LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Cargolux ließ krank geschriebene Piloten überwachen - Für den LCGB „ein Skandal“

Wo und wann er einkaufte und aß , wie viel und welche Art Alkohol er zu sich nahm, wie schnell er zu Fuß war: Das ist sehr detailliert in einem Bericht der Cargolux über einen mittlerweile entlassenen Piloten aufgeführt, den das Frachtflugunternehmen offenbar während dessen Krankschreibung zwischen dem 10. März und dem 18. März in Helsinki beschatten ließ. Das geht aus einem Dokument hervor, das der LCGB gestern bei einer Pressekonferenz vorlegte.

„Management by terror“

Der Mann wurde zwischenzeitlich entlassen, genau wie drei weitere Kollegen, über die ähnlich detailliert nachgeforscht wurde, was sie während ihrer Krankschreibung taten und ob sie gegen die Auflagen der „Caisse Nationale de Santé“ verstießen. „Stasi-Methoden“ nennt LCGB-Chef Patrick Dury diese Vorgehensweise, die „wahrscheinlich illegal, auf jeden Fall inakzeptabel und unethisch“ sei. Die vier Betroffenen seien dabei, ihre Entlassung mit ihren Rechtsbeiständen zu analysieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden sie gegen ihre Entlassung vorgehen, die außerdem die Prozeduren nicht respektiert habe. „Wenn es sich herausstellen sollte, dass solche Methoden legal sind, wäre das ein zweiter Skandal“, meinte der Gewerkschaftsboss, der noch nie mit einer solchen „widerlichen Praxis“ konfrontiert worden sei.

Sicherheitskultur in Gefahr

Für die Gewerkschaften will die Direktion durch diese Exempel, die für eine „erhebliche Verunsicherung“ bei der Belegschaft gesorgt habe, den Druck auf die Mitarbeiter des Unternehmens verschärfen, um Kosten zu senken. Patrick Dury warf der Gesellschaftsleitung sogar vor, „Management by terror“ zu betreiben. Dadurch setze sie die Sicherheitskultur im Unternehmen allerdings aufs Spiel. Wenn sich beispielsweise Piloten nicht mehr trauen würden, sich aus Angst vor einer Entlassung, bei gesundheitlichen Beschwerden krank zu melden und somit berufliche Verpflichtungen zu verletzen, ziehe das natürlich erhebliche Sicherheitsrisiken nach sich.

Wie erheblich der Druck auf Cargolux-Piloten sei, illustrierte Patrick Dury indem er Mails von Bordkommandanten vorlas. Einer habe eine leichte Depression, traue sich aber nicht, sich mit dem Problem im Betrieb zu melden. Ein anderer habe Urlaub genommen, um sich operieren zu lassen.

Ein weiterer berichtete, dass sein Co-Pilot, der bereits vor Abflug über Ohrenschmerzen klagte, vor der Landung in Ohnmacht fiel. „Das kommt vielleicht vor“, meinte Patrick Dury, „aber man muss sich fragen, ob der Mann das Risiko eingegangen ist, weil er Angst vor einer Krankmeldung hatte“. Dass auch Piloten bei anderen Gesellschaften unter sehr starkem Druck litten, bekräftigte Dirk Polloczek, der Vorsitzende der „European Cockpit Association“, die 38.000 Piloten vertritt.

Die Überwachung von Bordpersonal sei „eine neue Dimension“ in einem immer härter werdenden Geschäft, besonders im „Low Cost“-Segment. Laut Polloczek, der sich im Fall der Cargolux-Piloten bereits erfolglos an Transportminister François Bausch (déi gréng) gewendet hat, würden Betroffene in Deutschland gerade Klagen vorbereiten.

„Eine Sicherheitskultur verlangt sehr viel Vertrauen von beiden Seiten“, unterstrich der ECA-Präsident. Für den LCGB steht die Cargolux-Führung in der Pflicht, dieses Vertrauen wieder herzustellen. In der Pflicht sieht Patrick Dury auch den Staat, der schließlich direkt und indirekt 65 Prozent an dem Frachtflugunternehmen hält. Das Argument der Regierung, Cargolux sei ein privates Unternehmen und die Politik habe sich da nicht einzumischen, lässt die Gewerkschaft nicht gelten.

Cargolux schafft „Human Factors Manager“

Fakt sei, dass bei der jetzigen Atmosphäre bei Cargolux nicht einzuschätzen sei, wie lange der Flugbetrieb noch aufrecht erhalten werden könne. Laut Dury haben die Piloten das Vertrauen ins Management verloren. Laut einer Umfrage seien 90 Prozent von ihnen bereit zu gewerkschaftlichen Aktionen. „Der geringste Funke kann nun zu einem Sozialkonflikt führen“, warnte der LCGB-Chef und signalisierte Dialogbereitschaft.

Cargolux antwortete gestern nicht auf unsere Fragen zu den Vorwürfen. Allerdings machte das Unternehmen noch während der LCGB-Pressekonferenz bekannt, dass Mattias Pak, „Vice President-Head of Aviation Safety“ zum „Group Aviation Safety Officer“ bestimmt wurde, der über die operationellen Sicherheitsstandards bei Cargolux Airlines International in Luxemburg und Cargolux Italia in Mailand wachen soll.

Auch wurde mit einem „Human Factors Manager“ ein neuer Posten geschaffen, der bei der Auswahl der Piloten behilflich sein soll, aber auch beim „Coaching“ und als Anlaufstelle bei Stress und anderen persönlichen Problemen fungieren soll. Die Stelle, die ab September besetzt sein soll, werde auch das „Aviation Safety Department“ bei der Analyse der humanen Faktoren bei Vorfällen unterstützen.