Merscher Kulturhauses gestern während der Programmvorstellung.

Barrieren abschaffen

„Die ganze Kunst der Sprache besteht darin, sich verbal mitteilen zu können, verstanden zu werden und zu verstehen. So wie jeder sprechende Mensch, wollen auch hörgeschädigte Menschen nicht bloß verstehen, was andere ihnen mitteilen, sie wollen auch verstanden werden, in ihrer Sprache, und sich in derselben mitteilen. Solange also die Gebärdensprache zum größten Teil nur von hörgeschädigten Menschen gesprochen wird, solange bleibt sie eher ein Instrument des Ausschlusses. Diese Barriere kann abgeschafft werden, indem man das Interesse der hörenden Menschen an der Gebärdensprache zu wecken versucht und eine Grundausbildung auf einfache Weise ermöglicht wird“, meinte Kremer.

Anerkennung der Gebärdensprache

Große Erwartungen knüpfe man diesbezüglich an das Gesetzesprojekt zur Anerkennung der deutschen Gebärdensprache als vollwertige Sprache, das am 23. Mai 2017 eingereicht wurde. Untereinander hätten taube Personen sehr wohl stabile Gemeinschaften aufgebaut. Ihre Freizeit würden sie überwiegend unter ihresgleichen verbringen, wusste die Kulturhaus-Leiterin. Sabrina Collé von der „Hörgeschädigten Beratung“ gab zu bedenken, dass hörgeschädigte Menschen im Alltag oft vor Herausforderungen stehen würden, beziehungsweise vor Barrieren, dies letztlich auch im Freizeitbereich, im Sport oder in der Kultur. „Die durch das geplante Gesetz vorgesehenen Maßnahmen sollen die Gebärdensprache fördern und verbreiten, sodass letztlich eine Sensibilisierung der ganzen Bevölkerung erreicht werden kann, was wichtig für eine inklusive Gesellschaft ist“, meinte Collé. „Babel. Ein Wort, ein Zeichen“ sei ein Projekt, das gehörlosen oder hörgeschädigten Menschen die Türen zur Kultur öffne.

Programm im Zeichen der Vielfalt

In Luxemburg sei das diesbezügliche kulturelle Angebot relativ überschaubar, stellte auch Peggy Kind vom „Mierscher Kulturhaus“ fest. Fünf Veranstaltungen in unterschiedlichen kulturellen Genres und noch dazu in verschiedenen Kulturinstitutionen quer durchs Land stehen dieses Jahr auf dem Programm. Und dies soll nur ein Anfang sein, wie gestern mehrfach unterstrichen wurde. „Unsere bisherige Erfahrung hat uns gelehrt, dass es nicht nur wichtig ist, etwas für sensible Gruppen oder betroffene Menschen zu tun, sondern auch mit ihnen“, bemerkte sie.

„Der Rest ist Schweigen - gehörlos in Luxemburg“ lautet der Titel der Auftaktveranstaltung am 20. Februar um 18.00 im „Cercle Cité“: Bei der Konferenz soll über die Bedürfnisse und Schwierigkeiten von Gehörlosen im Großherzogtum - schätzungsweise 300 leben hier - diskutiert werden. Mit dem deutschen Pantomimen Jomi und seinem Stück „Aktionsradius“ wird in die Konferenz eingeführt, an der sich unter anderem Bildungsminister Claude Meisch und Familienministerin Corinne Cahen beteiligen.

„Lieder für die Augen und die Ohren“ heißt es am 28. März um 20.00 in der „Schungfabrik“ in Kayl. Das französische Duo Albaricate lädt zu einem Konzert mit akustischer Musik und französischer Gebärdensprache, beziehungsweise getanzten Wörtern und gebärdeten Musiknoten.

„Marx mit Mundharmonika“ bieten Marc Limpach und Herrmann Treusch (Textauswahl und Lesung) sowie Michel Herblin (Mundharmonika) anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx am 4. Mai um 20.00 im Kasemattentheater.

Wenn „Struwwelpippi“ im Mai zur Springprozession kommt, stehen im Rahmen der Kinder- und Jugendbuchautorenresidenz in Echternach auch zwei Lesungen mit begleitender Gebärdensprache auf dem Programm: am 15. Mai um 19.30 im Trifolion und am 6. Juni um 19.00 unter dem Motto „Äddi Struwwelpippi“ im Rokoko-Pavillon.

Am 15. Juli, wenn das Merscher Literaturzentrum (CNL) zu seinem „Sommertag der Literatur“ lädt und Schriftsteller aus Luxemburg aus ihren Büchern vorlesen, wird ebenfalls ein Gebärdenprachdolmetscher anwesend sein.


Informationen unter www.kulturhaus.lu