HO CHI MINH CITY/DALATYANNIS BASTIAN/LJ

Seit September erradelt Yannis Bastian die Welt: Sein Erlebnisbericht aus Vietnam (1)

Auf zwei Rädern einmal um die Welt: Seit September 2014 ist der 30-jährige Yannis Bastian aus Berburg mit seinem Fahrrad unterwegs. Europa hat er längst hinter sich gelassen und anschließend Indien angesteuert. Seine teils abenteuerlichen Eindrücke hat er Anfang März in einem Erlebnisbericht aus eigener Feder im „Journal“ verarbeitet. Nun nimmt er uns mit auf seine Reise durch Vietnam.

Von Ho Chi Minh City in eine Welt aus sattem Grün

Ho Chi Minh City: Die vor mir ausgebreitete Karte Vietnams veranschaulicht in grobem Maßstab und lebendiger Farbenpracht das sehr vielfältige Angebot an Landschaftsbildern und Sehenswürdigkeiten. Während die Farben Blau und Grün - das Meer und die Vegetation repräsentierend - besonders hervorstechen, stellen die Berge als einzelne, braun getönte Stellen einen punktuellen Blickfang in diesem Kunstwerk dar. Kleine, über die gesamte Karte verstreute Sternchen markieren Städte und Orte von besonderem Interesse, die nur darauf warten, zu einem persönlichen, mir unvergesslichen Sternbild zusammengefügt und „erfahren“ zu werden.

Der erste Stern leuchtet verlockend hell über dem Delta des Mekong im Süden Vietnams. Von seiner Quelle im tibetischen Hochland züngelt sich der Mekong durch China, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam, um dann nach 4.350 Kilometern wie der breite Kranz eines Feuerwerks in das Chinesische Meer zu münden. Ich verlasse die zweitgrößte Stadt Vietnams auf großen, erstaunlich sauberen und verkehrsarmen Straßen.

Nach wenigen Kilometern tauche ich ein in eine fast unwirklich erscheinende Welt aus sattem Grün, genährt von unzähligen Flüssen und Seitenarmen des Mekong, die sich wie kleine, lebenserhaltende Adern durch das Gebiet ziehen und - neben dem Fischfang - den Anbau von Reis und Obst, sowie die Orchideenzucht als wichtigstes Gewerbe ermöglichen.

Getragen von den Wellen der Gastfreundschaft

Während schwere, durch das subtropische Klima bedingte Schweißtropfen von Stirn, Schläfen und Nase abperlen, sorgen freundliche Menschen mit ihrem herzlichen Lächeln für ein langsames Abbröckeln der isolierenden Mauer, die ich mir aufgrund zunehmenden Misstrauens in Indien schutzsuchend aufgebaut habe. Getragen von den Wellen der Gastfreundschaft genieße ich die Zeit im Mekongdelta, das ich nach der Besichtigung seiner wichtigsten Stadt, Can Tho, und dessen sehr berühmtem, schwimmenden Markt nach drei Tagen wieder in Richtung Ho Chi Minh verlasse. Bei erneuter Betrachtung des „Kunstwerks“ Vietnam erinnere ich mich an den Reisetipp, den mir ein Rucksackreisender in Delhi gegeben hat: Die Stadt Dalat sei wunderschön und sehr zu empfehlen; hoch in den Bergen liegend sei sie für mich mit dem Fahrrad jedoch kaum erreichbar. Mit großem Bedauern darüber, dass mir das Wort „Nein“ auf dieser Reise viel zu häufig und leicht über die Lippen ging, während ein vielversprechendes „Ja“ wie ein „Sesam, öffne dich“ den Zugang zu einer abenteuer- und erfahrungsgeladenen Schatzkammer gewährt hätte, markiere ich mir den Stern über der Stadt Dalat mit einem leuchtenden Gelb.

