LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Das Unternehmen Minusines hat einen weiteren Flüchtling eingestellt - und positive Erfahrungen gemacht

Eyobe Habte Paulos ist stolz. Er posiert fürs Foto vor dem Gabelstapler, vor den Kabelrollen, vor den Regallagern. Hier ist sein neues Reich. „Ich habe“, sagt der große, kräftige Eritreer, „bei Null angefangen.“ Und jetzt hat er einen unbefristeten Vertrag. Das ist für ihn fast wie ein Sechser im Lotto. Es erlaubt das Träumen in kleinen Schritten vom nächsten Erfolg. Vom normalen Leben.

Paulos ist 2015 aus Eritrea nach Luxemburg geflüchtet. Jetzt arbeitet er als Lagerist bei Minusines in Gasperich. Das auf Material für Elektrizität und Beleuchtung spezialisierte Unternehmen hatte vor der Einstellung von Paulos bereits gute Erfahrungen mit einer Architektin und einem Techniker aus Syrien gemacht. Die Ergebnisse im Hinblick auf Motivation und Qualifikation waren so positiv, dass der Verwaltungsrat des 1925 gegründeten Traditionsunternehmens grünes Licht für weitere Einstellungen gab. Und der Chef am Ende Paulos engagierte.

„Wir haben während der letzten zwei Jahre viel gelernt im Hinblick auf die Eingliederung von Flüchtlingen und wollten unsere Erfahrungen gern teilen“, erzählt Laurent Saeul, Administrateur Délégué von Minusines. Dadurch nahm er Kontakt auf mit INTER-C, einem Projekt, das vom Verein Touchpoints sowie der Stiftung EPI im Oktober 2018 gegründet wurde mit dem Ziel, aus den Erfahrungen von Unternehmen mit Flüchtlingen zu lernen. Finanziert wird INTER-C von der Fondation Losch, geleitet wird es von Martine Neyen.

Mehrere Praktika

Paulos hat noch Schwierigkeiten, ihren Namen auszusprechen. Schließlich kann er erst seit einem Jahr Französisch. Doch er ist ihr sehr dankbar. Denn Neyen hat ihn an Minusines vermittelt, wo er ein sechswöchiges Praktikum machte, bevor er den unbefristeten Vertrag erhielt. Paulos war nicht der einzige, der bei Minusines vorsprach. „Wir hatten mehrere Kandidaten. Ihn haben wir ausgewählt, weil er engagiert wirkte. Die anderen sprachen nur Englisch, er aber hatte innerhalb eines Jahres Französisch gelernt und den Führerschein gemacht und konnte mehrere Praktika in Luxemburg vorweisen“, berichtet Lagerleiter Vito Gasparro. Der positive Eindruck bestätigte sich während des Praktikums. „Wir stecken mitten in der Digitalisierung. Paulos war sehr motiviert und fragte auch die anderen, er wollte sich weiterbilden und integrieren“, erzählt sein Chef. Paulos sitzt daneben und lächelt glücklich. Trotz seiner 40 Jahre wirkt er manchmal viel jünger.

Dabei war er bei seiner Flucht schon Mitte 30, hatte acht Jahre in der Armee gedient, nachdem er zuvor in der Hauptstadt Asmara Telefonkabel verlegt hatte, wie er auf Französisch erzählt. Es ist erstaunlich gut für jemanden, der erst ein Jahr lang diese Sprache spricht. In Eritrea hat Paulos Tigrinya gesprochen, auch Arabisch und das im benachbarten Äthiopien übliche Amharische. Viele Sprachen sind auch in seiner Heimat an der Tagesordnung.

Das ostafrikanische Land mit fünf Millionen Einwohnern inhaftiert Amnesty International zufolge Regierungskritiker, Deserteure und Eritreer, die im Ausland um Asyl ersucht haben. Auf der jährlich erscheinenden Rangliste der Pressefreiheit, die von der Reporter ohne Grenzen veröffentlicht wird, nimmt das Land 2017 den vorletzten Platz vor Nordkorea ein. Eritrea gilt international als repressiv oder Schlimmeres.

