LUXEMBURGPATRICK VERSALL

Der Historiker Sébastien Louis forscht über Ultra-Fangruppen

Mitglieder von Ultra-Gruppen und Hooligans werden gerne in einen Topf geschmissen. Dabei unterscheiden sich die einen merklich von den anderen: Während die Hooligans auf den Rängen des Fußballstadions möglichst alles tun, um nicht als geschlossene Gruppe auf Anhieb identifiziert zu werden, setzen die Ultras alles in Gange, um als Einheit aufzufallen. Darüber hinaus steht die Anwendung von Gewalt bei den Ultras nicht auf der Prioritätenliste. Auch Ultras würden sich ab und an mal kloppen, sie seien aber weit weniger gewalttätig als die Hooligans, präzisiert der Historiker Sébastien Louis, der seit mehreren Jahren als Fan-Forscher die italienische Ultra-Szene unter die Lupe nimmt und bereits Fachpublikationen zum Thema veröffentlicht hat.

Louis, der heute an der Europaschule in Luxemburg als Lehrer arbeitet, gehörte selber eine Zeit lang zur Ultraszene des französischen Erstligisten Olympique Marseille; die Organisation solcher Fangruppen ist für ihn keine graue Theorie.

Erste Ultras in den Sechzigern

Die ersten Ultragruppen bildeten sich im Italien der sechziger und siebziger Jahre; die vorrangig jungen Mitglieder unterstützen auch heute noch ihre Vereine auf radikalere Art und Weise, als es die ältere Generation tut. Anstatt ruhig auf den Tribünen das Spiel zu verfolgen und die Spielzüge mit Applaus zu kommentieren, studieren die Ultras aufwendige Choreografien ein, die sie auf den Tribünen aufführen, fertigen überdimensionale Spruchbänder an, die sie während den Begegnungen hissen und feuern ihre Mannschaft während 90 Minuten nahezu ununterbrochen mit einstudierten Fan-Gesängen lautstark an. Ultras seien sichtbarer als Hooligans, betont der Historiker und fügt hinzu, dass die Gruppen sich selbst verwalten und selbst finanzieren. Außerdem seien diese Gruppen apolitisch. „In Nordafrika ist dies aber nicht möglich“, präzisiert der Forscher.

Aufteilung des Kontinents

Bis vor einigen Jahren hatten Hooligans und Ultras Europa gleichmäßig unter sich aufgeteilt: Den Norden des Kontinents dominierten die Hooligan-Bewegungen, den Süden die Ultras. Seit den Neunzigern hat die Philosophie der Ultras allerdings auch in den nördlichen Teilen Europas Anhänger gefunden. Seit 2002 existieren die ersten Ultra-Gruppen in Nordafrika.

Im Zuge der Globalisierung sind erste Gruppen in Tunesien gegründet worden; Fans aus dem nordafrikanischen Land informierten sich übers Internet über die Ultra-Landschaft in Italien und bauten ihre eigenen Strukturen auf. Das tunesische Ben Ali-Regime habe die Bildung dieser Fan-Gruppierungen unterstützt, um die Jugend von den grassierenden gesellschaftlichen Problemen in Tunesien abzulenken, erklärt der Fan-Forscher. Mitglied in einer Ultra-Vereinigung zu sein war für die jungen Fans eine Gelegenheit, sich von den existierenden patriarchalisch strukturierten Fangruppen abzugrenzen.

Fünf Jahre später wurden 2007 mit den „Ultra White Knights“ und den „Ultras Ahlawy“ die ersten Ultragruppen in Ägypten gegründet. Erstere unterstützt Zamalek SC, letztere Al Ahly SC, beide Vereine haben ihren Sitz in der Hauptstadt Kairo.

Racheakt

Während des „Arabischen Frühlings“ lieferten sich die Ultra-Mitglieder Kämpfe mit Polizeikräften. „Die Ultras hassen die Polizei“, betont Sébastien Louis und unterstreicht, dass es sich bei den Ausschreitungen in Kairo vor zehn Tagen um Racheaktionen seitens der Regierung gegen die Ultras gehandelt habe.

Das Ausmaß der Katastrophe habe ihn an die Vorkommnisse in Port Said aus dem Jahre 2012 erinnert, erklärt der Historiker, der sich regelmäßig für Forschungszwecke Begegnungen in Italien anschaut. Die Katastrophe gehe definitiv nicht auf menschliches Versagen zurück, es habe sich um eine Reaktion der Regierung gehandelt, unterstreicht Louis und ergänzt, dass ihn solche Zwischenfälle immer an die Heysel-Katastrophe in Erinnerung rufen würden.

Es sei aber schwierig, sich über das genaue Schicksal der ägyptische Ultras zu äußern, betont der Historiker.