LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Bettina Scholl Sabbatini hat in Ruanda die Hilfsorganisation Soroptimist für Frauen aufgebaut – dafür war sie über Jahrzehnte immer wieder im Land

Bettina Scholl Sabbatini ist nicht nur eine bekannte Luxemburger Künstlerin, sondern war von 2003 bis 2005 auch als Vizepräsidentin bei den Soroptimist International Europa engagiert, für die sie „Extension und Follow-up“ in Afrika verantwortet hat. Damit fing sie schon vor dem Genozid an den Tutsi an und anschließend wieder. Mehr als 30 Reisen haben sie seit 1989 in das Land geführt. So hat sie die Veränderungen selbst sehr gut miterlebt. Heute ist sie Präsidentin des Fonds Soroptimist Luxembourg und nach wie vor sehr aktiv. Uns erzählt sie, wie es in Ruanda damals war und wie es heute ist.

Warum sind Sie 1989 nach Kigali gefahren?

Bettina Scholl Sabbatini Ich wurde von den Soroptimist International Europa als „Extension Officer“ nach Ruanda geschickt, um  dort einen Soroptimisten-Club zu eröffnen. Das war 1989. Damals war Kigali noch so wie Schifflingen, als ich klein war. Es war ein großes Dorf. Mir ging es darum, interessante Frauen zu finden. Doch schon 1992, zwei Jahre vor dem Genozid gegen die Tutsi, gab es Krieg zwischen der Regierung und den Rebellen, die aus Uganda kamen. Das waren geflüchtete Tutsi. Ich habe zu jener Zeit davon nicht viel gespürt, weil die Kämpfe an der Grenze stattfanden. Aber ich hatte mir auch keine Gedanken gemacht, denn ich war auf die Gründung des Klubs konzentriert. Ich war mit Frauen in Kontakt, die Hutu und Tutsi waren. Damals habe ich keinen Unterschied zwischen ihnen gemacht, aber sie schon. Sie waren meist Frauen mit einer guten Ausbildung und einer entsprechenden wirtschaftlichen Situation. Viele gehörten zum Clan des damaligen Präsidenten Habyarimana. Der Klub Soroptimist in Kigali hat ab 1992 gut funktioniert, denn die Ruander sind fleißig, zuverlässig und gut organisiert.

Hat der Klub denn den Genozid gegen die Tutsi überlebt?

Scholl Sabbatini Während des Genozids 1994 flüchteten viele, einige starben, andere waren im Ausland. Alle Frauen hatten gelitten und Familienmitglieder verloren. Die einen durch den Krieg, die anderen durch den Genozid gegen die Tutsi. Als die internationalen Schutztruppen ins Land kamen und sahen, dass so viele Menschen tot waren, haben sie natürlich zurückgeschlagen. Damals sind auch unschuldige Hutu gestorben. 1995 habe ich den Klub mit vier Frauen wieder neu aufgebaut. Soroptimist International Europa hat viel getan, um uns zu unterstützen. Schon kurz nach dem Genozid, als viele Frauen mit Kindern obdachlos waren, haben wir in der Nähe von Myogoro nahe Butare 20 Häuser für die Witwen des Genozids mit der finanziellen Unterstützung des Außenministeriums in Luxemburg gebaut. Die Soroptimist haben auch als erste den Friedensmarathon 1995 eingeführt. Das war eine Premiere. Heute wird der Friedensmarathon übrigens von der Regierung fortgeführt.

Was machen die Soroptimisten heute in Ruanda?

Scholl Sabbatini Gerade haben wir die Schule, die wir schon dort gebaut haben, vergrößert. Sie gehört dem Klub Soroptimist von Kigali. Die Stadt selbst hat sich ungeheuer verändert und ist heute eine Großstadt wie Luxemburg. Wir haben anfangs ein mehrere Hektar großes Grundstück in einem Vorort der Hauptstadt gekauft, auf dem mittlerweile eine Schule mit sechs Klassen steht, die immer weiter wächst. Mit finanzieller Unterstützung des Außenministeriums haben wir dort eine große Solaranlage errichtet. Die Ruander sind Investoren. Und sie haben Regeln, genau wie hier. Das Schulministerium beispielsweise schreibt das Programm vor. Für die Neubauten hat das Bauministerium die Maße für die Schulräume vorgegeben. Die Schule ist eine Privatschule, aber nicht zu teuer, da sie ist für den Mittelstand gedacht ist. Sie trägt sich selbst, was sehr wichtig ist. Nur jemandem Brot zu kaufen, bringt nichts, denn er hungert, wenn wir gehen. Aber die Ruander sind geschäftsorientiert. Sie führen die Projekte gut weiter. Die von einer Direktorin geleitete Schule wurde mehrfach ausgezeichnet, weil die Schüler hervorragende Ergebnisse erzielt haben. Und wir machen noch mehr.

Was denn?