Paulos wusste, dass er sich nach der Flucht woanders etwas aufbauen musste. In Italien fragte er um Rat, wohin er sollte. Eigentlich wollte er nach Norwegen. Doch jemand riet ihm zu Luxemburg. „Der Mann wusste nur nicht, welche Sprache dort gesprochen wird“, erinnert sich der mittlerweile anerkannte Flüchtling. Paulos kam in ein Heim nach Wecker. „Dort gaben sie mir die Möglichkeit, wieder zur Schule zu gehen“, freut er sich. Der sportliche Mann spielte nebenan beim FC Biver Fußball. „Die im Leute Club waren alle offen und freundlich“, betont der Mann, der auch gern radelt.

Über die ASTI erfuhr er von Gratis-Sprachkursen, Hilfe bei der Erstellung des Lebenslaufs und Eingliederung in den Arbeitsmarkt. „Ich wollte Automechaniker werden“, nahm Paulos sich zuerst vor. Er war überrascht, dass die Fortbildung kostenlos war, ebenso wie Transport und Essen und arbeitet als Gratis-Übersetzer für das Rote Kreuz, um etwas zurückzugeben. Nach den ersten Kursen in Mathematik, Englisch und Französisch durfte er ein Praktikum machen. Schnell stellte Paulos fest, dass Automechaniker zu gefragt war. Bei den Atéliers Dostert schraubte er eine Woche an Lkws herum. „Aber die Unterlagen waren alle auf Deutsch. Das war sehr schwer“, seufzt er.

Also schrieb Paulos wieder Bewerbungen, bat bei der Adem um Arbeit. „Ich bin 40 und brauche einen neuen Plan“, hämmerte es in ihm. Im Escher „Centre d’Initiative et de Gestion Local“ (CIGL) gab es Beratungsgespräche. Eine Frau half ihm, in PC- und Französischkurse zu kommen. Dann machte er ein Praktikum in einer Firma für Sprinkler, die ihn aber nicht übernahm. „Ich war so deshalb deprimiert, dass ich krank wurde“, erzählt Paulos und schlägt in Erinnerung daran die Augen nieder. Dass Bekannte aus Luxemburg ihn kritisierten, weil er mehr habe als sie und das Zimmer in Esch bezahlt würde, machte ihn nur noch depressiver.

Gabelstapler fahren, wenn alle zusehen

Als er an Martine Neyen von Inter-C verwiesen wurde, fragte sie ihn, ob er arbeiten wolle. „Ja! habe ich gesagt. Alles, habe ich gesagt!“ Der Flüchtling fragte nach einer Möglichkeit als Installateur, als Alternative zum Automechaniker. Neyen schlug ihm den Lageristenjob bei Minusines vor. Paulos bereitete sich vor, füllte den Vertrag aus und schaute vor Beginn des Praktikums Videos, um zu wissen, was ein Lagerist können muss. „Vito hat mir die Arbeit hier erklärt. Es gibt viele Artikel und Namen. Und Gabelstapler fahren, wenn alle zusehen, war schwierig“, lächelt Paulos angesichts des Praktikums.

Jetzt ist er schon bei nächsten Plänen. Gern würde er seine Frau und seine beiden kleinen Kinder nachholen. Und vielleicht in eine Wohnung ziehen. Luxemburgisch will er auch lernen, um die Nationalität anzunehmen. Nach Eritrea, wo noch sein Vater und seine Schwester leben, zieht es ihn nicht zurück. Ohnehin sei das Arbeiten dort ganz anders als hier.

„In Eritrea hast Du einen Chef. Wenn Du einen Fehler machst, bist Du den Job schnell los, ohne dass sie zahlen“, hat er gelernt. „In Luxemburg habe ich das Recht zu sprechen oder etwas zu erklären, das ist hier total offen. Und wenn ich acht Stunden arbeite, bin ich auch acht Stunden versichert und werde bezahlt.“ Jetzt will Paulos mehr Prüfungen ablegen, Diplome erhalten. „Dann habe ich etwas in der Hand. Ich möchte gern hier bleiben. Hier ist es ruhig und friedlich und die Menschen sind so freundlich.“