LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Gedenken an die Opfer des Generalstreiks vom 31. August 1942 gegen die Nazi-Wehrpflicht

Wir schreiben den 31. August 1942. Die Unruhe im Land ist groß nachdem Nazi-Gauleiter Gustav Simon am Vortag bei einer Großkundgebung in Limpertsberg die Einberufung der Jahrgänge 1920 bis 1924 in die Wehrmacht proklamiert hatte. Hitler persönlich hatte bereits am 9. August Befehl erteilt, die jungen Leute aus Luxemburg, Lothringen und dem Elsass zwangsrekrutiert werden sollten.

Flugblätter ins Land geschmuggelt

Ein Befehl, von dem die Widerstandsorganisationen früh Wind bekommen hatten. Auch mehrten sich die Zeichen, dass in diesem Sommer etwas passieren würde, hatte doch der Gauleiter bereits am 18. August die Grenzkontrollen verschärft. Josy Fellens, ein Mitglied der „Lëtzebuerger Patriote-Liga“ hatte bereits am 29. August 1942 Flugblätter mit dem Aufruf zu einem Generalstreik gegen die Nazi-Willkür ins Land geschmuggelt.

Nach der Ankündigung der Wehrpflicht kamen die bei einem Schuster und in der Kirche versteckten Aufrufe rasend schnell in Umlauf. Und sie wurden von vielen Arbeitern, Angestellten und Beamten befolgt. Am 31. August 1942 frühmorgens zu Schichtbeginn versammelten sich hunderte Arbeiter vor dem Portal der Lederwarenfabrik „Ideal“ in Wiltz. An ihren Arbeitsplatz begaben sie sich allerdings nicht. Dem Beispiel folgten auch die Angestellten, später die Lehrer der Wiltzer Schulen und die Gemeindebeamten. Sie setzen gegen 9.00 zu einem Protestmarsch an, der durch SA-Truppen mit Gewalt zerstreut wird. Die Besatzer drohen jedem mit einem Erschießungskommando, der nicht bis 14.00 seinen Dienst antritt.

Gemeindebeamte, Lehrer und Arbeiter sterben im Kugelhagel

Manche werden verhaftet. Zwei von ihnen - die Gemeindebeamten Nicolas Müller und Michel Worré - werden am 2. September im KZ Hinzert bei Trier erschossen. Die Wiltzer Lehrer Charles Meiers, Alfred Brück, Joseph Ewen und Célestin Lommel ereilt am 3. September das gleiche Schicksal. 15 weitere Bürger bezahlten ihre Teilnahme am Generalstreik, der sich im Laufe des 31. August auch auf die großen Industriegebiete im Süden des Landes ausdehnte sowie auf die Lyzeen in Esch und in Echternach, mit ihrem Leben. Der Gauleiter hatte nach dem Widerstand den Ausnahmezustand erklärt und Standgerichte eingesetzt. Für viele Familien rückte der Horror des Krieges nun noch näher. Viele wurden zwangsumgesiedelt. Viele mussten bangen um ihre an die Fronten verschleppten Söhne. Von 10.211 Zwangsrekrutierten kamen 2.848 ums Leben. Auch 3.614 Mädchen mussten Kriegsdienst leisten - 56 kamen zu Tode. In einer ergreifenden Zeremonie wurde gestern morgen beim Streikdenkmal in Wiltz jenen gedacht, die im August 1942 den Mut hatten, gegen die Nazi-Willkür aufzustehen, aber auch jenen die durch sie umkamen.

Demonstration des Unabhängigkeitswillens

Zuvor hatten Großherzog Henri, Parlamentspräsident Mars Di Bartolomeo, Premier Xavier Bettel und der Wiltzer „député-maire“ Frank Arndt (LSAP) den Opfern bei der Erinnernungsplakette am ehemaligen Standort der „Ideal“-Fabrik gedacht, bevor sie sich zum 1956 eingeweihten und erst kürzlich restaurierten Streikmonument begaben, wo bereits Zeitzeugen und ihre Angehörigen, Verantwortungsträger aus ganz Luxemburg, Botschafter, sowie weitere Regierungsmitglieder (Vizepremier Etienne Schneider, Wohnungsbauminister Marc Hansen, Sozial- und Entwicklungshilfeminister Romain Schneider, vormals Bürgermeister von Wiltz und Staatsekretär Camille Gira) auf sie warteten. „Für dieses Land hat der Streik alles in eine andere Bahn geleitet“, sagte der Staatsminister. Das Aufbegehren habe es der Exilregierung leichter gemacht, der Welt den Unabhängigkeitswillen des Landes zu demonstrieren. Nach Kriegsende haben niemand mehr die Existenz des Landes in Frage gestellt.

Wanderausstellung

„Die 21 sind nicht umsonst gestorben“, befand Bettel, „und wir Luxemburg sind stolz auf ihr mutiges Beispiel“. „Noch lange soll dieser Leuchtturm stehen, für immer“, sagte der Premier über das Streikdenkmal, „es soll uns an schlimme Momente erinnern, aber auch an den Gedanken der Freiheitssonne aus unserer Nationalhymne“. Abgeschlossen wurde die Zeremonie durch die Vorlesung der Namen der Opfer durch Schüler, Kranzniederlegungen und natürlich die Nationalhymne.

Anschließend sahen sich die Teilnehmer an der Zeremonie die von der Stadt Wiltz und dem Nationalen Resistenzmuseum entwickelte Ausstellung zum Generalstreik in der Grundschule „Reenert“ an. Die Ausstellung wird auch in anderen Schulen des Landes aufgebaut - zur Erinnerung an die Opfer des Krieges.