LUXEMBURG
DANIEL OLY

Die „Stëmm vun der Strooss“ bewegt sich mit großen Schritten auf die 100. Ausgabe zu - Ein Blick in die Redaktion verrät, wohin der Weg gehen könnte

Die Titelseite spart nicht mit klaren Worten. „Kee Wak an der Täsch“ prangt stolz auf der ersten Seite. Die Zeitung schreibt über soziale Themen, über Armut, über die Drogenproblematik und über die Geschehnisse am Rand der Gesellschaft. Die Publikation im A4-Format ist dennoch kein Druckerzeugnis wie jedes andere.

Seit 1996 erscheint sie und in diesem Jahr feiert sie ein rundes Jubiläum: Die„Stëmm vun der Strooss“, damals als „Vollëk op der Strooss“ gestartet, wird in rund drei Monaten ihre 100. Ausgabe veröffentlichen. Höchste Zeit, einmal hinter die Kulissen zu schauen.

„Wir haben eine ganze Menge Ideen, wie die neue Ausgabe aussehen soll - einen ganz festen, konkreten Plan haben wir aber noch nicht“, sagt der Pädagoge und Begleiter Michel Hoffmann, der mit an der Zeitung arbeitet. „Wir müssen erst mal die nötigen Interviews zusammen tragen.“ Geplant sei, mit mehreren Ministern und Journalisten Gespräche zu führen. „Ein Beispiel ist der Gesundheitsminister, in dessen Zuständigkeit unsere Aktivitäten fallen“, erklärt er weiter. „Ein Interview mit Etienne Schneider steht also schon auf dem Plan der kommenden Zeitung.“

Wie viele Gesprächspartner und welche zum Schluss auf einer der vierzig Seiten der Zeitung landen werden, ist aber unklar. Viel hänge von der Verfügbarkeit der jeweiligen Intervenanten ab. „Wir würden uns natürlich über eine starke Teilnahme freuen“, meint Hoffmann. „Wir wollen schließlich eine faire Einschätzung unserer Arbeit haben.“ Deshalb sollen auch Expertenstimmen zu Wort kommen, wie die des ehemaligen „Tageblatt“-Lokalchefs und Presserat-Generalsekretärs Roger Infalt. Soweit zumindest der Plan.

Die „Stëmm“, das sind unter anderem eLKka, Tanja Biren, Zeckie und Patrick - sie alle sind im Rahmen der Reinsertationsprogramme in die Redaktion gekommen; für einzelne ist es sogar schon der zweite „Stint“ bei der Zeitung. Mal länger, mal kürzer mit von der Partie - alle blicken sie auf viele Jahre an reichen Erfahrungen bei der Arbeit für die „Stëmm“ zurück.

Schwere Themen und interessante Blickwinkel

Die Redaktion will deshalb ein wenige Revue passieren lassen, was in den 99 vorherigen Ausgaben so alles Thema war. Etwa das topaktuelle Problem der Geldnot oder Altersarmut. Unzählige Themen zierten in den vergangenen 99 Ausgaben die Titelseite, stets begleitet von einem einprägsamen Bild. „Die besten Beiträge, zum Beispiel unsere Reportage in Brüssel vergangenes Jahr zum Thema Recycling, noch einmal aufgreifen, das wäre eine tolle Idee“, überlegt Hoffmann. „Wir hoffen einfach, dass etwas von dem, was wir über die Jahre geschrieben und gedruckt haben, hängen geblieben ist.“ Schließlich schreibt auch die Redaktion der „Stëmm“ nicht nur zum Vergnügen.

Wer liest eigentlich die „Stëmm“? Spontan reinschnuppern in das bunte Blatt ist allem Anschein zum Trotz nämlich eher unwahrscheinlich. Hoffmann hat da so eine Ahnung: „Die Gäste, die bei uns in den Küchen vorbeischauen, werden uns vermutlich nicht lesen - zumindest nicht im großen Stil“, glaubt er. „Ein Grund ist wahrscheinlich die sprachliche Barriere, weil wir zum Beispiel nicht auf Portugiesisch schreiben. Außerdem kommen viele Menschen aus Osteuropa zu uns, die uns natürlich auch nicht verstehen.“

Überlegungen zum Thema Jugendarmut, harte Realitäten des Drogensumpfes, Frauen auf der Straße oder Sorgen bei den Suppenküchen und Noteinrichtungen: Die „Stëmm“ ist stets nah am Puls der Vergessenen. Deshalb weiß die Redaktion auch, dass sich deren Leben nicht gebessert hat. „Mehr Menschen in unseren Suppenküchen, immer mehr Nationalitäten - und leider auch immer mehr Gewalt“, resümiert Hoffmann.

