DEUTSCHLAND
BJÖRN HAYER

Vier Gedichtbände ringen um die „Condition humaine“ und befragen die Erinnerung als Quell von Gegenwart und Zukunft

Der Beobachter ist ein Einzelgänger, einer, der Augenblicke wie Pilze sammelt, sie in der Hand dreht und neu gegen das Licht hält. So ein Typus verkörpert Dominik Dombrowski, der mit seinem neuen Band „Ich sage mir nichts“ für den Leser einen ganzen Korb an zusammengetragenen Wahrnehmungen und Bildern bereithält. Mal sitzt sein lyrisches Ich auf einer Hinterhoftreppe, wo ihm eine Dame von lebendigen Gartenzwergen berichtet, mal imaginiert es sich in einen Vater, der mit seinem Sohn den St. Martinsumzug begeht. Gewahr werden wir romantisch-verträumten Subjekten, die am Rand des gesellschaftlichen Trubels stehen und wie in dem Gedicht „Abhanden“ ein Faible für Plätze wie verlassene Güterbahnhöfe haben: „in Erwartung der Züge die hier nie eintreffen würden“ und der „Aussichtslosigkeit auf ihr Kommen“ malt das Ich Linien zwischen seine Sommersprossen und einem Muttermal. Als es einmal entfernt wird, zeichnet es kurzum andere Dinge auf seine Haut, die verloren gegangen sind. Der Körper erweist sich als Karte, als Projektionsfläche und als Aufbewahrungsort inmitten schnelllebiger Zeiten. Für Dominik Dombrowski, einen Gralshüter des Gedächtnisses, ist Poesie daher immer Haltung zur Erhaltung.

Im Zeichen der Erinnerung

Auch die neuen Gedichte Max Czolleks stehen im Zeichen der Erinnerung – allerdings nicht im konventionellen Sinne. Statt etwa Verstorbener einfach nur zu gedenken, schreibt er deren Geschichte mitunter um. Anne Frank begegnet uns – losgelöst von Fakten – als eine, die ihr sicheres Exil in den USA fand und dort „unbehelligt vom medienrummel / hochbetagt verstarb“. Geschichte erscheint in dem Band „Grenzwerte“ als brüchige Konstruktion, deren Oberfläche immer wieder Risse aufweist. Dadurch dringt Vergangenes in die Gegenwart. Angesichts von Rassismus, insbesondere gegenüber muslimischen Flüchtlingen, gipfelt das Gedicht „istanbul im märz“ in der Pointe: „für die beruhigende gewissheit / nächstes mal werden erst moscheen brennen / dann die synagogen“. Passend zu solchen Spiegelungen stehen auf den Seiten immer wieder Poeme auf dem Kopf. Was Czollek generell verfolgt, sind Irritation, eine Störung der vermeintlich meditativen Versenkung in die Lyrik. Diese politische Ambition könnte man als Brecht 3.0 beschreiben. Was den gesellschaftskritischen Texten jedoch fehlt, ist die konstruktive Vision. Der Dichter spielt allein die Klaviatur des Zynismus, wodurch sein Band, der wachrütteln will, am Ende allzu monoton ausfällt. Mehr und mehr geht das Verstörungspotenzial in eine erwartbare Lektüre über.

Während Czolleks Gedichte bisweilen zu aufdringlich um Welthaltigkeit ringen, ist sie in Walle Sayers poetischen Miniaturen gar nicht erst vorhanden. In seinem Band „Mitbringsel“ wird über das „Geheimnis des Kartoffelsalats“ nachgedacht oder die Verlesung der Lottozahlen kommentiert. Hinzu kommen zahlreiche Reflexionen über das Vergehen der Zeit: Von der „Taufkerze“ bleibt „ein Stummel / bis auf das letzte Drittel / heruntergebrannt.“ Im Zimmer der Tochter trifft ein gealtertes, lyrisches Ich auf „das Zahnlückenphoto vom Voltigieren“. Derlei Momentaufnahmen sind durchweg nett, in Teilen aber auch unausgegoren. Denn das einfache Bild bettet Sayer mithin in zu manierierten Umschreibungen. Verse wie „Die Umschwärmten sind mit Abwimmeln beschäftigt. / Uneinholbar der Vorsprung, vertändelt in der Nachspielzeit“ oder „Schimmert Polarlicht um den Eiswürfel im Whiskeyglas / Beginnt Nähe mit dem Waldesdunklen in der Wimperntusche“ zeugen von verkrampfter Artifizialität. Über die Banalitäten des Alltags zu schreiben, ist das eine. Sie dann noch ästhetizistisch überhöhen, ist dann doch zu viel des Guten (oder Schlechten).

