HUARAZ
YANNIS BASTIAN

Weltumradler Yannis Bastian zieht nach über zwei Jahren auf Reise eine erste Bilanz (1)

Nach über zwei Jahren auf Fahrradreise wünsche ich, ich könnte mein besserwisserisches „Klar“ auf die Frage, ob ich eigentlich wisse, wie groß die Welt ist, zurücknehmen. Wie naiv und ahnungslos ich doch damals war. Natürlich wusste ich nicht, wie groß die Welt ist. Ich weiß es noch immer nicht. Genau genommen wird sie mit jedem Tag, mit jedem Kilometer, den ich zurücklege, immer größer. Je mehr ich von ihr sehe, umso stärker erfüllt mich das Gefühl, nie alles sehen zu können. Mit jedem Pedaltritt wächst mein Erlebnisschatz, während meine Person in einem Meer von Eindrücken kontinuierlich weiter schrumpft.

Erste Symptome von „Reisekrankheit“

Es ist nicht immer leicht, einen Konsens zwischen dem schnellen Vorankommen und der Zeit des Genießens zu finden. Dabei spielt auch das Aufbringen der richtigen Motivation eine große Rolle. Wenn man seit über zwei Jahren auf Reise ist, fast jeden Abend an einem anderen Ort übernachtet und nie wirklich das Gefühl hat, irgendwo angekommen zu sein, kann das sehr stark auf das Gemüt schlagen. Fahrradreisende rechnen nicht in Stunden, sondern in Tagen oder Wochen. So lassen touristische Attraktionen oft lange auf sich warten. Es ist jedoch wichtig, nicht zu weit in die Zukunft zu blicken. Vielmehr hilft es, in kleinen Schritten zu denken. Der Kampf mit Fliegen, Hitze und Gegenwind im australischen Outback wurde durch den Gedanken an die noch in weiter Zukunft liegende Ankunft in Brisbane um ein Vielfaches verschlimmert. So hörte ich auf, meine noch bevorstehende Strecke als Ganzes zu betrachten, sondern versuchte vielmehr, die Tagesetappen als einzelne Abenteuer an sich zu sehen.

Grundsätzlich schöpfe ich meine Motivation aus der Neugierde über die noch bevorstehenden Länder, deren Natur, Menschen und Kultur. Die meisten dieser Länder bereise ich das erste Mal, umso größer ist also die Spannung darüber, was mich wohl erwarten könnte. Oft werden diese Erwartungen von den Geschichten anderer Reisender genährt, die nicht selten die Planung der weiteren Strecke beeinflussen. Auch Dokumentarfilme und Videos zum Thema Fahrradreisen stellen sich als guter Motivationsschub heraus. Im Gegensatz dazu ist das Wetter wohl der größte Feind meiner Motivation. Vor allem der Gegenwind in Australien und der pünktlich um 15.00 einsetzende Regen in Mittelamerika waren besonders große Stimmungstöter. Es sind solche Momente, in denen man sich fragt, warum man das Ganze überhaupt macht, wenn man ganz offensichtlich keinen Spaß am Fahrradfahren mehr aufbringen kann.

Auch der Verkehr kann oft sehr nervenaufreibend sein. In Malaysia befand ich mich fast ununterbrochen auf stark befahrenen, vier- bis fünfspurigen Highways; in den Vereinigten Staaten verläuft der „Pacific Coast Bike Trail“, eine fast legendäre Fahrradroute, unverständlicherweise am Highway 101 entlang, einer viel befahrenen Straße, auf der oftmals wenig Rücksicht auf Radfahrer genommen wird; und in Costa Rica bündelt sich der gesamte, in südliche Richtung verlaufende Verkehr auf der engen, zweispurigen Panamericana - hier fährt man während acht Stunden in einer Dieselabgaswolke, Tasche an Tür direkt neben einer fast lückenlosen Blechkolonne.

Zudem nisten sich allmählich Routinen in meinem Alltag ein. Dieser Umstand, dem ich zuhause entfliehen und auf dieser Reise weitestgehend vermeiden wollte, führt mir klar vor Augen, dass die bisherige Zeit ausreichte, um aus dem Unterwegssein einen Alltag zu machen. Einfache Handgriffe, der Aufbau des Zeltes, das Navigieren mit Karte - Dinge, die anfangs die wesentlichen Nährstoffe meines Abenteuers darstellten, werden zur Routine und degradieren die Reise einzig und allein auf das pure Erleben. Mit zunehmender Quantität von Erlebnissen steigen auch die Erwartungen: Während ich in den ersten Wochen lange über die Größe der Donau staunte und das Bezwingen meines ersten Anstiegs über 500 Meter mich mit Stolz erfüllte, so merke ich nun, dass immer weniger Orte in der Lage sind, mich zu faszinieren, und ich mich zunehmend darüber ärgere, selbst bei Anstiegen über 500 Meter immer noch außer Atem zu kommen. Hierdurch verlängern sich die Etappen zwischen den einzelnen, für mich erinnerungswerten Orten nochmal um einiges. Ich würde all diese Umstände unter dem Begriff „Reisekrankheit“ zusammenfassen, an der ich mittlerweile immer akuter leide, und die auch mit ein Grund dafür ist, mich dann doch auch auf meine Rückkehr zu freuen.

Bisherige Highlights

Neuseeland bleibt, unter Berücksichtigung aller Gesichtspunkte, weiterhin das bisher schönste Land auf meiner Reise. Dies liegt nicht allein an der atemberaubenden Natur, die für jeden Geschmack etwas zu bieten hat, sondern auch - oder vielleicht sogar vor allem - an seinen überaus freundlichen Menschen. Die sehr naturverbundenen „Kiwis“, wie die Einwohner Neuseelands genannt werden, bleiben mir ewig durch ihre Gastfreundschaft in Erinnerung. So wurde man oft zum Zelten im Garten oder einer Übernachtung im Gästezimmer eingeladen. Würde man einmal von den drastisch wachsenden Touristenzahlen in der Hochsaison, sowie den recht hohen Lebensmittelpreisen absehen, so könnte ich mir sehr gut vorstellen, auch irgendwann einmal hier zu leben. Die wundervolle Zeit in Neuseeland führte natürlich dazu, dass die Messlatte für die noch bevorstehenden Länder sehr hoch gelegt wurde. Selbst wenn mich seitdem kein Land mehr so beeindrucken konnte, so gab es doch immer wieder Momente, in denen die Natur eine gewisse Faszination in mir auslösen konnte. Einer der Höhepunkte meiner gesamten Reise sind beispielsweise die „Redwoods“ an der kalifornischen Küste. Die Fahrt durch diese über 100 Meter hohen, bis zu 2.000 Jahre alten Baumgiganten bleibt ein unvergessliches Erlebnis und einer der schönsten Momente meines Lebens. In Nicaragua war es der Vulkan Masaya, der mich vollends in Staunen versetzte: Am Rand seines Kraters stehend blickte man direkt ins Innere, wo ein reißender Lavafluss immer wieder heftig gegen die steilen Felsen und Wände schlug und meterweit aufspritzte. Es sind die Gewalten der Natur, ihre Einzigartigkeit und Schönheit, die mich immer wieder versichern, diese Reise zu keinem Zeitpunkt bereuen zu müssen.

Teil 2 von Yannis‘ Erlebnisbericht lesen Sie in unserer Mittwochausgabe. Verfolgen Sie seinen Blog: www.yanniswca.com oder seine Facebookseite: www.facebook.com/yannisworldcyclingadventure. Unsere früheren Berichte von ihm finden sich hier.