LUXEMBURGCHRISTIAN BLOCK

Viele Tiere und Pflanzen finden in Siedlungen ideale Lebensbedingungen vor

Im Naturschutz spielt die Erhaltung von natürlichen Lebensräumen eine zentrale Rolle. Doch viele Pflanzen und Tiere finden gerade in Siedlungen und Städten günstige Lebensbedingungen vor. Warum das so ist, weiß Lea Bonblet. Die Diplombiologin arbeitet als Naturschutzberaterin und Koordinatorin bei der Natur- und Umweltschutzorganisation natur&ëmwelt. Sie informiert die Öffentlichkeit und die Gemeinden, was sie alles machen können, um die Natur zu schützen.

„In Städten herrscht ein spezielles Klima“, erklärt Bonblet. Im städtischen Lokalklima herrscht durch die hohe Bebauungsdichte und die zum Einsatz kommenden Hitze speichernden Materialien ein vergleichsweise warmes Klima. Hinzu kommt, dass der Regen unmittelbar in die Kanalisation abläuft und Trockenheit garantiert. „Dadurch findet man vergleichsweise viele Mittelmeer-Arten in unseren Breitengraden“, erklärt die Diplombiologin. Doch es gibt noch weitere Gründe. „In Städten gibt es eine hohe Strukturvielfalt. Parks, Baumscheiben, Friedhöfe, private Gärten, Mauerritzen, Wasserlöcher. Diese Vielfalt an Strukturen ist einer Reihe von Insekten, Vögeln oder auch Füchsen dienlich“, erläutert sie. Die vielen Gebäude schaffen etwa einen künstlichen Lebensraum für Fledermäuse.

Ausländische Pflanzen in der Stadt

Auch wenn Luxemburg nicht mit Großstädten wie Berlin zu vergleichen ist, - immerhin leben in der deutschen Bundeshauptstadt bis zu 4.000 Wildschweine -, sei beispielsweise der Fuchs sehr präsent in der Hauptstadt. Solche Tiere, die dem Menschen in die Stadt folgen, werden Kulturfolger genannt. Andere Beispiele sind Raben, Tauben, Ratten oder auch Marder. Letztere passen sich aufgrund ihrer territorialen Lebensweise den spezifischen Begebenheiten an und haben in Siedlungsgebieten weniger Angst vor Menschen als ihre Verwandtschaft auf dem Land. „In anderen Städten wie Brüssel oder in Baden-Württemberg gibt es auch Beispiele von Papageienarten wie dem Halsbandsittich“, ergänzt sie. Arten, die sich in Gebieten etablieren, in denen sie zuvor nicht einheimisch waren, werden auch Neobiota genannt. In der Flora seien es insbesondere ausländische Arten, die es in die Städte zieht. Ein in Südosteuropa heimischer Flieder breitet sich beispielsweise gerne auf dem sonnenbestrahlten hauptstädtischen Sandstein aus.

Doch die Ankunft von fremden Arten bringt auch Probleme mit sich - auch wenn die Vielfalt von Flora und Fauna zunächst wächst. „Probleme entstehen dann, wenn diese Arten in Konkurrenz zu einheimischen Arten treten.“ Hinzu kommt, dass es auf dem Land immer mehr an Strukturen fehlt.

Problemfälle

Ein Beispiel sind Waschbären, die sich erst im 20. Jahrhundert in Europa ausgebreitet haben und inzwischen regelmäßig im Umfeld der Hauptstadt gemeldet werden. Sie schaden nicht nur dem Menschen, sondern können auch kleineren Tieren wie Eichhörnchen oder Vögeln zur Plage werden. Ein anderes Problem sind städtische Arten, die einheimische Arten auf dem Land verdrängen. Zum Beispiel die beiden eingeführten Staudenknöterich-Arten, die in Uferbereichen, auch in der Stadt, die typische einheimische Flora der Gewässerränder verdrängen. Auf lange Sicht können so durch den Rückgang von natürlichen Biotopen und Zersiedlung heimische Arten in Bedrängnis geraten.

Ohnehin steht eines für die Biologin fest: „Um die Biodiversität ist es in Luxemburg schlecht bestellt“. Zwar gebe es einzelne Arten wie den Uhu, Schwarz- und Weißstörche, deren Bestände sich erholen, doch „gerade bei den Brutvögeln ist bekannt, dass viele Bestände zurückgehen. Insbesondere bei Arten, die in Feuchtgebieten oder in landwirtschaftlich genutzten Lebensräumen vorkommen, wie Streuobstwiesen (Bongerten), Wiesen und Weiden“.

Die Entwicklung der Bestände bedeutender Lebensräume in den letzten 30 Jahren verdeutlichten die Gefahr für die Biodiversität in Luxemburg, erklärt Bonblet. So seien in diesem Zeitraum 80 Prozent der Feuchtgebiete, fast 35 Prozent der Trockenrasen sowie fast 60 Prozent der Streuobstbestände verloren gegangen.

Andere Problemfälle seien beispielsweise die Süßwassermuschel oder verschiedene Schmetterlingsarten, die an bestimmte Pflanzenarten gebunden sind. Europaweit falle die Bilanz nicht viel anders aus, erklärt die Expertin. Laut der International Union for Conservation of Nature (IUCN) sind weltweit 25 Prozent der Säugetierarten, 13 Prozent der Vogelarten und zehn Prozent der Bienen und Schmetterlingsarten vom Aussterben bedroht. „Naturschutzzonen können die Biodiversität insgesamt schützen“, sagt Bonblet und verweist auf die immer noch fehlenden Bewirtschaftungspläne, die festlegen, wie Natura 2000-Gebiete genutzt werden können. Bis Ende 2016 sollen diese „Plans de gestion“ fertiggestellt sein. Derzeit gebe es zum Teil noch Pestizideinsatz in Natura-2000-Zonen und man warte immer noch auf das neue Naturschutzgesetz.

Aber auch jeder einzelne könne einen Beitragleisten, zum Beispiel, in dem man Nistplätze für Fledermäuse und Vögel oder Insekten schafft, und sich somit nützliche Tiere in die Nähe des Hauses holt, aber sie auch dort ansiedelt, wo sie am wenigsten stören. So wie einige goldene Regeln befolgt, wie etwa, keine Nahrungsmittel draußen herumliegen zu lassen. „Dann lässt es sich viel besser mit Tieren zusammenleben“, sagt Bonblet.