PARIS
CORDELIA CHATON

Exklusiv: Interview mit Daimler-Vorstand Dieter Zetsche zur neuen Produktlinie „EQ“

Auf der größten Automesse der Welt, dem Pariser Automobilsalon, stellte der Daimler-Chef Dieter Zetsche eine neue Marke vor. Unter dem Namen „EQ“ bringt der Stuttgarter Konzern Elektrofahrzeuge auf den Markt. Den Auftakt macht ein SUV. Laut Zetsche handelt es sich um eine völlig neue Fahrzeuggeneration mit Batterie-Antrieb. Bislang waren innerhalb des Konzerns vor allem die Smart-Fahrzeuge als E-Version aufgefallen. 2007 gab es den ersten Smart mit Elektroantrieb. Jetzt gibt es die ganze Bandbreite inklusive Coupé und einer Reichweite von 160 Kilometern. Daimler stellte aber auch eine neue Arbeitsgruppe vor, die Ideen Schub geben soll. Mit 1,3 Millionen verkauften Fahrzeugen in den ersten acht Monaten diesen Jahres stellte die Daimler AG einen neuen Rekord auf und hat das nötige Kleingeld.

Herr Dr. Zetsche, was steckt hinter der Marke „EQ“?

Dieter Zetsche Die Vorstellung des ersten EQ als SUV ist der Auftakt für eine neue Generation. Dies ist ein Prototyp für eine ganz neue Autofamilie, die genau wie andere Marken zu unserem Haus gehören wird. Bis 2025 werden wir mehr als zehn reine E-Autos auf dem Markt haben. Unser Ziel ist, dass E-Autos bis 2025 zwischen 15 und 25 Prozent des gesamten Verkaufsvolumens ausmachen. Dieser EQ-Prototyp wird in drei Jahren auf der Straße fahren - zum Preis eines vernünftig ausgestatteten Mercedes GLC. Der EQ fährt mit einem neuen Look und zwei Elektromotoren, die 300 Kilowatt bringen. Er kommt 500 Kilometer weit. Er ist eine wichtige Etappe auf unserem Weg zum Ziel: Bis 2025 wollen wir im Premiumsegment Marktführer bei den E-Autos sein. Wir wollen da wachsen, wo wir nicht so erfolgreich sind. EQ wird ein weiteres Element sein, um neue Interessenten anzuziehen.

Warum bringen Sie ein Elektroauto als SUV auf den Markt?

Zetsche Das hat gute Gründe. SUVs sind sehr beliebt und haben großen Anteil daran, dass der August der 42. Monat mit einem Verkaufsrekord war. Das entspricht dreieinhalb Jahren des Wachstums. Bislang haben wir rund vier Millionen SUVs verkauft. Da wir wollen, dass die Kunden E-Autos gefallen, fangen wir mit dem Auto an, dass sie am besten finden: dem SUV. Die EQ-Linie funktioniert entlang der CASE-Strategie.

Was bedeutet CASE?

Zetsche Das ist ein Akronym für Connectivity, Autonomous, Shared und Electric. Jeder einzelner dieser Trends kann die ganze Industrie revolutionieren. Die richtige Revolution entsteht aber durch die Kombination aller vier. Das wollen wir mit dem CASE-Team erreichen. Damit wollen wir Neuheiten für den Kunden hervorbringen. Es soll die festen Strukturen durchbrechen mit einer Art Schwarmintelligenz. Unser Finanzvorstand Klaus Entenmann beispielsweise ist dort Teammitglied, einfach, weil er schon viele Neuerungen angestoßen hat. Einige Beispiele für Neuerungen: Jemand, der einen Parkplatz sucht, könnte Informationen zu Parkplätzen auch mit anderen teilen. Wenn man das mit autonomen, selbstfahrenden Fahrzeugen kombiniert, ergibt sich die Möglichkeit, dass Autos untereinander kommunizieren. Was das Teilen angeht: 2007 haben wir car2go eingeführt, daran nehmen heute zwei Millionen Nutzer teil. Jetzt legen wir mytaxi mit Hailo zusammen. Da kommen wir auf sieben Millionen Nutzer in 50 Städten in Europa. Das ist enorm. Auf unserer Plattform „moovel“ kann man Fahrten buchen und dafür zahlen. Und wir haben noch mehr vor.

Was planen Sie?

Zetsche Autos stehen fast 23 Stunden ungenutzt in der Garage. Wir arbeiten derzeit mit einem Start-up in San Francisco zusammen an einem Peer-to-Peer-Projekt. Im November starten wir unser Projekt in Deutschland. Die Nutzer sind über eine Box in ihrem Auto mit einer Online-Plattform verbunden. Sie fotografieren ihr Auto und teilen das Profil mit anderen, die das Auto während der Parkzeit mieten können. Es ist ein Airbnb für Autos. Da kann noch weiter gehen. Autos können während der Ferienzeit vermietet werden und vielleicht sogar die Wäsche aus der Reinigung holen und einkaufen gehen. Damit die Elektrizität ihre Zukunft hat, werden wir 500 Millionen Euro in ein zweites Batteriewerk in Deutschland investieren.

E-Autos verkaufen sich nicht gut. Warum setzten Sie auf diesen Markt?

Zetsche Es ist richtig, dass es zu Zeit etwa 150.000 Elektro-Autos in Europa gibt. Die Frage ist: Wann sieht der Kunde Elektroautos als gleichwertig mit Benzinern an? Da geht es um Ladezeiten und Reichweite, aber auch um den Anschaffungspreis. Die Reichweiten werden jetzt interessant. Die Ladezeiten sind auf rund eine halbe Stunde gesunken, die Batteriekosten sinken auch. Ich denke, 2020 bis 2025 sind wir an dem Punkt, dass Elektroautos als echte Alternative angesehen werden.

Wie sieht es mit der Kostenteilung bei der Entwicklung aus?

Zetsche Heute fahren drei Elektroautos mit Motoren von Renault-Nissan, die meisten Batterien basieren auf Kamenz. Batterien müssen immer mit dem jeweiligen Auto entwickelt werden, da sind kostensparende Standards nicht möglich. Wir arbeiten schon in Netzwerken mit anderen Herstellern.

Wie sauber sind Elektroautos wirklich? Die Elektrizität muss auch erzeugt werden...

Zetsche Die Leute fragen sich, ob wir mehr Kraftwerke brauchen, wenn wir mehr Elektroautos haben. Wenn wir 30 Prozent mehr Elektroautos haben, dann steigt der Elektrizitätsverbrauch um zwei Prozent. Das spielt für das Volumen keine Rolle. Natürlich brauchen wir mehr nachhaltige Energiequellen. Für den CO2-Abdruck insgesamt ist das wichtig. Elektroautos sind im Vorteil gegenüber Dieselautos. Zwischen Diesel und Benzinern gibt es noch eine sehr emotionsgeladene Diskussion. Wenn man sich die Fakten anschaut, wäre es dumm, das Potential der Dieselmotoren nicht zu nutzen. Wir übrigens seit einem Jahr keine sinkenden Verkaufszahlen im Dieselsegment.