HAMM
CLAUDE KARGER

Wie der US-Militärfriedhof in Hamm instand gehalten wird – Und warum man sich beim Besuch Zeit nehmen sollte für den Blick aufs Detail

Behutsam wischt Jennifer Roman das Kreuz aus Südtiroler Marmor ab. Anschließend pflanzt sie kleine US- und luxemburgische Flaggen in das Gras vor dem Grabstein. Dann nimmt sie eine Tasse mit Sand und verreibt das Sediment auf die eingravierte Inschrift. Nun hebt sich „Here rests in honored glory a comrade in arms known but to God“ richtig von dem leuchtend weißen Grund ab. Roman, seit Juni 2017 „Superintendent“ des US-Militärfriedhofs in Hamm, demonstriert, wie die Gräber vorbereitet werden, wenn Familienmitglieder sie besuchen.

Jennifer Roman ist als „Superintendent“ seit Juni 2017 für den Friedhof verantwortlich - Lëtzebuerger Journal
Jennifer Roman ist als „Superintendent“ seit Juni 2017 für den Friedhof verantwortlich

5.075 Männer und eine Frau

Dann wird das Gras rund um das Kreuz  - oder den Davidstern, der die letzte Ruhestätte von 118 gefallenen US-Soldaten ziert – noch extra getrimmt. „Wir haben hier sehr hohe Standards“, sagt Jennifer Roman, „die Familien haben uns ihre Verstorbenen, die das höchste Opfer für ihr Land gebracht haben, anvertraut. Es ist unsere Pflicht, uns sorgfältigst um ihre letzte Ruhestätte zu kümmern“. Eine Mission, die täglichen Einsatz fordert auf dem rund 20,5 Hektar großen Areal, auf dem 5.075 Männer ruhen und eine Frau – Nancy Leo, eine Krankenschwester, die im Juli 1945 bei einem Autounfall nahe Paris ums Leben kam. 

Unterhalt auf der Hauptplattform der Gedenkstätte - Lëtzebuerger Journal
Unterhalt auf der Hauptplattform der Gedenkstätte

Neun Angestellte sind deshalb damit beschäftigt, die Gedenkstätte zu pflegen, zu der auch ein Gebäude für Besucher gehört, das von vier Mitarbeitern betreut wird, die auch administrative Aufgaben übernehmen, eine Kapelle, eine Wand mit den Verläufen der Ardennenoffensive und der Rheinland-Kampagne Ende 1944/Anfang 1945, zwei große Alleen mit Springbrunnen und zwei Gedenkmauern für die 371 Gefallenen, deren Überreste nie wieder gefunden wurden. Gleichsam ruhen in den Gräbern 101 Gebeine, die bislang keinem Soldaten zugeordnet werden konnten. Manchmal  gelingt es aber doch, die Überreste zu identifizieren. Das geschah etwa vor einem Jahr mit X-70 und X-71, den Skeletten von bis dahin unbekannten Soldaten, durch die „Defense POW/MIA Accounting Agency“, die US-Behörde, die sich um Nachforschungen über den Verbleib vermisster amerikanischer Soldaten  in den Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg kümmert. 16 Millionen US-Soldaten dienten während des Zweiten Weltkriegs, 400.000 kamen um, von über 72.500 fehlt immer noch jede Spur, davon fielen 21.000 auf den europäischen Schlachtfeldern.

