LUXEMBURG
GUSTY GRAAS

Am 17. November im Jahr 9 geboren: Kaiser Vespasian setzte Zeichen im römischen Reich

Noch immer fasziniert die römische Kultur. Nicht nur in unseren Regionen ist sie allenthalben spür- und sichtbar. Mächtige Kaiser trugen zum stabilen Gerüst dieses riesigen Reiches bei. Einer von ihnen war Vespasian, der vor 2010 Jahren in Reate im Sabinerland geboren wurde.

Tradition des Prinzipats bewahren

Nach dem Selbstmord von Kaiser Nero (54-68 n. Chr.), letzter Vertreter der Julisch-Claudischen Dynastie, übernahm der bereits über 70 Jahre alte Servius Sulpicius Galba das Kaiseramt. Da er zögerte, einen geeigneten Nachfolger zu bestimmen, riefen die Legionen in Niedergermanien am 2. Januar 69 Aulus Vitellius zum Kaiser aus. Galba fiel einem Attentat zum Opfer und Marcus Salvius Otho avancierte zu seinem Nachfolger. Er setzte aber am 14. April desselben Jahres seinem Leben ein Ende. Nun trat General Vespasian, der ab dem Jahr 63 Prokonsul der Provinz Africa war, als von den Legionen des Ostens getragener Usurpator in Erscheinung. Unter dem Namen Imperator Titus Flavius Vespasianus Caesar übernahm er am 1. Juli 69 im Alter von 60 Jahren die Herrschaft als Kaiser. Das Vierkaiserjahr unterstrich somit, dass die eigentliche Macht des Herrschers auf der Unterstützung des Militärs beruhte, wobei Vespasian keine Ausnahme darstellte. Knapp zwei Monate später änderte er erneut seinen Namen und hieß fortan Imperator Caesar Vespasianus Augustus. Damit wollte er sich in die Tradition des Prinzipats vom ersten römischen Kaiser Augustus stellen.

Genau wie heute noch in autokratischen Staaten, versuchten die damaligen römischen Machthaber einen aufwendigen Personenkult zu betreiben. Um in der Tradition der vorherigen Kaiser zu bestehen, musste mit der Person Vespasians ebenfalls ein Wunder assoziiert werden. So soll er denn einen Blinden und einen Lahmen geheilt haben. Zudem entwickelte Vespasian eine flavische Friedensideologie.

Da es für die Herrschaft Vespasians keine Legitimierung durch die Verwandtschaft gab – sein Vater war nur Zollbeamter - waren seine Befugnisse durch ein Gesetz des Senats festgehalten worden. Das Auswuchern der kaiserlichen Macht sollte durch diesen Akt begrenzt werden. Das Kaisertum wurde allerdings kaum infrage gestellt. Dadurch entstand eine größere Homogenität der Aristokratie.

„Pecunia non olet“

Damit der Staat funktionieren konnte, bedurfte es viel Geld. Vespasian führte den „fiscus Alexandrinus“, eine Steuer die bei den ägyptischen Untertanen erhoben wurde, sowie den „fiscus Iudaicus“, eine Strafsteuer für die Juden ein. Zudem mussten auch die kleinasiatischen Griechenstädte eine Steuer entrichten, der „fiscus Asiaticus“. Und schließlich erhob er in Gallien die quadragesima Galliarum. Bei der Einreise in die drei gallischen Provinzen musste als Zoll zweieinhalb Prozent des Warenwertes bezahlt werden.

Wie der römische Schriftsteller und hohe Verwaltungsbeamte Sueton schrieb, hatte Sohn Titus seinem Vater vorenthalten, auch noch eine Latrinensteuer einzuführen. Als Vespasian ihm das Geld aus der ersten Zahlung unter die Nase hielt, fragte er ihn, ob der Geruch ihn störe. Titus verneinte das und erhielt prompt als Antwort: „Und doch kommt es vom Urin“. Als Erinnerung an diese weltbekannte Anekdote werden heute noch öffentliche Toiletten in Frankreich als „vespasienne“ bezeichnet. Grammatikern, Rhetoren und Ärzten gewährte Vespasian hingegen Steuerfreiheit.

Gegenüber dem Senat zeigte Vespasian, der selbst nicht zum alten Adel zählte, großen Respekt und sorgte für eine bessere materielle Unterstützung sowie eine Restrukturierung. Trotzdem gelang es ihm nicht, in Harmonie mit der Aristokratie zu leben. Innerhalb des Senats bildete sich sogar eine Opposition. Einer ihrer Anführer war Helvidius Priscus, der sich mit Vespasian harte Gefechte lieferte. Schlussendlich wurde er vom Kaiser verbannt und ein Todesurteil erlassen. Vespasian bedauerte aber seine Entscheidung. Als der Bote mit der Begnadigung erschien, war Helvidius allerdings schon getötet worden.

Vespasian galt als einfacher Mensch. Er ließ sich keine persönliche Residenz errichten und war mit einer Frau schlichter Herkunft verheiratet. Nach deren Tod lebte er sogar mit einer Freigelassenen in einer Ehe minderen Rechts. Die Tore zum Paladin, also der Kaiserresidenz, standen ohne Bewachung offen.

Erbauer des Kolosseums

Rom hatte nach dem verheerenden Brand im Jahr 64 sehr gelitten. Vespasian sah es als sein großes Ziel an, die Stadt wieder aufzurichten. Vor allem die Restauration dreier Projekte sind hervorzuheben: der Tempel des Friedens, der Tempel des Staatsgottes Claudius sowie das Amphitheatrum Flavium, das heute als Kolosseum bekannt ist. Dieser Name ist aber erst seit dem 8. Jahrhundert belegt. Bis zu 50.000 Zuschauer konnten im amphitheatrum, das größte Amphitheater der antiken Welt, Gladiatorenspiele und Tierhetzen sehen. Zum Zeitpunkt des Todes von Vespasian war dieser riesige Bau aber noch nicht fertiggestellt. Erst 80 n. Chr. fand die 100 Tage dauernde Einweihung statt, bei der unter anderem 5.000 Tiere umkamen.

Selbstverständlich stellte sich die Nachfolgefrage. Da Vespasian zwei Söhne hatte, Titus und Domitian, lag eine natürliche Erbfolge auf der Hand. „Entweder meine Söhne oder sonst niemand“, so sah er die Sukzessionsfrage. Der kurzen Regierungszeit von seinem ältesten Sohn Titus (79- 81 n. Chr.) war viel Lob beschieden. Unter ihm wurde übrigens Pompeji (79 n. Chr.) vom Vesuv begraben. Sein Bruder, Domitian, der als tatkräftig und ehrgeizig galt, regierte von 81-96 n.Chr..

Am 23. Juni des Jahres 79 verschied Vespasian im Alter von 69 Jahren. Sueton bezeichnete ihn als ehrlichen Mann und sprach ihm militärische Leistungsfähigkeit zu. Was bleibt von seiner Herrschaft haften? Als Mann von relativ bescheidener Herkunft hat Vespasian eine steile Karriere durchlaufen. Er wusste auch an der Macht den rechtlichen und moralischen Ansprüchen eines römischen princeps gerecht zu werden. Unter den vielen römischen Kaisern nimmt er zweifellos eine Sonderstellung ein.


Bibliografie:

Heuss Alfred, Römische Geschichte, Ferdinand Schöningh,Paderborn, 2003, S. 337 und ff.

Pfeiffer Stefan, Die Zeit der Flavier, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2009