LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Das „Royal Concertgebouw Orchestra“ in der Philharmonie

Bekannt ist oder vielmehr angenommen wird, dass jedes der Weltklasseorchester sich durch einen eigenständigen, charakteristischen Sound ausweisen kann. Sind es bei den Berliner oder den Wiener Philharmonikern vor allem der berühmte warme Klang der Streichersektion, steht bei amerikanischen großorchestralen Ensembles oft das Pompöse und Majestätische im Mittelpunkt, während in Europa, bei anderen sinfonischen Orchestern saubere Intonation und Präzision zur Vollkommenheit des Klangbilds gehören. Beim niederländischen „Royal Concertgebouw Orchestra“ ist es die einmalige Besonderheit, dem Klangkörper, selbst bei vollausgelasteten Tuttis, das intime Ambiente eines kompakten Kammerorchesters abzugewinnen. Wenn dazu noch die Leitung in den Händen eines sowohl in alter wie in zeitgenössischer Musik heimischen Spezialisten in der Person des belgischen Stardirigenten Philippe Herreweghe liegt, sind die besten Voraussetzungen für ein musikalisches Erlebnis der Superlative gegeben.

Werke von Schubert, Beethoven und Schumann

Ein wahres Fest des Friedens, der schönen Klänge und voller romantischer Höhepunkte bescherte uns am Sonntag dieses wunderbare Orchester mit Werken drei bedeutender Komponisten des 19. Jahrhunderts, nämlich Schubert, Beethoven und Schumann.

Das weniger bekannte Klavierwerk „Sechs Deutsche Tänze“, das eigentlich zur leichteren Kost des jungen Franz Schubert zählt, in einem stilgerechten Arrangement des Zwölftonkomponisten Anton Webern an den Anfang der anspruchsvollen Soiree zu setzen, erwies sich als kluger Schachzug im Programmaufbau. Ein vergnüglicher Ohrenschmaus als Einstimmung auf ein Opus, über das es sich erübrigt viele Worte zu verlieren. Von fast keinem Werk für ein Soloinstrument der klassischen Ära gibt es trotz des enormen Schwierigkeitsgrades so viele Aufnahmen wie von Beethovens einzigem Konzert für Violine und Orchester. In der Fachpresse liest man ausgeprägte Analysen des Vorzeigewerks namhafter Solisten und in dicken Musikanthologien nimmt die solistische Herausforderung ständig einen wichtigen Platz ein.

Mit der deutschen Solistin Isabelle Faust erlebten wir eine zwar traditionelle aber frische Fassung der virtuosen Soloparts, die besonders durch die disziplinierte, behutsam bis feurig geigende Musikerin jeden feinen Akzent ohne musikalische Effekthascherei voll zur Geltung brachte. Selbst die ausgefeilten Kadenzen nahm sie mit diskretem Elan in Angriff. Die Violonistin spielte auf ihrer „Dornröschen-Stradivari“ aus dem Jahr 1704, die nach 150-jährigem Verschollensein auf einem Dachboden in Deutschland entdeckt wurde.

Dynamische Stabführung

Ganz im Esprit der sanften, schwermütigen aber pathetischen Romanzen gelang dem „Concertgebouw“ anschließend eine selten staubfreie Interpretation von Robert Schumanns 2. Sinfonie, die sich im dritten Satz mit den Gedankengängen eines Johann Sebastian Bach beschäftigt. Selbst das etwas langatmige Finale konnte dank der feinfühligen, dynamischen Stabführung Herreweghes einen nachhaltig positiven Eindruck vermitteln. Der Maestro bewegte das Orchester mit einer verblüffenden, natürlichen Leichtigkeit, die die Vorzüge des Wechselspiels zwischen Bläsern und Streichern permanent aufleben ließen.

Philippe Van Herreweghe, der übrigens als „Artist in Residence“ in der Philharmonie zu Gast ist, kommt im Mai 2019 gleich für zwei Konzerte in den Kirchberger Konzerttempel, einmal für ein Madrigalrezital von Claudio Monteverdi mit seinem „Collegium Vocale Gent“, zum zweiten als Gastdirigent des OPL mit Werken von Johannes Brahms.