PATRICK WELTER

Grün wird von einer Erfolgswelle getragen, wobei Grün - europaweit betrachtet - eine großstädtische Bewegung ist. „Grün“ steht nicht unbedingt für eine Partei, sondern für eine elitäre Haltung. Wer U-Bahn, S-Bahn und Straßenbahn vor der Tür hat, kann ganz gut den Autofeind heraushängen lassen, oder der Elektromobilität das Wort reden. Zwanzig elektrische Kilometer mit dem Smartie durch Paris oder Berlin dürften kein Problem sein, möglicherweise gibt es sogar ausreichende Ladesäulen. Anders in der Fläche.

Die Kollegen der deutschen „WELT“ haben die Aktionen der „Gelben Westen“ in Frankreich als einen Aufstand der Provinz gegen die autofeindlichen Eliten in den Großstädten beschrieben - angesichts der Reformunfähigkeit Frankreichs greift die Erklärung zu kurz. Aber eines stimmt auf alle Fälle: Im Flächenland Frankreich ist die Infrastruktur dürftig: Es gibt den TGV und dann ganz lange nichts mehr. Die Mehrheit der französischen Autobahnen ist Klasse - weil sie privat sind und bei dauernder Nutzung für den einzelnen teuer werden. Es erstaunt, dass die Franzosen, die so sehr am Staat hängen und das Unternehmertum mehrheitlich hassen, bisher klaglos die Vernachlässigung der Provinz in Kauf nehmen. Ein Beispiel vor der Haustür: Der Nicht-Ausbau der, natürlich staatlichen A 31.

In Deutschland, wie immer spießig ordentlich, brennen keine Paletten. Die Autofahrer machen die berühmte Faust in der Tasche. Einerseits laufen auch dort die Spritpreise davon, andererseits schlägt die pseudo-grüne Guerilla namens „Deutsche Umwelthilfe“ zu. Ein Verein mit gerade mal hundert Mitgliedern klagt sich von Stadt zu Stadt, um den angeblich tödlichen Diesel zu killen. Die Regierung kuscht. Wenn etwas elitär ist, dann ist es dieser obskure Abmahnverein. Genauso wie die alte - deutsche - Grünen-Forderung, den Benzinpreis auf fünf Euro hinaufzutreiben. Ähnlich wie die französischen Steuererhöhungen für Treibstoffe sind es vor allem die Menschen außerhalb der Metropolregionen, die von CO2-Steuern besonders hart getroffen werden. Am Rande: In Deutschland hat nicht die „Wirtschaftspartei“ FDP die Wähler mit dem höchsten Durchschnittseinkommen, sondern die Musterknaben von „Bündniss90/Die Grünen.“

Auf die Gefahr hin, dass grüner Blitz und Donner auf mich niederfahren werden: Die Menschheit hat schon etliche Klimawandel überlebt, sie wird auch diesen Klimawandel überleben. Nein, das ist kein Appell zu einem „weiter so“, nur zu weniger CO2-Besessenheit. Der Einsatz von Windkraft, Solarenergie und irgendwann auch mal Gezeitenkraftwerken ist ökonomisch und ökologisch sinnvoll. Konventionelle Landwirtschaft und Artenschutz sind große Baustellen. Kein Mensch sollte mehr auf Braunkohle angewiesen sein, aus der der Strom für die „lokal emissionsfreien“ - Zynismus pur - Elektroautos gewonnen wird. Außerdem, die Umweltbilanz von batterieelektrischen Autos ist verheerend.

Angesichts der Tatsache, dass der Auto-Markt heute winzige kraftvolle Verbrennungsmotoren liefert, die alle ökologischen Träume früherer Tage erfüllen und alte Autos, allein dadurch, dass sie da sind, mit jedem zurückgelegten Kilometer ihre Umweltbilanz verbessern, ist die Jagd auf das Feindbild Auto rational nicht zu erklären.