NORA SCHLEICH

Entschuldigen Sie bitte den etwas harsch klingenden Imperativ, doch Sie müssen jetzt wirklich stark sein. So gut es auch tut, sich morgens noch einmal umzudrehen und sich in warme, kuschelige Decken einzuwickeln, Sie müssen aus dieser Komfortzone erst mal heraus, denn ich will Sie heute vor eine Reflexion stellen, welche die Wichtigkeit des Aufwachens und Aufstehens verdeutlichen soll.

Unser alltägliches Aufstehen mag zwar nicht ganz so glorreich konnotiert sein, wie das nebulöse Auferstehen eines gewissen JC - nicht zu verwechseln mit dem aufständischen JCJ - jedoch birgt es an sich gleichsam jeden Tag erneut die Möglichkeit einer wunderbaren Art der Katharsis. Dass die religiösen Tendenzen das Aufstehen recht bedeutungsschwanger interpretieren, dürfte nicht verwundern. Der verhoffte Einzug ins Paradies steht nach dem Erwachen aus dem tiefen Schlaf des Todes auf der Hitliste so mancher Gläubigen, nicht nur der christlichen.

Philosophisch gesehen kann das Konzept des Aufwachens mit einigen interessanten Verhältnismäßigkeiten aufwarten. Zunächst lässt sich das allmorgendliche Augenaufschlagen als Flucht aus dem Unsicheren deuten. Denn, ob wir den „Morgen danach“ noch erleben, ist eigentlich nie wirklich bekannt. Ein Umstand, der eventuell so manch ausschweifende Partynacht erklären könnte, die dann allerdings mit dem tatsächlich eintretenden ‚Morgen danach‘ von einer mehr oder weniger schmerzhaften Konsequenz begleitet sein dürfte.

Für René Descartes war das Erwachen gar der Beweis dafür, dass die Existenz der Person gesichert sei. Da Descartes auf seiner Suche nach Gewissheit alles, was überhaupt unsicher und zweifelhaft erschien, auszuklammern gedachte, waren für ihn nicht nur trügerische Sinneseindrücke oder abstruse Hirngespinste als Quellen wahrer Erkenntnis untauglich. Auch die Existenz im Traum musste angezweifelt werden, denn wer kann schon mit Sicherheit sagen, im Traum selbst zwischen Realität und Fantasie unterscheiden zu können? Und da erst das, was intuitiv unmittelbar als klar und deutlich für uns wirkt, für Descartes wahr und reell geltend werden kann, ist sogar unsere Existenz während wir schlafen ungewiss. Welch ein Glück, wenn wir am Morgen diesem unkontrollierbaren Zustand des Schlafens entweichen und ein Bewusstseinsniveau erlangen, durch welches wir uns erholt der Erkenntnis des Alltags entgegenstellen können.

Das Aufwachen versteht sich in diesem Sinne als ein Zustand, in dem wir der Wahrheit näherkommen können. Interessant ist hierbei auch, dass das altgriechische Wort für Wahrheit „alethaia“ ist. Robert Smith weist in einer seiner Reflexionen darauf hin, dass nicht ohne Grund unser Wort „Lethargie“ etymologisch von diesem griechischen Terminus abstammt. Ist doch die Lethargie das Gegensätzliche zur „a-lethaia“. Das verneinende Präfix „a“ beschreibt in aller Deutlichkeit den Kontrast: Die Wahrheit ist von dem Zustand der Lethargie als weit entfernt zu verstehen.

Mit Redewendungen wie „Mir sind die Augen aufgegangen“ oder „Licht ins Dunkel bringen“ wird ebenfalls der erhellende Moment des Aufwachens als Analogie für die Wahrheitsfindung gebraucht. Auch Propagandisten waren und sind sich der Stärke und Authentizität des Erwachens bewusst, und nutzen dieses Symbol, um die Wichtigkeit des Endes des trügerischen Schlummerns und des Wieder-Erweckens einer Wahrheit zu unterstreichen. „Make America great again“ tönt es reißerisch und aggressiv aus den Ecken der amerikanischen Polit-Seifenopern. So besteht der Eindruck auch hier, dass das Wahre und Gute erst nach dem Wieder-Erwecken tatsächlich „zu Tage kommen kann“. Der Zustand des Stand-By oder gar des Schlafens wirkt auch hier als Hemmnis und als eine von Ungewissheit geprägte Verfassung. Von den propagandistischen Deklinationen mal abgesehen, kommen dem Erwachen, Wachsein und auch dem Wachbleiben daher fundamental wichtige Bedeutungen zu.

Wer am wahren Leben teilnehmen will, muss wach sein. Er muss, wie in den ersten Momenten am frühen Morgen, authentisch er selbst sein, und sich nicht bereits von der alltäglichen Reizüberflutung überstimmen lassen. Drum bringt die Überwindung der Rast, um mit Nietzsches Deutungsart abzuschließen, das eigentlich Wahre ans Licht. Werden Sie selbst zu Ihrem Übermenschen und schaffen Sie Großes und Wahres - dafür müssen Sie aber trotzdem immer noch zuerst Ihre wohlige und geliebte Schlafstätte verlassen. Aber keine Sorge, die Rückkehr folgt alsbald, denn ohne Erholung kann auch der tollste Übermensch seinem starken Willen wohl kaum gebührend Folge leisten.