CORDELIA CHATON

Als hätte sie es gespürt, hatte Annegret Kramp-Karrenbauer die Vertrauensfrage beim letzten Parteitag gestellt. Und sie gewann haushoch. Beim Bundesparteitag davor, am 7. Dezember 2018 in Hamburg setzte sich AKK in der Stichwahl mit der absoluten Mehrheit von 517 der 999 abgegebenen Stimmen (51,75 Prozent) gegen Friedrich Merz durch, der 482 Stimmen (48,25 Prozent) bekam. Bereits im ersten Wahlgang hatte sie mit 450 Stimmen vor Merz (392) und Spahn (157) in Führung gelegen.

Doch die Parteifreunde wandelten den Frust über ihre Niederlage in verbale Spitzen um. Ganz vorn dabei der intelligente, aber leider blasse und zitronensaure Friedrich Merz. Immer wieder hatte er beteuert, es ginge jetzt um den CDU-Vorsitz und nicht um einen Umsturz. Das ist so glaubwürdig wie der Bär, der sagt, er nimmt den Honig nicht aus Mitgefühl mit den Bienenvölkern. Allein: Das Wahlvolk degoutiert den harschen Typen nicht, da hilft es auch nicht, dass er sein umstrittenes Aufsichtsratsmandat bei der Schattenbank Blackrock niedergelegt hat.

Dann ist da Jens Spahn, der zwar jung und feierfreudig ist. Aber etwas ist von seiner Bankkaufmann-Ausbildung in seinem Auftreten hängen geblieben, das nach Münsteraner Linoleum riecht. Böse Zungen behaupten, Merkel habe ihn nur nach oben hieven wollen, damit er es mit dem Party machen in Berlin nicht übertreibe. Sicher ist: Bei den Ärzten ist er mit seiner Gesundheitsreform vor allem durch Unwissen aufgefallen.

Dann gibt es noch Armin Laschet, der den einen als leutselig und den anderen als rückgratlos gilt. Der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens hat bislang nicht öffentlich gegen AKK kandidiert, aber durchaus Position gegen die gleichgeschlechtliche Ehe bezogen, was dem mit einem Mann liierten Spahn wenig passen dürfte. Laschets Motto aus jungen Jahren: „20 Prozent Sein, 30 Prozent Schein, 50 Prozent Schwein“. So viel Glück könnte er brauchen.

Fazit: AKK war die bessere Kandidatin. Aber sie erinnert an Andrea Nahles. Die ehemalige Generalsekretärin der SPD, die sich von ganz unten hochgearbeitet hat, volksnah, wortreich, temperamentvoll. Sie warf im Juni 2019 das Handtuch als Partei-Chefin. Damals sprach Sarah Wagenknecht, Chefin der Linksfraktion, von „Zügen von Mobbing“; Das beginne da, „wo jemand von den eigenen Leuten durch anonyme Sticheleien und gezielt lancierte Beleidigungen so lange öffentlich demontiert wird, bis der Betreffende das Handtuch wirft“. Auch Nahles hatte sich immer wieder über die Männerriege beschwert, die ihr das Leben in der eigenen Partei schwer macht.

Vielleicht gehen Frauen aber auch anders mit den harten Bandagen um. Vielleicht reicht es ihnen irgendwann. Und sie fragen sich, warum sie das, nach allem, was sie erreicht haben, noch weiter mitmachen sollen, wenn die Loyalität fehlt. Dann gehen sie. Und alle sehen alt aus. Der SPD jedenfalls hat die Amtsniederlegung nicht gut getan. Sie ist in ein peinliches Duo-Wettlaufen abgestürzt, aus dem nicht gerade Führungsfiguren hervorgegangen sind. Ähnliches droht der CDU.