LUXEMBURG
CORDELIA CHATON/DPA

Huawei hat sich in über 30 Jahren zum Riesen bei Netzwerken entwickelt

Huawei, das chinesische Telekommunikationsunternehmen, das in jüngster Zeit in vielen Industrieländern im Mittelpunkt kontroverser Diskussionen stand, verkörpert wie kein anderes den globalen Aufstieg Chinas in der digitalen Welt: Zu Hause von der Kommunistischen Partei gepäppelt und umsorgt, machte sich Huawei daran, in Überseemärkte zu expandieren. Von 2014 bis 2018 hat Huawei seinen Umsatz mit 108 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppelt. Dieses enorme Wachstum wurde vor allem durch Zuwächse in den Auslandsmärkten getragen. Im Jahr 2017 übernahm das Unternehmen Ericsson und besitzt nun den größten globalen Marktanteil bei mobilen Infrastrukturgeräten. Im Jahr 2018 wurde Huawei die Nummer eins im weltweiten Verkauf von Mobiltelefonen und schlug Apple. Die englische Übersetzung von „Huawei“ zeigt, dass die Erfolgsgeschichte des Unternehmens auch als nationale Vorlage dient: „China (hua) ist in der Lage (wei).“ Allein 2018 ließ sich Huawei 5.405 Patente sichern, mehr als jedes andere Unternehmen.

Dem Gründer Ren Zhengfei wird eine große Nähe zur Regierung nachgesagt. Er hat das Unternehmen 1987 in Shenzen aus der Taufe gehoben. Mittlerweile kommt um Huawei, das in 170 Ländern weltweit aktiv ist kaum noch jemand herum, vor allem nicht bei 5G. Das Unternehmen beherrscht etwa 40 Prozent des globalen Marktes für Netzwerkausrüstung. Die Frage, die bleibt ist: Was ist China, was ist Huawei?

Kunden weltweit

In Deutschland beliefert Huawei unter anderem die Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica. Zu den Produkten gehören beispielsweise Antennen für kabellose Breitbandnetze sowie optische Übertragungssysteme. Auch Monaco Telecom setzt bei 5G auf Huawei. Kurz nach dem Entscheid stand ein Besuch des chinesischen Staatschefs Xi Jinping in Monaco an, der dort über Wirtschafts- und Umweltthemen reden wollte.

In Luxemburg ist der Konzern laut eigenen Angaben nur am Rande vertreten und arbeitet mit lokalen Lizenznehmern. „Als global tätiges weltweit operierendes ICT-Unternehmen freuen wir uns darauf, zur digitalen Transformation Luxemburgs in der Zukunft beizutragen“, heißt es von Huawei.

Doch genau solche Beiträge sind den USA suspekt. Sie verdächtigen Huawei offen, dem chinesischen Staat eine Hintertür für mögliche Spionage offenzuhalten oder von ihm dazu gezwungen werden zu können. Die US-Vorwürfe gehen noch weiter. Wegen Bankbetrugs bei der Umgehung der Sanktionen gegen den Iran haben die USA die Festnahme der Finanzchefin und Tochter des Konzerngründers, Meng Wanzhou, in Kanada erwirkt und fordern ihre Auslieferung. Zusätzlich werden dem Tech-Konzern Geldwäsche, Betrug, Verschwörung zur Behinderung der Justiz und Industriespionage vorgeworfen. Pikanterweise wurde ausgerechnet den USA Spionage bei Huawei nachgewiesen. Huawei war als Antwort auf die Spionagevorwürfe sowie darauf folgende Einschränkungen in den USA gegen die US-Regierung vor Gericht gezogen.

China sieht eine politische Kampagne der USA gegen den chinesischen Telekom-Riesen Huawei, mit der auch der technologische Aufstieg des Landes gebremst werden soll. Das Vorgehen gegen den Konzern sei „keineswegs ein reiner Justizfall, sondern ein absichtlicher politischer Schritt, um sie kleinzumachen“, sagte Außenminister Wang Yi anlässlich der Jahrestagung des Volkskongresses in Peking.

Wirtschaftlich schaden die Vorwürfe dem Unternehmen nicht: Der Umsatz des Smartphone-Herstellers und Netzwerkausrüsters legte im vergangenen Jahr um 19,5 Prozent auf rund 95 Milliarden Euro (721 Milliarden Yuan) zu. Der Gewinn des global agierenden Unternehmens aus dem südchinesischen Shenzhen stieg demnach im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 25 Prozent auf rund 7,8 Milliarden Euro (59,3 Milliarden Yuan).