Existenzielle Fragen

Dass das normale Leben in der Lyrik auf gelungene Weise seinen Platz finden kann, zeigt hingegen Barbara Pumhösel in ihrem Langgedicht „Die Distanz der Ufer“. Bereits dieser Titel lässt eine Nähe zu Friedrich Hölderlins Ästhetik des Fließens und der Übergänge zu. Von ihm übernimmt die 1959 geborene Autorin die Großmetapher des Flusses, dem wir folgen, das dialektische Hin und Her der Wellen und mitunter die existenziellen Fragen. Stets ringen ihre Texte um den Ursprung: „es wäre notwendig den inneren / den äußeren Standort festzustellen / die ungefähre Lage zu ergründen / auch die Richtung aus der wir / gekommen sind, um nicht irr- / tümlich wieder zurückzugehen / Falterona Schwarzwald Kalkalpen / oder Fruchtblase –“. Sucht das lyrische Ich nach der Herkunft, vielleicht auch dem Paradies, so mischt sich unter diese Versuche, den Sinn für die Zukunft im Lichte des Ursprungs herzustellen, unentwegt der Alltag. Beim Analysieren des Bodensatzes baden die Kinder. Auf dem Fluss hört man Ruderstimmen und sieht, wie Arbeiter Straßen bauen. Die Rêverie von „Quellgebiete[n]“ braucht diesen Kontrapunkt profaner Verankerung. Denn – so die Devise dieses furios geschriebenen Bandes – „Ohne Gegengewicht kein Gleichgewicht“. Nur so entsteht Spannung. Und nur mit ihr findet der vitale Wechsel aus Vergänglichkeit und Entstehung seinen Rhythmus. „Die Distanz der Ufer“ verbindet eine poetische Schifffahrt mit existenzieller Daseinsdeutung.

Dominik Dombrowski: Ich sage mir nichts, 80 Seiten, 17 Euro
Max Czollek: Grenzwerte, 116 Seiten, 17,90 Euro
Walle Sayer: Mitbringsel, 121 Seiten, 20 Euro
Barbara Pumhösel: Die Distanz der Ufer, 96 Seiten, 15 Euro

LESEZEICHEN

Letzte Worte

Wie dunkel ist dieser Mittwoch,
Es gibt die LesBar nicht mehr.
Zwei Seiten voll mit Büchern,
Morgen sind sie leer.

Kein Platz für Geist und Gedanken,
Das bringt doch alles kein Geld.
Stattdessen Gossip und Lifestyle
Wie es dem Hipster gefällt.

Lesezeit neunzig Sekunden,
Heißt das neue Rezept.
Autos, Fitness und Beauty
Passen da gut ins Konzept.

Aber die Literatur
Findet dort nicht mehr statt.
Es war einmal: eine Zeitung,
nun ist’s ein buntes Blatt.
          
VON FRANCIS KIRPS
Vorlage: Georg Heym - Letzte Wache
Lëtzebuerger Journal

Jean Portante - Leonardo

De la Première Guerre mondiale au 11 septembre 2001, de San Demetrio à New York en passant par Differdange, les Tramagni se cherchent. Pour chacune des trois générations du roman, la quête est différente. Quand les jumeaux Antonio et Lorenzo quittent, chacun de leur côté, l’Italie à l’aube du XXe siècle, ils fuient la misère, le regard résolument tourné vers l’avenir. Bien plus tard, leurs petits-fils Tony Jr. et Leonardo, bien intégrés dans leurs pays d’accueil respectifs, se tournent vers le passé. Au fil du temps, les Tramagni se sont éloignés de leurs racines italiennes, mais les petits-fils en sont hantés: comment hériter d’un passé rompu, plein de zones d’ombres et de non-dits? D’autant plus qu’un secret indicible accable la seconde génération. Comme lorsqu’on lit Cent ans de solitude de Garcia Marquez, il faut sans doute esquisser un arbre généalogique pour saisir toutes les ramifications du roman. Fresque ambitieuse et pleine de suspense qui porte sur une famille en proie à la grande histoire, avec des personnages qui luttent de toute leur force pour la survie et la dignité, Leonardo n’a qu’un défaut: le style brusque et hyperponctué qui s’obstine à couper chaque phrase dans son élan. Le lecteur, essoufflé, risque de se fatiguer avant la fin. PAR JULIEN JEUSETTE

Éditions Phi, 360 pages, 20 euros


Malise Ruthven - L’Arabie des Saoud

L’assassinat fin 2018 du journaliste saoudien Jamal Khashoggi a de nouveau braqué les projecteurs médiatiques sur le royaume wahhabite dont le prince héritier, Mohammed Ben Salmane, était encore il y a peu, présenté comme le fossoyeur annoncé de la «gérontocratie filiale qui règne depuis plus d’un demi-siècle». L’Arabie Saoudite serait-elle infréquentable? Spécialiste de l’Islam et du Moyen-Orient, l’écrivain et universitaire irlandais Malise Ruthven revisite l’histoire de ce pays fondé sur un axe «théologico-militaire» pour mieux en dessiner le mode de fonctionnement (un pouvoir politico-religieux centralisé) et les obsessions (une animosité tenace envers les chiites et les Frères musulmans, une relation privilégiée avec les Etats-Unis, un «prosélytisme sectaire»). Extrêmement documenté et pédagogique, cet essai oblige à relativiser l’antienne selon laquelle le pays serait engagé sur la voie du réformisme progressiste. La tolérance envers les femmes fait peut-être de timides progrès mais les autorités de Ryad demeurent sans pitié avec leurs opposants. Les chancelleries étrangères dépassent rarement les bornes de l’indignation publique. La pérennité des contrats avec le premier importateur mondial d’armes est à ce prix. PAR WILLIAM IRIGOYEN