Scholl Sabbatini Auf dem Gelände besteht seit 2003 ein zweites Projekt. Dort betreibt der Klub Soroptimist Kigali eine Nähschule. Erst existierten nur drei Nähmaschinen, jetzt ein ganzer Saal voll. Da werden Frauen ausgebildet, die sich selbständig machen können oder später Arbeit finden. Die Nähschule trägt sich, weil sie Aufträge von außen erhält. Daneben existiert eine große Werkstatt, in der wir Juweliere ausbilden. Darüber hinaus bieten wir auch Ausbildungen zum Klempner und Sanitär-Installateur an. Wir haben Lehrer bezahlt, um junge Männer auszubilden, die das Studium abgebrochen haben. Darüber hinaus betreiben wir zwei große Tomaten-Gewächshäuser, deren Ernte an Hotels verkauft wird.

Die aus Luxemburg unterstützte Schule wurde mehrfach ausgezeichnet - Lëtzebuerger Journal
Die aus Luxemburg unterstützte Schule wurde mehrfach ausgezeichnet

Haben Sie noch weitere Projekte?

Scholl Sabbatini Ja, in Muhanga sind wir schon länger aktiv. Dort soll jetzt eine große Schneiderei und Strickerei gebaut werden. Die Pläne dazu stammen von der Luxemburger Soroptimistin Jutta Witry. Bei diesem Projekt unterstützt uns das luxemburgische Entwicklungshilfeministerium. Um eine solche Hilfe zu erhalten, muss man nicht nur gemeinnützig sein, sondern auch eine Menge Papierkram erledigen und gute Projekte haben, das ist alles andere als einfach. Auch in Gisenyi haben wir ein Zentrum mit Friseursalon gebaut, das sich selbst trägt. Jetzt hat der Klub vor Ort Land gekauft, um Gartenbau zu betreiben, damit die rund 30 Frauen dort eine Arbeit haben. Sie können auf den Feldern Blumen und Obstbäume versorgen. Die Obstbäume züchten sie selbst. Auch das soll sich Zukunft von allein tragen. Außerdem soll es die Leute daran gewöhnen, mehr Obst zu essen, denn traditionell besteht das Hauptgericht der Ruander aus getrockneten Bohnen. Vor Ort arbeitet eine Soroptimistin, die Agrar-Ingenieurin ist und das Projekt beaufsichtigt. Gerade verändern sie die Bewässerung. Während der Trockenzeit stirbt normalerweise alles ab, dafür ist die Regenzeit ist sehr intensiv. Jetzt werden wir Geld überweisen für ein Regenwasser-Becken, damit sie damit in der Trockenzeit gießen können. Das ist eine ganz neue Methode.

Ein weiteres Projekt: In der Provinz Kibungo unterstützen wir den Bau der Grundschule „Les hirondelles“. Vor zwei Jahren  konnten wir auf dem Schulgelände eine große Küche einweihen. Bei diesem Projekt hat uns ebenfalls das Außenministerium in Luxemburg unterstützt.

Wie empfinden Sie die Situation, wenn Sie jetzt dort sind?

Scholl Sabbatini Die Versöhnung ist für die Politik sehr wichtig. Die Leute sollen akzeptieren, dass sie ein Volk sind. Theoretisch ist das eine gute Sache, auch wenn es in der Praxis nicht immer klappt. Doch die Ruaner sind stolz auf ihr Land, alle. Das ist für mich das allerwichtigste. Was der neue Präsident aus Ruanda gemacht hat, gibt es sonst in keinem afrikanischen Land. Kagame liebt sein Volk und hat ungeheuer viel getan; Schulen, Straßen und Universitäten gebaut. Es herrscht Sauberkeit und die Ruander betreiben aktiv Umweltpolitik. Lange vor Europa waren sie das erste Land, das Plastiktüten verboten hat, eine Premiere in Afrika. Im Parlament sitzen mehr Frauen als Männer. Sie sind sehr fortschrittlich. Früher lag das Land am Boden. Ich erinnere mich noch daran, wie es nach dem Genozid an den Tutsi überall nach Leichen roch. Die Leute waren traumatisiert; auf beiden Seiten. Es gab fast keine Männer mehr, hautsächlich Frauen. Heute hat sich viel getan. Das, was Ruanda von anderen afrikanischen Ländern unterscheidet, ist, dass der Präsident das Geld, das er erhält, für sein Land ausgibt. Nehmen Sie nur Muhanga: Da fliegen heute Drohnen Medikamente von einem Dorf zum anderen, denn Ruanda ist ja das Land der tausend Hügel und mit einem Fahrzeug würde es oft Stunden dauern.

Haben Sie als Künstlerin nie Projekte dort machen wollen?

Scholl Sabbatini Damals war keine Zeit dafür, da ging es ums Überleben. Die Ruander sind pragmatisch. Und erdgebunden. Sie kultivieren gern. Heute sieht man im Land eine ungeheure Kreativität, allein schon bei der Mode oder in der Musik. Ich bin froh, dass sich das so kreativ entwickelt hat.  Cordelia Chaton

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