LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Am 1. Februar stellt das „Michel Meis 4tet“ sein Debütalbum vor - ein Gespräch mit dem Leader

Er gehört zur neuen Generation luxemburgischer Jazzmusiker und liebt es, Grenzen musikalisch zu sprengen: Schlagzeuger Michel Meis mag dieses Spiel mit Gegensätzen. Seine Vielseitigkeit und Offenheit für andere Stile hat er bei ganz unterschiedlichen Projekten mehrfach unter Beweis gestellt, nun legt er mit seiner eigenen Formation, dem „Michel Meis 4tet“, das langersehnte Debütalbum „Lost in Translation“ vor. Das offizielle Releasekonzert ist am 1. Februar im Düdelinger opderschmelz. Das Publikum darf sich auf modernen, experimentellen Jazz freuen. Wir haben uns mit dem Drummer unterhalten.

Wie sind Sie eigentlich zur Musik gekommen?

Michel Meis Ich wurde in eine musikalische Familie hineingeboren. Mein Vater hat Klarinette in der Militärmusik gespielt, und meine Mutter hat gesungen, mit Label. Schon als Kind habe ich Konzerte der Militärmusik miterlebt und durfte gelegentlich hinten an der Perkussion Platz nehmen. Mein Vater hat mich dann auch mit in seine Dorfmusikvereine genommen. Für mich war schnell klar, welches Instrument ich einmal erlernen würde. Als ich später das Konservatorium besucht habe, hatte ich tolle Musiklehrer, unter anderem in meinem Hauptinstrument, Perkussion, Guy Frisch, den ich gerne als meinen Mentor bezeichne. Das Schlagzeug und die Jazzrichtung kamen dann etwas später. Als Kind habe ich aber bereits den Drummer Pit Dahm sehr bewundert. Gerade bin ich dabei, meinen Bachelor an der Saarbrücker Hochschule für Musik abzuschließen.

Sie sind aber nicht nur im Jazz unterwegs?

Meis Eigentlich bin ich relativ offen, was die Stile anbelangt. Das ist mir wichtig. Ich spiele übrigens auch in der Hardcore-Metalband „Everwaiting Serenade“. Das war an sich sogar die erste Band, mit der es ernster wurde. Durch Zufall bin ich dazugestoßen, denn eigentlich hatte ich mit diesem brachialen und aggressiven Musikstil nichts am Hut. Es macht wirklich viel Spaß, mit den Jungs auf der Bühne zu stehen und den Druck dieser Musik zu spüren. Da fühlt man sich fast wie eine Maschine, es ist einfach eine andere Art, Schlagzeug zu spielen.

Bei der eigenen Formation haben Sie trotzdem auf Jazz gesetzt?

Meis Jazz ist eine Liebe, die ich für mich entdeckt habe. Die Musik ist extrem emotional und ausdrucksstark. Man kann alles machen. Es ist ein Stil, der unglaublich frei und offen ist, deshalb war klar, dass ich in diesem Bereich mein eigenes Projekt auf die Beine stellen würde, um eigene Ideen umzusetzen und ein bisschen aus allen Genres zu schöpfen, vom kammermusikalischen Aspekt über heavy Beats bis zu schnellen Drum’n’Bass-Spielereien. Ich wollte mir keine Grenzen setzen, um mir letztlich auch kein Stigma zu verpassen. Genau dafür steht auch das Debütalbum „Lost in Translation“. Bereits der Titel soll darauf hindeuten, dass ich mich ein bisschen zwischen den Welten bewege und mir alle Möglichkeiten offen lasse.

Ist es das, was das „Michel Meis 4tet“ von anderen Jazzensembles abhebt?

Meis Es ist jedenfalls der Spirit meines Quartetts, wobei es mir aber nicht in erster Linie darum geht, mich von anderen Bands abzuheben. Vieles ergibt sich letzten Endes durch die Zusammensetzung. Mein Bassist, Stephan Goldbach, ist beispielsweise viel in der neuen Musik unterwegs. Ich lasse ihm viel Freiraum. Cédric Hanriot am Klavier und Alisa Klein an der Posaune haben ebenfalls ihr eigenes Timbre. Würde ich das unterbinden und ihnen etwas aufzwingen, bräuchte ich nicht ausgerechnet mit diesen Musikern zu spielen. Wir gestalten dieses Projekt zusammen.

Eine Posaunistin ist doch etwas ungewöhnlich…

Meis Aus einer Quoten-Überlegung heraus habe ich diese Wahl nicht getroffen. Alisa habe ich bei einem Konzert gesehen, und ihr Sound und ihre sentimentale Ader haben mich gleich überzeugt. Die Posaune ist ein Instrument, das noch nicht so „overused“ ist wie andere vielleicht. Es ist interessant und „catchy“. Erst seit anderthalb Jahren sind wir nun ein Quartett. Die Stücke mussten leicht geändert werden, aber das funktionierte gleich ziemlich gut.

Wie lange haben Sie an diesem Erstling gearbeitet?

