DR. PAUL HENTGEN

Die Sucht nach Alkohol ist ein Thema, das sehr negativ wahrgenommen wird. Dabei stellt sich zunächst die Frage, ab wann man überhaupt von Alkoholismus spricht und wie die entsprechende Therapie aussieht.

„Alkoholismus wird von der Weltgesundheitsorganisation, WHO, in der ICD-10 definiert und führt sechs Kriterien auf. Dazu zählen etwa ein starkes oder zwanghaftes Verlangen, Alkohol zu konsumieren, verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich der Menge, des Beginns oder Endes des Konsums und körperliche Entzugserscheinungen bei Konsumstopp. Dabei unterscheidet die WHO allerdings zwischen schädlichem Trinken von Alkohol und einer Alkoholsucht.

Wenn man die Zahlen aus dem Ausland auf Luxemburg überträgt, haben im Großherzogtum 4,1 Prozent der Bevölkerung über 18 Jahren ein Alkoholproblem. Aufgeteilt nach Geschlecht sind es bei den Männern sogar 7,2 Prozent. Somit ist fast jeder zehnte Mann betroffen. Da die wenigsten Alkoholiker auf den ersten Blick zu erkennen sind und mit ihrer Sucht offen umgehen, bedeutet das im Umkehrschluss, dass fast jeder in seinem unmittelbaren Umfeld oder vielleicht sogar in der Familie, einen Alkoholiker hat und direkt oder indirekt von den Auswirkungen betroffen ist. Mit Blick auf Frauen liegt die Zahl der Betroffenen bei vergleichsweise nur 1,3 Prozent.

Klar ist, dass Alkoholismus nicht nur eine kleine Anzahl von Menschen betrifft, sondern eine Volkskrankheit ist. Darüber hinaus verursacht schädlicher Alkoholkonsum aufgrund von daraus resultierenden Krankheiten, Arbeitsunfähigkeit, Unfällen und Gewalt sehr hohe Kosten.

Bei der Behandlung von Alkoholkranken ist es in den letzten Jahren zu einem Umdenken gekommen. Galt lange Zeit die Annahme, dass das Ziel ein kompletter Verzicht von Alkohol sein muss, ist man nun immer mehr der Auffassung, dass es auch Zwischenlösungen geben kann. Etwa ein reduzierter und geregelter Alkoholkonsum. Für eine Therapie sind kleine Schritte mit den verbundenen Erfolgserlebnissen wichtig. Diese Zwischenschritte können sogar am Ende zu einem kompletten Verzicht von Alkohol führen, wobei man immer von Person zu Person und dem Grad des Alkoholkonsums unterscheiden muss.

Nur begeben sich die wenigsten Personen mit einem Alkoholproblem in Behandlung, da sie Angst vor der Therapie haben, sich schämen oder einfach nicht in der Lage sind, solche Entscheidungen zu treffen. Dass Alkoholismus in der Bevölkerung immer noch stark stigmatisiert ist und nicht wie viele andere Krankheiten wahrgenommen wird, trägt nicht dazu bei, dass die Betroffenen sich in Behandlung begeben. Somit muss jetzt ein Umdenken in der Bevölkerung geschehen, um den Betroffenen das Gefühl zu geben, dass sie sich nicht für ihre Krankheit schämen müssen und Hilfe annehmen.“