Ob diese Themen deshalb überhaupt noch bei den richtigen Leuten ankommen? Auf diese Frage hatte die Redaktion nicht direkt eine Antwort. „Wir geben uns ganz klar Mühe“, überlegt der Pädagoge. „Trotzdem sind wir uns manchmal unsicher, ob wir noch wirklich die richtigen Leute erreichen.“ Auch das sollen die Interviews zur Jubiläumsausgabe ein wenig klären.

Immerhin: Die Zahlen zeigen einen guten Trend. „Wir haben unsere Auflage zuletzt leicht erhöht“, berichtet Hoffmann. Rund 600 Leser haben die Zeitung abonniert; 15 Euro kostet das im Monat. An sie wird das Blatt verteilt, frei im Handel erhältlich ist es nicht. Die vier jährlichen Zeitungen werden per Hand ausgetragen; an rund 274 Orte, teilweise sogar bis nach Wiltz. Insgesamt fast 3.000 Zeitungen finden so zu ihren Lesern, weitere 2.000 erreichen ihr Ziel per Post. Die Verteilung kostet Zeit, fast zwei Monate dauert die Arbeit. Parallel arbeitet das Team bereits an der nächsten Ausgabe. Auch bei der 100. Ausgabe wird das so sein. Die „Stëmm“ ist nicht wie jede andere Zeitung und wird auch nicht so gemacht. „Wir haben keine festen Deadlines; uns gibt es vier Mal im Jahr, aber nicht zu einem festen Stichdatum“, weiß Hoffmann. Die Konventionierung mit dem Gesundheitsministerium zwinge die Zeitung zu einer gewissen Transparenz - hinsichtlich der geleisteten Stunden zum Beispiel.

Dabei kratzt die Redaktion auch mal am Image des perfekten Großherzogtums; die aktuelle Ausgabe titelt etwa „Arm im reichen Luxemburg“, auch die gern vergessene Jugendarmut ist ein Thema. Ebenso führt die Redaktion Interviews mit Straßenmusikern. „Wir verstecken die oft übersehenen Menschen nicht, sondern zeigen die Brennpunkte“, betont Hoffmann.

„Stëmm“-Direktorin Alexandra Oxacelay unterstützt die Arbeit der Redaktion. „Die Ambition, ein offizielles Presseorgan zu werden, das dann auch Mitglied des Presserates sein könnte, gab es aber nie“, stellt Oxacelay klar. „Die ,Stëmm vun der Strooss‘ hatte immer das selbsterklärte Ziel, den benachteiligten Menschen am Rand der Gesellschaft eine Möglichkeit zur Arbeit, aber auch ein Sprachrohr für ihre Sorgen zu bieten.“ Der Start als „Vollëk op der Strooss“ hätte etwas sehr kommunistisch geklungen, ein Namenswechsel sei überfällig gewesen, erklärt sie. „Wir haben aber immer noch den Anspruch, über die Themen zu berichten, die ansonsten ein nur wenig Beachtung finden.“

Das tut das Team seit der ersten Ausgabe. Die „Stëmm“ wurde damals noch bei der Druckerei Faber in Auftrag gegeben. Inzwischen hat sich viel getan; sie ist nicht nur bunter geworden, auch die Vielfalt ist größer. „Wir haben jetzt Interviewpartner aus der ganzen Bandbreite der Gesellschaft und stellen interessante neue Projekte vor“, freut sich Hoffmann. „Wir wollen nicht immer nur exklusiv soziale Themen machen.“ So ging es etwa auch schon mal über das leidige Thema der Zugverbindungen im Großherzogtum oder um Tier- und Umwelt.

Nicht jedem in der Redaktion gefällt der neue Stil; „Wir waren früher viel persönlicher“, meint die Mitarbeiterin Tanja bestimmt. „Das sollten wir wieder mehr versuchen.“ Und wie bei anderen Zeitungen geht auch an der „Stëmm“ das Internet nicht spurlos vorbei: „Unsere Art und Weise der Recherche hat sich grundlegend verändert, aber auch unsere Themen“, weiß Hoffmann. Da sei es manchmal eben schwer, den Überblick zu bewahren und das wirklich Wichtige herauszufiltern.

Neue Ideen für die Zukunft haben die Macher auch; „Eine Projektidee, die wir derzeit untersuchen, ist ein Kolportage-Modell, ähnlich dem des ,Augustin‘ oder ,Hinz und Kunz‘ aus anderen Städten“, sagt er. „Dafür müsste aber natürlich erst der legale Kader und alle anderen Punkte geprüft werden.“ Arbeit sei ohnehin genug da, und Themen auch. „Es geht weiter.“


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