LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Weltpremiere: Oscarpreisträger Alexandre Desplat und Musikerin Solrey am Großen Theater

Eine kleine Novelle des japanischen Schriftstellers Yasunari Kawabata hat den berühmten Filmkomponisten Alexandre Desplat und seine Ehefrau, die Musikerin und Regisseurin Solrey dazu inspiriert, eine Kammeroper zu inszenieren. In „En Silence“ werden das Fantastische, das Absurde und das Tragische miteinander verwoben. Dass der zweifache Oscarpreisträger - 2015 für die Filmmusik von „Grand Budapest Hotel“ und 2018 für „Shape of Water“, außerdem in diesem Jahr nominiert für „Isle of Dogs“ - die Musik für eine Kammeroper schreibt, ist bereits eine (ungewohnte) Sensation. Dass „En Silence“ dann auch noch in Luxemburg am „Grand Théâtre“ seine Weltpremiere feiert, eine weitere, und dass das Luxemburger Ensemble „United Instruments of Lucilin“ daran beteiligt ist, eine zusätzliche. Gestern stellte das Duo Desplat/Solrey sein Projekt der hiesigen Presse vor.

Resultat einer zufälligen Begegnung

Es ist indes Guy Frisch, dem künstlerischen Leiter und Perkussionisten der „United Instruments of Lucilin“ zu verdanken, dass das Projekt in dieser Form zustande kam. „Es war ein Glücksfall. Ich habe Alexandre Desplat zufällig in Paris im Anschluss an eine unserer Aufführungen von , Kein Licht‘ getroffen. Meine Töchter waren damals totale Harry Potter-Fans (Anm. d. Red.: Desplat hat die Soundtracks der letzten beiden Filme komponiert), und als ich ihn dann sah, hatte ich sofort den Reflex, ihn um ein Autogramm zu bitten“, lacht Frisch. So sei man ins Gespräch gekommen, „und ich war so unverschämt, zu fragen, ob er denn nicht an einem Gemeinschaftsprojekt interessiert wäre“. Es folgte ein E-Mail-Austausch mit Solrey. „Zwei, drei Wochen später haben wir uns getroffen, und Alexandre hat mir sein Projekt unterbreitet, das er schon lange machen wollte“, erinnert sich Frisch. Der Rest ist Geschichte, beziehungsweise kann man das Ergebnis dieser zufälligen Begegnung am Dienstag und Mittwoch im Großen Theater begutachten.

In „En Silence“ geht es um einen jungen Autor, der seinen ehemaligen Lehrer besucht. Nach einem Schlaganfall kann dieser weder sprechen noch schreiben und verweigert auch sonst jede Bewegung, so als wäre die Verneinung seiner selbst gleichzeitig seine letzte Aussage. Tatsächlich geht es in dieser Kammeroper mit zehn Musikern, zwei Sängern und einem Schauspieler/Erzähler um die Stille.

Außerhalb der gewohnten Arbeitsbereiche

Der Moment schien passend, dieses musikalische und zugleich lyrische Projekt anzugehen, obwohl es sich außerhalb ihrer gewohnten Arbeitsfelder bewege, erzählt Desplat. Da es sich um eine kleinere Form handele - „En Silence“ dauert eine Stunde und 15 Minuten -, habe man sich in die unbekannten Gefilde gewagt. „Es war der richtige Zeitpunkt, unsere beiden Welten zusammenzubringen“, meint auch Solrey. Die Stille des Schriftstellers, der nicht mehr schreiben kann, ist derweil für beide symbolisch. Seit einem Unfall und einer Verletzung an der rechten Hand kann Solrey ihr Instrument nicht mehr spielen. „Meine Violine ist verstummt“, sagt sie. Auch Desplat hat seine ganz persönliche Erfahrung mit der Stille gemacht, wie er berichtet: „Als ich gerade dabei war, ,En Silence‘ zu schreiben, habe ich meine Stimme verloren. Wegen einer Zyste konnte ich fast nicht mehr reden. Ich wurde operiert und konnte während einer ganzen Zeit, keinen einzigen Ton von mir geben, nicht einmal pfeifen oder summen. Dabei wurde mir klar, dass die Stille überhaupt nicht existiert, nicht einmal die innere Stille“. Die Frage, die sich beim Schreiben des Stücks stellte, war trotzdem die, wie Stille überhaupt klingt und wie man sie in Musik umsetzt.

Junge, reine Stimmen und präsente Musiker

„Ich habe quasi mein ganzes Leben auf der Bühne verbracht, beziehungsweise in den Orchestergräben. Ich hatte klare Ideen, um eine möglichst fantastische Inszenierung zu ermöglichen“, sagt Solrey. „Diese sehr tragische Novelle hat auch diese sehr japanische Seite, die absolut fantastisch ist und die nie in Pathos verfällt. Wir bewegen uns jenseits des Tragischen. Stille wird in Japan als Befreiung betrachtet“, bemerkt die Regisseurin. Zudem sei ihr wichtig gewesen, die Musiker als wesentlicher Bestandteil der Dramaturgie und der Szenografie zu betrachten. „Die Musiker sind präsent auf der Bühne und nicht irgendwo versteckt. Sie sind Teil des Spiels“, fügt der Komponist hinzu. Was die Auswahl der Sänger anbelangt, so habe man nach reinen und jungen Stimmen gesucht und sie in Camille Poul und Mikhail Timoshenko gefunden.

„Der Gedanken, in dieses Universum der Lyrik einzutreten, bereitete mir zunächst Sorgen. Für die gesungenen Teile und auch die des Erzählers musste ich eine Linie finden, die meiner Vorstellung entsprach“, gibt er zu bedenken.

Worin besteht denn nun eigentlich der Unterschied zwischen dem Komponieren von Filmmusik und einer Oper? Desplat holt etwas weiter aus: „In meiner Laufbahn habe ich auch viel fürs Theater geschrieben, insbesondere in den 80er und 90er Jahren. Ich habe demnach durchaus Zeit in den Theaterhäusern verbracht. Durch Solrey bin ich auch selbst als Flötist wieder etwas mehr auf die Bühne zurückgekehrt. Ich kenne die Bühne also, dort habe ich angefangen. Es war aber schon eine gewisse Herausforderung, nach so vielen Jahren im Filmbereich, wieder eine andere Art Musik zu schreiben, die anders wahrgenommen wird, wo alles gehört wird, wenn man so will. Im Kino ist die Aufmerksamkeit nicht die gleiche, der Sound des Films verbindet sich mit jenem der Musik. Das Publikum nimmt nicht jeden Ton wahr, weil es nicht darauf achtet. In diesem Fall wird aber jeder Ton gehört, analysiert, ist Teil jeder Szene“, erklärt Desplat.

Es gibt aber auch Parallelen: „Beim Film gibt es ein Drehbuch, das mich führt, ich folge einer Geschichte und unterstütze sie musikalisch. Auch in der Oper habe ich eine Dramaturgie, die mich führt. Die Novelle gab eine gewisse Linie vor, der wir gefolgt sind. Letzten Endes haben Solrey und ich dieses Projekt zusammen realisiert, uns permanent ausgetauscht, und diese kreative Verschmelzung hat es mir erlaubt, der Oper mit weniger Angst zu begegnen“, so der Komponist.
„En Silence“ wird am 26. und 27. Februar im Großen Theater aufgeführt. Tickets unter www.theatres.lu