LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Gesellschaftliche Normen und Unterstellungen

Das schöne Wetter lädt mich förmlich ein zu einem Spaziergang über den Trierer Petrisberg. Ich laufe allein los, denke mir nichts dabei – bis ich den ersten Paaren begegne. Augenblicklich fühle ich mich unwohl. Ich wundere mich, denn ich kann den ganzen Tag zu Hause verbringen, wo ich viel isolierter bin als draußen in der Natur, ohne dass ich das Gefühl habe, dass es mir an etwas fehlt. Allein fühle ich mich, paradoxerweise, erst unter Menschen. Das führt mich zu der Frage, ob das Gefühl des Alleinseins ein natürliches ist oder ob es kulturell geprägt ist und erst innerhalb der Gesellschaft und ihren Normen entsteht.

Mitleid und Skepsis

Mir ist, als würden mich die mitleidigen Blicke der anderen Spaziergänger durchbohren. Denn es muss doch schrecklich traurig sein, so ganz allein herumzulaufen! Ich antworte den Passanten in Gedanken, dass es doch schrecklich traurig ist, nicht einmal allein um den Block gehen zu können, ohne sich zur Gesellschaft beinahe gezwungen zu fühlen. Dass es mich nicht traurig macht, weil es mich wirklich traurig macht, sondern, weil ich glaube, dass sie glauben, dass es mich traurig machen muss.

Hinter dem beschriebenen Phänomen steckt die oftmalige Unterstellung, dass ein Mensch, der in einer konkreten Situation allein auftaucht, grundsätzlich allein ist. Und Alleinsein steht synonym für das Single-Dasein. Schon diese Formulierung zeigt die negative Einstellung dem Singleleben gegenüber an.
Wenn es um die sexuelle Orientierung geht, trifft man heute auf eine immer breitere und stärker ausgeprägte Toleranz. Für die Lebensweise, das Dasein außerhalb einer Beziehung, ist das nicht der Fall. Nicht, weil dieses abgetrennt betrachtet wird von sexuellen Vorlieben, sondern gerade, weil es damit in Verbindung gebracht wird. Wer nicht in einer Beziehung lebt, tut dies, so die Unterstellung, bewusst, um möglichst viele verschiedene Sexualpartner haben zu können, oder aber ihm bleibt so die Möglichkeit zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse komplett verwehrt. Anders ausgedrückt: Er hat entweder „viel zu viel“ oder überhaupt keinen Geschlechtsverkehr und beides entspricht nicht den gesellschaftlichen Normen. Ein Single ist demnach ein hoffnungsloser Casanova oder ein sehr bemitleidenswertes Wesen.

Versteckte Vorwürfe

So oder so kann man als Single unmöglich auf dem richtigen Pfad sein. Es kann also nur gut gemeint sein, wenn beim Familienfest wieder einmal danach gefragt wird, wo wir denn den eigenen Partner gelassen haben. Noch dazu taucht in der ausformulierten Frage – „gibt es etwa noch niemanden?“ – fast immer ein „noch“ auf, das impliziert, dass der Partner fürs Leben noch gefunden werden wird – und gefunden werden muss.

Das Unerträglichste ist die Sucherei nach den Ursachen und das Verteilen von Ratschlägen, hinter denen sich die bösartigsten Vorurteile und Unterstellungen verbergen. Die Palette reicht von „Kind, du gehst nicht häufig genug aus“, bis hin zu „er/sie macht aber auch gar nichts aus sich“. Irgendwo muss er schließlich liegen, unser fataler Fehler.

Ähnliche Gesprächs- und Verhaltensmuster treten auch beim Daten auf. Eine der ersten Fragen, die dort gestellt wird, ist, wie lange wir denn schon Single sind. Sie wird keineswegs aus unschuldiger Neugierde heraus geäußert. Sie birgt die Erwartungshaltung in sich, dass der Gegenüber nicht zu lange „allein gewesen“ sein sollte, denn das könnte ihn ja zum Negativen verändert haben.

Anschließend wird natürlich nachgehakt, warum das denn „schon so lange“ der Fall ist. Das kann als Aufforderung zu verstehen sein, uns bitte zu rechtfertigen, warum wir die ungewöhnliche Entscheidung getroffen haben, ein Single-Dasein zu führen. Oder der Gesprächspartner will wissen, was denn mit uns nicht stimmt und welche Eigenschaften wir besitzen, die andere davor zurückschrecken lassen, mit uns eine Beziehung einzugehen. Unbewusst degradiert er uns und wird nun wachsam auf die Schwächen lauern, die er in uns vermutet.

Fremdbestimmtes Glück

Eine weitere Tatsache, die zeigt, dass das Single-Dasein kaum toleriert wird, ist, dass die Frage, ob wir Single sind, nie ohne Hintergedanken geäußert wird. Theoretisch könnte ich ja darauf mit „ja“ antworten und erwarten, dass das kommentarlos hingenommen wird. Stattdessen wird dann betont, dass ich „doch so eine hübsche Frau“ sei, was abermals unterstellt, dass mein „Zustand“ dringend verändert werden muss. Zudem legt das ein fragwürdiges Wertesystem bloß: Schönheit verdient eine Beziehung, wer Single ist, muss hässlich sein. Gleich darauf wird die Baggerschaufel hervorgeholt. Das „Outen“ als Single kommt einer Aufforderung gleich, mit allen Mitteln erobert zu werden. Wer einer plumpen Anmache entgehen möchte, sollte besser lügen.

Letztlich kann ich nur immer wieder feststellen, dass das Single-Dasein nach wie vor ein soziales Stigma ist. Wer Single ist, dem werden eine Reihe unschöner Eigenschaften unterstellt. Dass wir bewusst „allein“ leben können, wird meist gar nicht in Betracht gezogen. Äußert ein Single, zufrieden zu sein, wirft man ihm Unaufrichtigkeit vor und dass er sich das bloß einrede. Die gesellschaftlichen Normen werden ihm solange eingetrichtert, bis er sich wie ein Versager fühlt, sich ohne zweite Hälfte zu zeigen – selbst bei einem banalen Spaziergang. Dabei kann und darf gesellschaftlicher Druck niemals der Anreiz sein, sich mit einem Menschen zusammenzutun.