La Fabrique, 240 pages, 18 euros


Patti Smith - Year of the Monkey

Patti Smith, die „Godmother of Punk“, hat sich spätestens seit ihrem mit dem National Book Award prämierten Werk „Just Kids“ in der literarischen Szene etabliert. Im Herbst 2019 ist ihr neuestes Werk „Year of the Monkey“ erschienen. Das Jahr 2016, das chinesische „Jahr des Affen“, wird für Patti Smith zu einem Jahr der Schicksalsschläge: Ihr Freund Sandy Perlman liegt im Koma und ihr ehemaliger Lebensgefährte, der Schriftsteller Sam Shepard, kämpft gegen eine ALS-Erkrankung, der er 2017 erliegt. Am Ende dieses verlustgeprägten Jahres steht Patti Smiths eigener, siebzigster Geburtstag an. Doch wie altert man als „Grande Dame“ des Rock? Diese Frage durchzieht das ganze Buch. So unternimmt sie eine Reise die Westküste Amerikas entlang, von Santa Cruz, nach San Diego und San Francisco, redet mit Fremden, Freunden und über Freunde, tote und lebendige. Die Reise durch Amerika wird zu einer Reise in die Vergangenheit: Die Gegenwart ist durchzogen von Erinnerungsfragmenten, ähnlich den in das Werk eingebauten Fotos von scheinbar unspektakulären Objekten und Orten, die als Garanten für die eigene Existenz dienen sollen. Doch selbst diese Unsicherheit erscheint der Erzählerin nicht als negativ. Ihre eigene Wirklichkeit entsteht im Zusammenspiel zwischen gegenwärtigen Gedanken, Erinnerungen und ihrer künstlerischen Repräsentation. VON SARAH LIPPERT

Knopf, 192 Seiten, 12 Euro

Lëtzebuerger Journal

Alina Bronsky - Scherbenpark

Es gibt wenig Schlimmeres als die Anbiederung. Das gilt auch für die Literatur: Alte, die glauben, den Sound der Jugend treffen zu können. Oder Junge, die der Ansicht sind, wie Altherren-Schriftsteller schreiben zu müssen. Die Ausnahmen sind so selten wie beglückend: Neben Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ und Guy Helmingers „Venezuela“ gehört Alina Bronskys Roman „Scherbenpark“ zu den Texten, in denen nichts verrutscht.  Mit dem Begriff der „Schullektüre“ sollte man dem Buch nicht auf die Pelle rücken. Überhaupt sorgt dieses Schreckenswort verlässlich dafür, dass alle Beteiligten die Lust am Lesen verlieren: Lehrkräfte fürchten den Pubertätsbullshit, Schüler die Pädagogisierung ihrer Erfahrungen. Gut, dass Bronsky weder den einen noch den anderen genügen möchte und sich stattdessen auf ihre Figur konzentriert.
Es handelt sich um Sascha, die auf der ersten Seite klarmacht, dass sie zwei Träume hat: Erstens will sie Vadim töten, der ihre Mutter erschießt, nachdem sie ihn verlassen hat; zweitens will sie ein Buch über ihre Mutter schreiben. „Scherbenpark“ findet seine Sujets, ohne sie krampfhaft aufzusuchen. Es geht um Frauenmorde, weil Männeridioten nur Gewalt und Selbstmitleid als Lösungsansatz kennen; es geht um die sexuelle Emanzipation einer 17-Jährigen, auf die sich gleichaltrige Jungs in ihrem Aggro-Machismus stürzen; es geht um den Verlust der Mutter, geschwisterliche Solidarität und die Brutalität im sogenannten Problembezirk. Und natürlich geht es um eine erste Liebe, die romantisch ist, gerade weil beide keine Ahnung haben, was gerade passiert.
„I absolutely love you / But we're absolute beginners / With eyes completely open / But nervous all the same“, singt David Bowie 1986. Bronsky schreibt in ihrem Debüt genau darüber, über die Überforderung des Anfangs und die Nervosität in Anbetracht existenzieller Fragen. Es gibt kein Happy End, keinen Fahrplan und keine Schablonen. Alles ist neu, alles ist schwierig, aber Bronsky bekommt es hin, Sascha auf knapp 300 Seiten in die Tiefe des Lebens zu entlassen. VON SAMUEL HAMEN

KiWi-Taschenbuch, 304 Seiten, 10 Euro

Auf Wiedersehen

Auch wenn es das LesBar-Rendez vous in dieser Form nicht mehr geben wird, findet die Literatur auf unseren Seiten und im Web natürlich weiterhin statt. Durch Interviews, Kritiken und andere Rubriken. Wir bedanken uns jedenfalls recht herzlich bei allen Autoren, die an der LesBar mitgewirkt haben und ganz besonders bei Jérôme Jaminet, aus dessen bewundernswerter Leidenschaft dieses Konzept entstand.

Claude Karger, Chefredakteur