Hunger, Durst und Müdigkeit als Antrieb

Als „Stadt des ewigen Frühlings“ ist das auf 1.500 Meter Höhe gelegene Dalat bekannt für seinen Kaffee, seine Seide und den Anbau von Erd- und Brombeeren. Nach wenigen Tagen kulinarischen Verwöhnprogramms verlasse ich Ho Chi Minh also erneut, vorbei an schwimmenden Dörfern und unzähligen Kaffeeplantagen, und erreiche schon bald den Fuß des zu ersteigenden Gebirges. Trotz einbrechender Dämmerung nehme ich den bevorstehenden Anstieg aufgrund nicht vorhandener Gästehäuser, so genannten „Nha Nghis“, fast zwangsläufig in Angriff. Hunger, Durst, Müdigkeit und die Angst, sehr bald ohne Licht in der Dunkelheit fahren zu müssen, treiben mich voran. Nur sehr langsam ziehen die fahrbahnmarkierenden Mittelstreifen an mir vorbei. Kurve um Kurve schraube ich mich knapp 20 Kilometer hinauf zum ersten Plateau, wo ich in völliger Dunkelheit, nassgeschwitzt und stolzerfüllt eine sehr einfache Unterkunft finde.

Der Lohn für diese Anstrengung wird erst am nächsten Morgen bei Tageslicht ersichtlich: Das kleine Dorf verlassend schweift mein Blick über atemberaubende Bergformationen und grünschwangere Täler, hinein in eine unendlich weit erscheinende Landschaft. Gekrönt wird dieses königliche Panorama durch den heutigen, finalen Anstieg nach Dalat, der mich mit einem sanften Übergang von dichten Palmplantagen hin zu Schatten spendendem Pinienwald verwöhnt.

Der Weg als eigentliches Ziel einer Reise

In der nun kühleren, von harzigem Geruch gefüllten Luft genieße ich jeden Meter, wünsche mir nach jeder Kurve noch eine weitere. Ich erkenne zum ersten Mal die Wahrheit in dem Satz, dass allein der Weg das eigentliche Ziel einer Reise ist. Glücklich über die Erkenntnis, das Ziel in mir selbst zu tragen, bedauere ich die vielen Menschen, die von ihrem Ziel noch so weit entfernt sind, wenn sie in den Bussen schlafend von Stern zu Stern getragen werden, ohne zu wissen, wie diese in der Erinnerung verbunden werden sollen.

Meinen kurzen, sehr verregneten Aufenthalt in Dalat verbringe ich mit der Besichtigung des „Crazy House“, das - nomen est omen - als sehr verrücktes, die Sinne verwirrendes Haus einem surrealistischen Gemälde entsprungen sein könnte: Unförmige Treppen und schmale Wege führen labyrinthartig durch das Haus, das mit seinen höhlenartigen Zimmern lange Zeit als Hotel diente.

Hoffnung auf ein paar erholsame Tage am Meer

Ich verlasse Dalat bei frischen, fast schon kalten Temperaturen auf nebeligen Straßen. Die 30 Kilometer lange Abfahrt ist gesäumt von unzähligen Wasserfällen und wunderschönen Panoramen. Weit über den letzten Nebelschwaden, die noch verschlafen in den Tälern hängen, genieße ich die Aussicht: Ich freue mich über den Blick nach vorn, erinnere mich gern an den Blick zurück und verliebe mich in den Blick auf das Hier und Jetzt. Dies ist die Zeit, die man Leben nennt.

In meiner Fantasie spiegelt sich der nächste Stern im glasklaren Wasser in der Bucht von Nha Trang, von atemberaubenden Karstfelsen wohlbehütet und von kleinen Wellen millionenfach sanft in die Nacht gewogen. Am späten Nachmittag komme ich dann in der Realität an: Vor einer grauen, betondominierten Kulisse schlägt trüb-braunes Wasser in hohen Wellen energisch an den Strand und vertreibt mit einem lauten Donnern die scheue Hoffnung auf ein paar erholende Tage am Meer.


Teil 2 lesen Sie in unserer Ausgabe von morgen. Verfolgen Sie Yannis‘ Blog: www.facebook.com/yannisworldcyclingadventure oder www.yanniswca.com