LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Zweite Auflage des „red bridge project“ mit Künstler William Kentridge

Wenn die drei größten Kulturinstitutionen der Hauptstadt ihre Kräfte bündeln, um gemeinsam ein Projekt auf die Beine zu stellen, darf man durchaus von einer bemerkenswerten Initiative reden. Erstmals hatten Philharmonie, Grand Théâtre und Mudam diesen Schritt im Jahr 2017 mit der ersten Auflage des „red bridge project“ gewagt. Geografisch wie künstlerisch sollten Brücken zwischen Musik, Tanz, Performance und Bildender Kunst gebaut werden. Gestern nun wurden die ersten Details der zweiten Ausgabe präsentiert.

„Wir wollten etwas Neues schaffen, um die Arbeit eines bedeutenden Künstlers in den Mittelpunkt zu rücken, der in unterschiedlichen Disziplinen unterwegs ist. Nach der erfolgreichen ersten Auflage mit der belgischen Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker freuen wir uns nun, den südafrikanischen Künstler William Kentridge ins Zentrum zu stellen“, erklärte Tom Leick-Burns, Direktor der beiden Stadttheater, und redete von einem „Work in Progress“. Der Startschuss des zweiten „red bridge project“ fällt nämlich erst im Herbst während des rainy days-Festivals in der Philharmonie. Das genaue Programm wird zu einem späteren Zeitpunkt vorgestellt.

Brücken zwischen Disziplinen und Institutionen

„Durch dieses gemeinsame Projekt ist es möglich, das Werk eines Künstlers wirklich richtig hervorzuheben und seine Arbeit auf eine neue Art und Weise zu beleuchten. Uns selbst wird eine interdisziplinäre Arbeitsweise ermöglicht. Wir können andere Publikumsschichten aufbauen und außerdem unsere eigenen Räume anders als gewohnt ausrichten. Gegenseitig voneinander lernen und unser Know-how wie unsere Mittel teilen, sind weitere Vorteile. Zusammen können wir viel weiter gehen, als es jede Institution für sich allein könnte“, so Tom Leick-Burns. Es gehe auch darum, die eigene Komfortzone zu verlassen und herauszufinden, welche Gemeinsamkeiten die drei Institutionen hätten und welche Unterschiede bestehen würden. „Diese gilt es zu überwinden, indem wir die nötigen Brücken bauen“, bemerkte er.

„Für mich ist dieses Projekt wirklich ein Modell davon, wie ich mir die kulturelle Programmgestaltung vorstelle: drei Häuser mit unterschiedlicher Ausrichtung und unterschiedlichem Publikum, die ihre Mittel zusammenlegen, um ein Projekt von großem Umfang zu realisieren, in dessen Mittelpunkt ein bedeutender Künstler steht. Durch diesen Abbau von Trennendem in der Kultur wird eine Erweiterung des Angebots der verschiedenen Häuser ermöglicht und letzten Endes eine Verschiebung der Grenzen der kulturellen Disziplinen“, meinte ihrerseits Kulturministerin Sam Tanson.

Einzigartiges Werk

„William Kentridge gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart“, sagte derweil Mudam-Direktorin Suzanne Cotter. In über 30 Jahren hat er ein einzigartiges Werk geschaffen, das unterschiedlichste künstlerische Genres verschmilzt - Zeichnung, Film, Skulptur, Performance, Theater und Oper. Das Publikum in Luxemburg kann dieses vielseitige Werk in einem facettenreichen Programm entdecken, das von einer Einzelausstellung über eine neue Opernproduktion bis hin zu Performances reicht.

William Kentridge selbst bezeichnete das „red bridge project“ als einzigartig, weil es ihm erlaube, die verschiedenen Facetten seiner Arbeit, die sich üblicherweise im Atelier abspielen würden, auch nach außen zu tragen. „Eine Ausstellung im Mudam, eine Oper im Grand Théâtre und Performances in der Philharmonie - ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, dies tun zu können“, sagte er.

ZUM KÜNSTLER

William Kentridge

Seit dem Beginn seiner Karriere als bildender Künstler in Südafrika während der Apartheid ist er auch im Theaterbereich tätig. In den 1970er und frühen 1980er Jahren, nach einem Abschluss in Politik und Afrikawissenschaften, studiert er bildende Kunst, Theater und Pantomime und gründet die „Junction Avenue Theatre Company“. Von 1992 bis 2002 arbeitet er mit der „Handspring Puppet Company“ an mehreren Performance-Projekten. 1989 präsentiert er „Johannesburg, 2nd Greatest City after Paris“, den ersten einer Reihe von viel beachteten narrativen Filmen unter dem Namen „Drawings for Projection“. Seit Anfang der 1990er Jahre werden seine Arbeiten in Museen und Galerien weltweit ausgestellt. In den letzten 15 Jahren hat er mehrere große Produktionen und Opern inszeniert, zuletzt „The Head and the Load“ (2018). 2016 initiierte er das „Centre for the Less Good Idea“, einen interdisziplinären Inkubator für Kunst in Maboneng.

ZUM VORLÄUFIGEN PROGRAMM

Der Startschuss des zweiten „red bridge project“ fällt im November

Philharmonie (12. November 2020) Gemeinsam mit dem französischen Komponisten François Sarhan bietet Kentridge in der lakonischen Performance „Telegrams from the Nose“ (2008) eine Dekonstruktion von sowjetischen Polit-Mythen. In seiner Performance von Kurt Schwitters berühmter „Ursonate“ von 1932 verwandelt er das wegweisende Dada-Lautgedicht in eine Multimedia-Performance.

Mudam (13. Februar 2021 - 6. Juni 2021) Die speziell für das Mudam konzipierte Ausstellung „William Kentridge. Image. Parole. Son“ zeigt neue und jüngere Arbeiten, die einen breiten Überblick über seine vielseitige künstlerische Praxis vermitteln. Im Zentrum der Ausstellung stehen seine fortwährenden Überlegungen zur Konstruktion von Bedeutung anhand von Bild, Sprache und Klang. Außerdem werden eine Performance unter dem Motto „A guided tour of the exhibition: For soprano with handbag“ und ein Konzert unter dem Titel „Why should I hesitate?“ geboten.

Théâtres de la Ville de Luxembourg Vom 28. Mai 2021 bis 6. Juni 2021 heißt es „TalentLAB goes red bridge project“: William Kentridge und sein „Centre for the Less Good Idea“ werden in die 2021-Ausgabe eingebunden und so experimentelle, kollaborative und interdisziplinäre Kunstprojekte geschaffen.

In der Kammeroper „Waiting for the Sibyl“ (11. bis 13. Juni 2021 im Grand Théâtre) inszeniert Kentridge eine Geschichte über unseren Wunsch, stärker mit den Kräften, die unser Schicksal bestimmen, verbunden zu sein. Die Inspiration für diese Bühnenproduktion mit neun Tänzern und Sängern, die von Kentridges charakteristischer Kombination aus Projektion, Live-Performance, Musikaufnahmen und Live-Schattenspiel auf einem handgemalten Hintergrund geprägt ist, fand der Künstler im Mythos der Prophetin Sibylle von Cumae. Die Handlung entfaltet sich sowohl auf der Bühne als auch auf riesigen Leinwänden. Im Film „The Moment has gone“, der vor der Kammeroper abgespielt wird, kombiniert Kentridge seinen neusten Film aus seiner Reihe von mit Kohle gezeichneten Animationskurzfilmen, in denen er sein Alter Ego Soho Eckstein zeigt, mit Sequenzen des schaffenden Künstlers, das Ganze untermalt mit Live-Klaviermusik von Kyle Shepherd.