SANKT GALLEN/ LUXEMBURGCORDELIA CHATON

Singapur kämpft mit Problemen, die auch Luxemburg kennt

Chan Chun Sing gilt als der zukünftige Premierminister Singapurs, das als Stadtstaat Probleme hat, die denen Luxemburgs nicht unähnlich sind.

Während Europa darüber redet, wer wie vom Brexit profitieren kann, gehen die Machtkämpfe in Asien weiter. Dort gilt Singapur als Finanzplatz und Ministaat - ein Profil wie es auch Luxemburg hat. Der designierte Premier spricht über die Herausforderungen und wie Singapur ihnen begegnet.

Herr Sing, wie wollen Sie das Wachstum bewältigen?

Chan Chun Sing Stadtstaaten müssen wachsen. Nehmen Sie Japan. Wenn es um ein Prozent wächst, ist es eine Lokomotive, die die anderen mitzieht. Aber Stadtstaaten wie Singapur haben diese Möglichkeit nicht. Trotz wachsender Ungleichheit haben wir es geschafft, Wachstum und Wohlstand zu sichern. Das ist nicht einfach. Was würde passieren, wenn jeder der 50 US-Staaten versuchen würde, der wichtigste Hub zu sein? Singapur ist in einer guten Position, weil es sich mit dem Industrieland Malaysia ergänzt. Aber politisch ist es nicht immer einfach, denn jede chinesische Provinz will eine Megacity und einen Mega-Airport. Wir sind als Land verletzlich, allein durch unsere Lage an der Singapur-Seestraße. Bislang ist Singapur ein Airport-Hub. Aber Dubai baut aus. Im Südostasien sind Kuala Lumpur und Südthailand wichtig. Geographie muss immer im Zusammenhang mit Technologie gesehen werden.

Singapur wurde lange als unsicheres Konstrukt wahr genommen.

Sing Zunächst möchte ich festhalten, dass 1956 niemand daran geglaubt hat, dass wir wirklich unabhängig von Malaysia existieren können. Für uns gibt es drei Herausforderungen als Stadtstaat: Verteidigung, Sicherung des Lebenshaltungsniveaus und der Wirtschaft und schließlich der Zusammenhalt. Junge Leute fragen mich, ob das Konzept eines Stadtstaates noch zeitgemäß sei. Heute ist der Chef von Google anerkannter als eine bestimmte Staatsbürgerschaft. Wer heute eine gute Lebensqualität biete, zieht junge Leute an; unabhängig von der Staatsform. Die Menschen gehen dahin, wo sie Möglichkeiten haben. In meinen Augen ist nur Israel ein Staat, zu dem Leute kommen, wenn Krieg ist. Die Schweiz, Indien oder China sind nahe daran.

Singapur könnte als reicher Staat auch anziehend sein.

Sing Wir haben soziale Unterschiede in Singapur. Früher gab es sie wegen der Armut, heute wegen des Reichtums. Jeder möchte zur Schicht der Reichen gehören. Wenn man solche fundamentalen Fragen nicht managt, gehen die Menschen. Wenn Ressourcen das Schicksal eines Landes entscheiden, ist das eine schlechte Nachricht für uns. Aber wir wollen den technischen Erfolg. Uber hat keine Taxen, Air BnB keine Hotels. An diesem Transfers arbeiten wir für uns. Wir brauchen keine Schiffe im Hafen, um sie weltweit zu managen. Unser Hafen soll global werden. Wir bieten logistische Dienste weltweit an.

Welche Rolle spielen Frauen in Politik und Wirtschaft

Sing Es geht ihnen gut. Der Parlamentssprecher und Parteiführer ist eine Frau. Wir glauben nicht an Quoten. Was sich noch verbessern muss, ist die Zahl der Frauen im Verwaltungsrat. Wir setzen auf Langzeitlösungen, das hat sich auch beim Militär bewehrt. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände arbeiten in diesem Sinn zusammen. Die Singalesen wollen eine Regierung, die Wünsche erfüllt, aber wir unterscheiden zwischen Wünschen und Bedürfnissen. Früher galt eine Ein-Zimmer-Wohnung für vier Menschen als ausreichend, heute nicht. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung lebt in staatlich gefördertem Wohnungsbau.

Haben Sie Ziele hinsichtlich des Wachstums?

Sing Der Erfolg bemisst sich nicht im Bruttoinlandsprodukt. Die Rolle der Regierung ist es, die Leute zu befähigen, ihre eigenen Träume zu leben. Viele Chinesen wollen Amerikaner sein, aber nicht umgekehrt, dabei ist das Bruttoinlandsprodukt fast gleich. Die Frage ist, was jeder tun kann. Wir sollten uns vom unilateralen Ansatz einer Zahl wegbewegen. Den meisten Ländern ist das auch bewusst. Jede Gesellschaft muss selbst definieren, was Erfolg ist.

Welche politischen Ziele haben Sie?

Sing Wenn wir in den nächsten fünfzig bis hundert Jahren das Gefühl von Nationalität und Zugehörigkeit schaffen, ist das gut, reicht aber nicht. Wir hoffen, dass alle Singalesen, die in der Diaspora leben, ihren Pass nie abgeben wollen.