Wer beneidet nicht manchmal Kinder? Wie sie mit glitzernden Augen in die Welt blicken, voller Zuversicht und Neugierde, und nicht den geringsten Zweifel daran hegend, dass ihre Weltanschauung der Realität entspricht? In ihren Köpfen hat alles seine Ordnung. Kinder dürfen noch Fehler machen. Sie lernen von den Eltern und nehmen sich ein Beispiel an ihnen, denn diese sind unfehlbar und wissen immer, was zu tun ist. Irgendwann werden sie selbst zu den Erwachsenen gehören und davon profitieren können, perfekt zu sein und niemals Angst haben oder traurig sein zu müssen, denn mit dem Erwachsensein ist ein bestimmtes Selbstgefühl verbunden, das wohl ab einem bestimmten Zeitpunkt eintreten wird - vermutlich dann, wenn die Pubertät abgeschlossen ist.
Wie schön stellt man sich das alles vor! Man kämpft sich durch die Probleme und Krisen, die man als pubertierender Jugendlicher eben so hat - mit jedem Pickel, den man erfolgreich aus dem Gesicht beseitigt, hofft man, diesem neuen und ersehnten Selbstgefühl ein wenig näher zu kommen. Irgendwann dämmert es einem dann: Man ist immer noch die gleiche Person und fühlt sich auch immer noch gleich- und das wird vermutlich ewig so bleiben. Es gibt keine magische Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein und es gibt nichts, woran man den Unterschied konkret festmachen könnte.
Früher Berg der Erkenntnis
Möglicherweise hat es einem schon früher gedämmert. Zumindest dürfte sich der Verdacht spätestens dann eingeschlichen haben, als man die traumatisierende Wahrheit erfahren hat, dass es den Nikolaus gar nicht gibt. Die meisten haben da wohl das eine oder andere Tränchen fließen lassen, denn es gibt so viel, was man daraus schließen kann. Erstens: Menschen lügen und unsere Eltern bilden da keine Ausnahme. Es mag zu unserem Schutz sein, um uns eine besonders schöne Kindheit zu bescheren oder ganz einfach im Sinne unseres Wohlergehens und nichtsdestotrotz fragt man sich: Hätte man die Lüge bevorzugt, wenn man die Wahl gehabt hätte, oder wäre man doch lieber von vorne herein im Klaren gewesen? Und wenn man in dieser Sache belogen wurde, gibt es da nicht möglicherweise andere Dinge, die einem vorenthalten wurden? Verzeihen tut man den Eltern ja dann trotzdem, weil man weiß, dass sie es gut mit uns gemeint haben und dass es keine Menschen gibt, die so durch und durch selbstlos sind und eine solche Herzensgüte besitzen, dass sie jedes Kind auf dieser Welt gleichermaßen beschenken, ohne etwas dafür zu verlangen, ist im Grunde noch viel desillusionierender. Hinzu kommt, dass unsere Eltern uns Jahr für Jahr immer wieder in dem Maße beschenkt haben, dass es unter Umständen ihre finanziellen Möglichkeiten überstiegen hat und doch haben sie darauf bestanden, uns diese Freude zu machen. Dieser Punkt ist wohl das wichtigste, was man in dem Moment realisiert.
Die meist unterschätzte Arbeit der Welt
Denn haben unsere Eltern das nicht oft getan, uns so viel zu geben, dass es eigentlich den Rahmen ihrer Kapazitäten gesprengt hat? Um der Elternrolle gerecht zu werden, muss man Ansprüchen gerecht werden, denen man eigentlich gar nicht gerecht werden kann. Man will vor den Kindern weder Schwäche zeigen, noch Wut, Trauer, Enttäuschung oder sonstige negativen Gefühle und ganz gleich was man fühlt, man muss für die Kinder immer die starke Schulter sein. Bei allem, was man tut, steht man unter dem Druck, so zu handeln, dass man ein gutes Vorbild abgibt.
Die Liste von den Erwartungen, die man als gute Eltern erfüllen muss, ist lang und als Kind merkt man plötzlich, dass das alles eigentlich nicht gerecht ist. Es wäre demnach wünschenswert, wenn alle jungen Menschen selbst einmal in das Weihnachtsmannkostüm schlüpfen- und versuchen würden, ihren Eltern ein wenig von dem zurückzugeben, was diese einst für sie getan haben- und immer noch tun.