Meis Das Album war an sich relativ schnell aufgenommen, übrigens bereits im Oktober 2017, allerdings hat es eine Zeit gedauert, ein gutes Label zu finden, deshalb veröffentlichen wir es erst jetzt, und zwar in der Reihe „Jazz thing Next Generation“ auf Double Moon/Challenge Records.

Hat man nach über einem Jahr nicht das Gefühl, dass man manches doch hätte anders machen können?

Meis Dieses Gefühl hatten wir eigentlich schon am Tag nach der Aufnahme (lacht). Irgendwann muss man sich zufriedengeben. Ein Maler muss seinen Pinsel auch irgendwann niederlegen, sonst ist sein Bild am Ende schwarz. Ich stehe jedenfalls immer noch hinter dem Album. Abgesehen von „King Kong“, das mein Bassist komponiert hat, und einer Coverversion des Depeche Mode-Songs „Heaven“, habe ich alle Stücke selbst geschrieben. Irgendwie ist bei „Heaven“ übrigens etwas komplett anderes herausgekommen, als ich es ursprünglich geplant hatte.

Kommt das öfter vor, wenn man eine Idee in Musik umsetzen will?

Meis Bei „Heaven“ hatte ich ein paar Probleme mit dem Schreibprogramm, die nicht ganz unschuldig an der jetzigen Version sind (lacht). Ansonsten sind die Schreibprozesse meist länger, die Stücke habe ich nicht innerhalb einer Woche geschrieben. An manchen saß ich einen Monat, ohne weiterzukommen, weil ich einfach nicht mehr in dem „Vibe“ war. Dann habe ich etwas anderes gemacht und bin danach wieder mit neuem Elan an die Sache rangegangen.

Die meisten Titel klingen melancholisch, beziehungsweise drücken Gefühle aus. „Desire“, „Hope“, „Reflection“… Ist es ein sehr persönliches Album?

Meis Zwei Stücke habe ich tatsächlich geschrieben, als es mir nicht so gut ging, sozusagen ein bisschen als Therapie. Das hat mir in dem Moment gut getan. Als die letzte Note geschrieben war, habe mich frei gefühlt. Ich bin ein ziemlich offener Mensch, was Gefühle anbelangt, an sich das komplette Gegenteil von introvertiert. In den Stücken habe ich Gefühle verarbeitet, die ich in dem Moment hatte und nicht lange darüber nachgedacht. Auf dem Album gibt es neben vielen ruhigen Momenten aber auch solche, in denen die Musik explodiert, wo eine gewisse Spannung entsteht. Auch elektronische Elemente habe ich eingebaut. Meiner Ansicht nach ist es heute kaum noch möglich, diese komplett rauszuhalten. Es ist eine Entwicklung, die man nicht ausblenden soll und die auch im Jazz eine Bereicherung ist. Ich könnte mir durchaus vorstellen, in Zukunft noch etwas mehr in diese Richtung zu schreiben.

Ist es heute eigentlich nicht mehr so, dass man als Schlagzeuger eher im Hintergrund steht und weniger vom Publikum wahrgenommen wird?

Meis Ich bin nicht der Meinung, dass dies jemals der Fall war. Möglicherweise in anderen Stilen, aber nicht im Jazz. Das Schlagzeug ist ein gleichberechtigtes Instrument. Viele namhafte Schlagzeuger haben ihre eigene Band gegründet, etwa Justin Brown, Mark Guiliana oder Brian Blade. Das beweist, dass es kein Problem ist, als Drummer eine Band zu leaden. Ich wollte immer mein eigenes Projekt, meine eigene Musik komponieren und spielen. Ich übernehme gerne die Verantwortung. Auch die Organisation, die dahinter steckt, macht mir Spaß. Es ist ein harter Job, vor allem das Konzert-Booking, teilweise kann es auch frustrierend sein, sobald dann aber eine Zusage kommt, hat man wieder ein Grinsen im Gesicht.

Im Nachwuchsbereich hat sich in den letzten Jahren in Luxemburg gerade im Jazz einiges getan. Ist es schwer, seinen Platz zu finden?

Meis Dass sich so viel getan hat, ist vielmehr eine große Chance. Wir exportieren extrem viele Musiker ins Ausland, viele studieren an Hochschulen. In Luxemburg entwickelt sich gerade eine ziemlich robuste Szene, die auch im Ausland an Bekanntheit gewinnt. Dort beginnt man, von unseren Musikern zu reden und kennt nicht mehr nur den einen Namen. Wir können stolz auf unsere Szene sein. Dass sich eine derart positive Entwicklung abzeichnen konnte, ist auch den Programmen unserer Konzertsäle zu verdanken. Viele große Namen kommen nach Luxemburg. An ihnen kann sich der Nachwuchs inspirieren. Sehr dazu beigetragen hat etwa das Festival „Like A Jazz Machine“ und überhaupt das opderschmelz mit seinem Programm.

Im opderschmelz stellen Sie am 1. Februar auch Ihr Album vor. Aufgeregt?

Meis Ich freue mich einfach extrem, endlich meine CD präsentieren zu können. Aber ich will nicht lügen, aufgeregt bin ich natürlich auch.

Weitere Infos unter www.michelmeis.com und www.opderschmelz.lu