LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

„Jazz At The Philharmonics“: Altmeister Kenny Barron präsentierte die Jazzstars von morgen

Eine lobenswerte Initiative war es vor zwei Jahren die legendäre Jazzkonzertreihe „Jazz At The Philharmonics“ (JATP) nach rund 30-jähriger Ruhepause wieder aufleben zu lassen. Ziel der damals monumentalen Veranstaltungen, bei denen Musiker wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie oder Stan Getz auftraten, war es ursprünglich, den Jazz aus den Clubs und Spelunken in die großen Konzerthäuser zu verlegen und damit populärer zu machen.

Konnten die Organisatoren vor zwei Jahren den Saxofonisten Joe Lovano als Aushängeschild der Tournee engagieren, war der Star des siebenköpfigen Ensembles am Samstag in der Philharmonie einer der bedeutendsten und meistengagierten Pianisten der aktuellen Szene, der 1943 in Philadelphia geborene US-Amerikaner Kenny Barron, den wir durch seine vielen originellen Rollen in der Jazzwelt kennen. Als Leiter des Quartetts „Spere“, das sich dem Erbe des legendären Thelonius Monk widmete, oder als kongenialer Duopartner von Stan Getz oder Dave Holland, mit dem wir ihn noch im letzten Juli beim 50. Montreux Jazz Festival erlebten, ist er in die Annalen der Jazzgeschichte eingegangen.

In seiner Begrüßungsansprache erinnert sich Barron, dass er trotz 50-jähriger Tourneeaktivität erst zum zweiten Mal in Luxemburg auftritt. Wo das erste Mal war, weiß er wahrscheinlich nicht mehr, spielte er doch vor über 25 Jahren, im April 1990 auf Einladung des „jazzclubluxemburg“ mit seinem Quintett im Studio des Großen Theaters.

Septett in ungewöhnlicher Besetzung

Mit „Voyage“der wohl bekanntesten Komposition des Leaders stimmte das Septett in ungewöhnlicher Besetzung - Violine, Sopran- und Tenorsaxofon sowie Vibraphon als Frontmen der Band - das erwartungsfreudige Publikum auf eine spannende Reise durch die mannigfaltige Stilistik des modernen Jazz ein. Schon hier konnte jedes Bandmitglied mit ausgedehnten Improvisationen seine Fähigkeiten beleuchten, die in einem aufregenden Wechselspiel mit dem vortrefflichen Schlagzeuger Justin Faulkner gipfelten.

Mit einer konzertanten Rhapsodie für Violine und Piano stellte Barron den ersten Solisten der Soiree, den Geiger Scott Tixier vor. Dieser entpuppte sich bei dem publikumswirksamen Bravourstück als wahrer Teufelsgeiger. Es folgte ein mystisches Stück des Pianisten, „Mary Laveau“, einer Vodooqueen aus der Bourbon Street in New Orleans gewidmet, mit der Niederländerin Tineke Postma am Sopransaxofon, die durch ihre inspirierten, virtuosen Improvisationen eine wichtige Rolle bei dem fesselnden Summit spielte.

Mutige Darbietungen

Dass er mit zunehmendem Alter immer mutiger werde, wie er vor kurzem in einem Interview agte, bewies Kenny Barron in dem folgenden Stück mit jazz-rockig angehauchten Riffs. Einer der prägnantesten Höhepunkte des abwechslungsreichen Konzerts war die Duoversion des Evergreens „Alone Together“ mit dem Luxemburger Vibraphonisten Pascal Schumacher, wobei der Dialog der beiden Solisten sich so kompakt und homogen anhörte, als hätten sie ein Leben lang zusammengespielt. Weiter ging es in Quintettbesetzung mit der Vorstellung des Tenorsaxofonisten Dayna Stephens, der mit seinen kräftigen Phrasen im Sinne des beliebten pluralistischen Stilkonzepts à la Michael Brecker sämtliche Register des modernen Saxofonspiels demonstrierte.

Einer der schönsten Momente des Repertoires bot Kenny Barrons Komposition „Rain“, die auf seiner zweitletzten Platte im Duo mit Dave Holland zu finden ist. Hier boten die betörende Sopransaxofonistin Tineke Postma und Dayna Stephens am Tenor mit dynamischen Soundimpressionen ein ausgeglichenes Bild vorbildlicher Zusammenarbeit. Überhaupt war das Faszinierendste des Abends die Vorstellung der verschiedenen Zusammenstellungen von Duo, über Trio und Quintett bis zum Septett ein besonderer Reizfaktor der Revue über die Vielfalt verschiedener Stile des Modern Jazz.

Abschließend hatte jeder der Solisten in „Footprints“ von Wayne Shorter in sessionartigem Aufbau noch einmal die Gelegenheit eine Probe seines bravourösen Könnens zu präsentieren.

Exzellente Männer im Hintergrund

Besonderes Lob gebührt den beiden exzellenten Männern im Hintergrund, dem stets drivenden Bassisten Joshua Crumbly und dem kreativen Schlagzeuger Justin Faulkner, der während des gesamten Konzerts komplizierte, schwierigste Breaks mühelos, mit einer unangestrengten Leichtigkeit und einer unübertrefflichen Präzision meisterte. Faulkner ist übrigens am 31. März mit dem „Branford Marsalis Quartet“ erneut in der Philharmonie zu Gast.

Selten hat man die Gelegenheit ein solch stilistisch farbenprächtiges, musikalisches Spektakel mit ausnahmslos jungen Interpreten der Spitzenklasse zu erleben.

Nach der fast zweieinhalbstündigen Marathonperformance ließ der Maestro seine Schützlinge nicht mehr zu einer Zugabe antreten, sondern bedankte sich zur großen Freude vieler Fans mit einer Solointerpretation, und zwar seiner Spezialität, einer originellen Version von Thelonius Monks Klassiker „Light Blue“.