LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Rudolf Buchbinder mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Philharmonie

Natürlich war die Vorfreude auf das Konzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wegen der plötzlichen Erkrankung seines Chefdirigenten Mariss Jansons, den wir noch am Samstag zusammen mit eben diesem Musikensemble bei 3SAT mit Werken von Richard Strauss und Johannes Brahms bewundern konnten, ein wenig getrübt. An seiner Stelle stand der aktuelle „Artist in Residence“ der Philharmonie, Daniel Harding, laut Besetzungsänderungsbeilage, ein „gern gesehener Gast“ beim BRSO, am Dirigierpult.

Auch die Programmänderung, die die Philharmonie schon im Laufe des Tages per E-Mail angekündigt hatte, war nicht unbedingt auf den Geschmack jener Melomanen ausgerichtet, die sich auf die komplexe 10. Symphonie des russischen Universalgenies Dimitri Schostakowitsch eingestellt hatten, war an Stelle des „intellektuellen“, kompromisslosen und modernen Werks die romantische 4. Symphonie von Johannes Brahms angesagt. Ebenso erwies sich das zwar vorzüglich interpretierte, aber etwas langatmige Präludium „The Dream of Gerontius“ von Edward Elgar, das kurzfristig an Stelle von Carl Maria von Webers Ouvertüre „Euryanthe“ in das Programm ausgewechselt wurde, nicht unbedingt als ideales Eröffnungsstück.

Versöhnt wurde das erwartungsfreudige Publikum durch die hervorragende, makellose Interpretation des programmierten 2. Klavierkonzertes des deutschen Komponisten mit belgischen Wurzeln, Ludwig van Beethoven, durch dem österreichischen Starpianisten Rudolf Buchbinder, der dieses Jahr bereits als Solist beim Neujahrskonzert in der Philharmonie zu Gast war.

Natürlich bietet eine Beethoveninterpretation von Buchbinder keinen Anlass eine überraschende, effektvolle den modernen Hörgewohnheiten angepasste Auslegung der Traditionswerke zu erwarten, aber als Garant für einen stilgerechten, fesselnden Vortrag mit Schwerpunkt auf Authentizität und fantasievoller Gestaltung fungiert der Wiener Pianist, der im Dezember seinen 73. Geburtstag feiert, auf dem Index der Weltbesten noch immer als einer der Spitzenreiter.

Mit stürmischem Temperament

Seine unaufgeregte, überzeugend beruhigende Art, die virtuosen Phrasen mit stürmischem Temperament zu illustrieren, ist einmalig. Selbst die technischen Anforderungen im Wechsel mit den lyrischen Figurationen lassen bei dem Solisten den Eindruck einer unverwechselbaren graziösen Brillanz entstehen, die immer zielbewusst eigenwillig klingt. Wie er die vom Orchester vorgegebenen Passagen umspielt, die harmonischen Überleitungen fantasieentfesselnd verarbeitet und die Konfrontation der pianistischen Herausforderungen mit den einprägsamen Koloriten des Orchesters auslegt, ist so fein gesteuert, dass die Beziehung von Melodie und Orchesterthematik so leidenschaftlich ineinander verschmelzen und das Werk, das nach Aussage des Komponisten nicht zu seinen besten gehört, in völlig neuem Licht erstrahlen lässt.

Was für den Laien so ungezwungen und natürlich wie nur möglich klingen soll, von den Interpreten aber eiserne Disziplin und höchste Konzentration abverlangt, darin sind die exzellenten Musiker des renommierten Orchesters des Bayerischen Rundfunks Weltklasse. Was man an den meisten großorchestralen Klangkörpern schätzt, - die stechend scharfe Brillanz der Bläsersektion, die Homogenität der Streicher, die Präzision der Hintermannschaft – ist bei diesem Ensemble so gleichberechtigt ausbalanciert, dass der Eindruck eines einzigen perfekt programmierten und ferngesteuerten Instruments mit unzähligen Klangfarben, ähnlich der Orgel, entsteht.

Engagierte, emphatische und inspirierte Art

Dieses extraordinäre Phänomen kam bei Johannes Brahms‘ 4. - seiner letzten - Symphonie, voll zur Geltung. Auch wenn man auf die Verkostung des schwierigen Schostakowitsch-Opus eingestellt war, konnte das Meisterwerk aus der Feder des Hamburger Komponisten bestens kompensieren. Hier konnte Dirigent Daniel Harding, der in seinen Anfangsjahren als Assistent bei so illustren Orchesterleitern wie Sir Simon Rattle und Claudio Abbado arbeitete, seine besonderen Fähigkeiten, den subtilen Beziehungsreichtum der rund 40-minütigen Symphonie präzise gesteuert in allen Raffinessen zu beleuchten, unter Beweis stellen. Seine engagierte, emphatische und inspirierte Art ließ die klare, transparente Instrumentationskunst Brahms’ ungewohnt kontrastreich erscheinen. Bereits im 1. Satz, das ohne Einleitung mit der bekannten, markanten Melodie beginnt, war die Kraft des Ausdrucks, mit der er das restlos überzeugende Orchester manövrierte, nicht zu überhören. Im 2. balladenartigen Satz „Andante moderato“ konnte der monumentale Klangkorpus die architektonisch strukturierten Klangwelten voller geheimnisvoller Aspekte diskret dosiert aber effektvoll wirken lassen. Bis zum letzten Satz, der von Fragmenten in Barockform geprägt ist, war die permanente angenehme Spannung dominant und ließ die explosive Musik voller Bewegung und Perspektivwechsel, mal heftig wehmütig, mal wild und dämonisch, in allen möglichen Klangfarben mit selten ausgeprägter dynamischer Anziehungskraft erstrahlen.

Harding, der einen überzeugenden Eindruck hinterließ, wird im Februar und März 2020 mit Symphonien von Mahler und Mozart interpretiert vom „Orchestre Philharmonique du Luxembourg“ und dem „Mahler Chamber Orchestra“ wieder in der Philharmonie zu Gast sein.