Genau getrimmt: der Rasen zwischen den Grabsteinen - Lëtzebuerger Journal
Genau getrimmt: der Rasen zwischen den Grabsteinen

Namen für X-70 und X-71

Die Recherchen zu X-70 und X-71 brachten die DPAA 2017 auf die Spur eines Massengrabs bei Wettlingen in der Nähe von Bitburg, wo im September 1944 Soldaten des 112. Infanterieregiments der 28. US-Infanteriedivision nach erbitterten Kämpfen mit Wehrmachtseinheiten verscharrt wurden. Nach dem Krieg wurden ihre Überreste wieder ausgegraben und entweder auf Militärfriedhöfen oder in ihren Heimatgemeinden beigesetzt. Zwei Skelette konnten keinem  Soldaten zugeordnet werden. Sie wurden unter den Kennnummern X-70 und X-71 auf dem US-Militärfriedhof in Hamm beigesetzt. Laut den DPAA-Recherchen wurden nach den Kampfhandlungen bei Wettlingen mindestens fünf Soldaten vermisst. Darunter Donald E. Mangan aus Elkton, South Dakota und Lawrence E. Worthen aus Santa Ana, Kalifornien. Im April 2019 wurden X-70 und X-71 exhumiert und in einem Labor der DPAA untersucht. Mithilfe der medizinischen Akten von Mangan und Worthen sowie ihrer Dienstakte gelang es, ihnen die Überreste zweifelsfrei zuzuordnen.

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Mangan fand im vergangenen Herbst seine letzte Ruhestätte in Gig Harbor, Washington, Worthen auf dem Veteranenfriedhof in Boise, Idaho. Auf den Gedenkmauern in Hamm ist mittlerweile neben ihren Namen eine Rosette angebracht, als Zeichen dafür, dass sie 75 Jahre nach ihrem Tod identifiziert werden konnten. Ihre Geschichten kann man auf www.dpaa.mil nachlesen.

Viel Pflege wird in den Rasen gesteckt, der auch durch ein Bewässerungssystem in Stand gehalten wird - Lëtzebuerger Journal
Viel Pflege wird in den Rasen gesteckt, der auch durch ein Bewässerungssystem in Stand gehalten wird

Am 4. Juli 1960 eingeweiht

Jeder Gedenkstein steht für ein meist abrupt beendetes Leben. Im Winter 1944/1945 wurden täglich Dutzende Gefallene von den Schlachtfeldern der Ardennenoffensive auf dem damals provisorischen Militärfriedhof in Hamm beigesetzt. Schlichte Holzkreuze markierten ihre Gräber. Am 4. Juli 1960, als die von den New Yorker Architekten Keally und Patterson und Landschaftsgestalter Alfred Geiffert durchgeführte Amenagierung des Friedhofs eingeweiht wurde, waren 5.076 Mitglieder des US-Militärs dort begraben, darunter auch General George S. Patton Jr., der maßgeblich am  Sieg der Alliierten in der Ardennenoffensive beteiligt war und am 21. Dezember 1945 in Heidelberg an den Folgen eines Autounfalls verstarb. Er wurde auf eigenen Wunsch in Hamm, bei „seinen“ Männern beigesetzt.

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Auf der Terrasse des Ehrenmals sind folgende Worte von General Patton verewigt: „Alle die hiernach in Freiheit leben werden hier daran erinnert, dass wir diesen Männern und ihren Kameraden ein dankbares Gedenken ihres Opfers schulden und den festen Entschluss, dass die Sache für die sie starben ewig bestehen wird“.

Nach dem Besuch von Angehörigen wird der Grabstein abgewaschen - Lëtzebuerger Journal
Nach dem Besuch von Angehörigen wird der Grabstein abgewaschen

Der US-Militärfriedhof in Hamm ist jeden Tag von 9.00 bis 17.00 geöffnet, außer am 25. Dezember und am 1. Januar. Im vergangenen Jahr kamen 120.000 Besucher, in diesem Jahre werden es durch die Einschränkungen  mit Blick auf die Covid-19-Krise wohl deutlich weniger sein. Seit dem 22. Juni gibt es übrigens eine Buslinie, die täglich zwischen 10.00 und 16.00 zwischen Luxexpo/Kirchberg und dem Militärfriedhof zirkuliert, der allerdings derzeit nur auf Terminvereinbarung zugänglich ist.

Mehr: www.abmc.gov/Luxembourg