LUXEMBURG
NIC. DICKEN

Verbund Eurofer sieht Zukunft der europäischen Stahlbranche in Gefahr

Lakshmi Mittal hat es inzwischen begriffen, ganze Stahlstandorte von Belgien über Luxemburg bis Frankreich haben es schmerzlich erfahren müssen. Auch die Chefetage von ThyssenKrupp, die sich mit waghalsigen Projekten in Süd- und Nordamerika zusätzlich eine blutige Nase geholt hat, weiß es: In Europa ist mit Stahl immer weniger Staat zu machen.

Marktschwäche bedroht Überleben eines Schlüsselsektors

Der Verbund der europäischen Stahlproduzenten, Eurofer, drückt im gestern veröffentlichten Jahresbericht genau das aus, was die einzelnen Mitgliedsunternehmen schon seit Jahren und in zunehmendem Maße in den letzten Monaten immer deutlicher angesprochen haben: Vom einstigen Vorzeigeprodukt, ja fast schon vom industriellen Identifizierungsmerkmal von einst, ist die Stahlbranche - Ursprung der seinerzeitigen „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (EGKS) - zu einem missliebigen Industriesektor verkommen, der aktuell nicht nur unter einer von der Krise drastisch abgewürgten Marktsituation leidet, sondern seit Jahren schon mit ständig neuen Belastungen, von Umweltvorgaben bis hin zu Emissionseinschränkungen, zu leiden hat und diese Entwicklung nun offensichtlich satt hat. So deutlich jedenfalls hat sich Eurofer selten in der Vergangenheit ausgedrückt, wenn es darum ging, die Bedrohung der Lage im eigenen Sektor zu schildern, der in erster Linie darunter zu leiden hat, dass im öffentlichen Bereich deutlich weniger Investitionen getätigt werden, und dass sich auch die Automobilindustrie auf niedrige Verkaufszahlen eingeschossen und den primären Stahlverbrauch entsprechend reduziert hat.

In diesem Zusammenhang begrüßt Eurofer die Initiative der EU-Kommission, neue politische Impulse zu veranlassen, die dem Industriesektor in Europa bis zum Jahr 2020 wieder einen Anteil von 20% an der allgemeinen Wirtschaftsleistung sichern soll, ein Ansinnen, das auch die Zustimmung des auf Eigenversorgung und wettbewerbsfähige Unternehmen bedachten Europaparlaments gefunden habe, wie es im Geschäftsbericht heißt.

Dann aber kommt es knüppeldick: Andere EU-Schaltstellen seien nicht davor zurückgeschreckt, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Stahlindustrie weiter auszuhöhlen. Der für das Klima zuständige EU-Kommissar habe versucht, die Emissionsgrenzen noch enger zu ziehen, während unterschwellig ein Umweltaktionsplan in Umlauf sei, der künftiges Wachstum vollständig von Rohstoffen und Energieträgern loskuppeln will.

Wenn Energiepreise, genau wie auch andere Betriebskosten, weiter nach oben geschraubt würden, so heißt es bei Eurofer, dann stelle diese Politik eine größere Bedrohung dar für die gesamte europäische Industrie und ganz besonders für den Stahlsektor. Eurofer erinnert daran, mehrfach im Laufe des vergangenen Jahres darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass diese Entwicklung neu überdacht werden müsse. In einer neuen und tiefgreifenden Analyse sollten die Voraussetzungen, sogar ehrgeizige Klima- und Ressourcenziele zu erreichen, an den tatsächlichen technischen Möglichkeiten gemessen werden.

Den Preis für die einseitige Ausrichtung auf eine (global) kohlenstofffreie Zukunft würden ausschließlich die in Europa ansässigen Unternehmen tragen. Die Desindustrialisierung sei bereits weit fortgeschritten und ohne politischen Richtungswechsel gebe es große Chancen, dass die betroffenen Industriezweige nicht auf immer in Europa bleiben werden.