EU vorsichtiger

Doch auch die EU ist vorsichtiger geworden. Zurzeit läuft die Frequenzversteigerung in Deutschland, doch auch 16 weitere EU-Staaten planen für dieses und nächstes Jahr Frequenzversteigerungen für den superschnellen Mobilfunkstandard. Die EU-Kommission hat die Mitgliedstaaten davor gewarnt, beim Aufbau des 5G-Mobilfunknetzes finanzielle Gesichtspunkte in den Vordergrund zu stellen. EU-Sicherheitskommissar Julian King sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe vergangene Woche, bei der Vorläufer-Mobilfunkgeneration 4G sei der Preis „zur zentralen Entscheidungsgrundlage“ gemacht worden. Diese Einstellung müsse infrage gestellt werden, stattdessen müsse die Sicherheit wieder im Mittelpunkt stehen. Es handele sich beim 5G-Netz um die „Superautobahn all unserer Daten“.

Nach Kings Worten wird die EU-Kommission mit den Mitgliedstaaten bis Ende des Jahres in einem mehrstufigen Prozess einen gemeinsamen Ansatz zur Risikobewertung bei dem neuen Mobilfunknetz entwickeln. Die EU-Staaten sollten mit Blick auf die 5G-Infrastruktur zunächst bis Ende Juni jeweils nationale Risikoanalysen erstellen, erklärte die EU-Kommission. Auf dieser Basis sollten die Länder dann ihre Sicherheitsanforderungen an die Netzwerk-Anbieter überarbeiten - vor allem für öffentliche Netzwerke. EU-Staaten hätten letztlich das Recht, Firmen vom 5G-Markt auszuschließen, wenn sie die nationale Sicherheit gefährdet sähen, betonte die EU-Kommission.

Das könnte durchaus passieren. Britische Sicherheitsexperten sehen im chinesischen Telekommunikationsausrüster Huawei ein technisches Risiko für einheimische Unternehmen. Es gebe nur eine begrenzte Sicherheit, dass den langfristigen Risiken einer Beteiligung von Huawei am britischen Telekommunikationsnetzwerk angemessen begegnet werden könne, schrieben Cybersicherheitsinspektoren in ihrem Jahresbericht. Diese Probleme seien aber wohl nicht die Folge einer Einmischung des chinesischen Staates.

Werben um Vertrauen

Huawei wirbt nach den Vorwürfen um Vertrauen. Auf der Hannover Messe zeigte das Unternehmen unter anderem zahlreiche neue Komponenten für den schnellen Mobilfunkstandard 5G sowie erstmals in Westeuropa seine Plattform Atlas für Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz. Neben Huawei setzen vor allem der finnische Nokia-Konzern sowie Ericsson aus Schweden Hoffnungen auf Marktanteile bei der neuen Netzinfrastruktur. Der Technikkonzern Bosch hatte unlängst bereits angekündigt, im Herbst neue 5G-fähige Automatisierungstechnik vorzustellen. Für alle Netzwerkausrüster und Technologieprovider sollten dabei die gleichen Sicherheitsanforderungen gelten, unabhängig vom Herkunftsland. Huawei spricht von einer neuen Ära, die mit 5G anbricht und hofft, dass die Diskussion sich auf Sicherheitsaspekte verlagert. Im Übrigen sei das einzige Land, das sie ausschließe, die USA. Gern würden sie dorthin zurückkehren, heißt es aus dem Konzern.

Um die eigene Sicherheit zu dokumentieren hat der Konzern in Großbritannien und Deutschland Sicherheitszentren eingerichtet und den Regierungen in Polen und Norwegen ein solches Zentrum angeboten. In beiden Ländern hatte Trump viel Druck gemacht, Huawei nicht zu nehmen. Weltweit sind solche Zentren noch in Dubai, Toronto und Shenzen vorhanden. Seit Anfang März gibt es in Brüssel ein „Cyber Security Transparency Centre“ mit multilateraler Ausrichtung. Die Idee: Die Karte der Transparenz spielen. Doch reicht das?

Gerade hat das Merics-Institut in Berlin eine Studie zu den Herausforderungen für Europa wegen Chinas digitalem Aufstieg herausgegeben. Ihre Schlussfolgerung ist klar: „Wenn China seinen Weg weiterverfolgt, der auf vollständige Autarkie setzt, statt auf Reziprozität und Zusammenarbeit, dann dürfte dies zur ernsthaften Bedrohung werden. Solange Europa in den digitalen Schlüsseltechnologien nicht aufholt, droht es zwischen China und den USA zerrieben zu werden.“