LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Die Freude über den Zuschlag als Europäische Kulturhauptstadt 2022 währte erst einmal kurz. Schon bald wurde das Projekt „Esch 2022“ von Streitereien, ja sogar politischen Machtspielen überschattet, dies insbesondere nach den Gemeindewahlen. Die Verträge von Andreas Wagner, Generalkoordinator, und Janina Strötgen, künstlerische Leiterin, wurden nicht verlängert. Das mediale Interesse an den Differenzen war groß, und „Esch 2022“ flugs entzaubert. Die Stellen wurden neu ausgeschrieben, während die Planungsphase zwischendurch auf Eis lag. Eigentlich bietet das Dossier „Kulturhauptstadt Europas“ bereits genügend Stoff für eine Soap-Opera. Doch damit soll nun definitiv Schluss sein. Denn jetzt wird über Kultur gesprochen. Endlich.

Seit Nancy Braun das Amt der Generaldirektorin übernommen hat und Christian Mosar ihr als künstlerischer Leiter zur Seite steht, ist tatsächlich Ruhe eingekehrt. Und die ist definitiv nötig, um das Vorhaben doch noch auf den richtigen Weg zu bringen. Am Donnerstag wird in Belval in einer öffentlichen Versammlung ein Projektaufruf gestartet. Ideen kann im Prinzip jeder einreichen. „Esch 2022“ nimmt Form an.

Das Hauptquartier soll derweil in der Gebläsehalle auf Belval eingerichtet werden. Auch dieser Punkt wurde in der Vergangenheit kontrovers diskutiert. Sogar von einem Abriss ging die Rede. Die politische Entscheidung steht offenbar weiterhin aus, zumindest scheint aber auch in dieses Dossier jetzt Bewegung zu kommen. Die Industriehalle nach 2007 erneut in das Kulturhauptstadt-Programm einzubinden, wäre ein wichtiger Schritt mit einer möglicherweise längerfristigen Bedeutung, wenn sie denn über „Esch 2022“ hinaus auch noch für kulturelle Zwecke genutzt werden könnte. „Nachhaltigkeit“ ist indes ein wichtiges Stichwort.

Obwohl zeitlich begrenzt, sollte das Label „Kulturhauptstadt Europas“ kein Ablaufdatum haben. Ihre Wirkungskraft sollte eine Stadt oder Region, die diesen Titel ein Jahr lang tragen darf, nicht nach zwölf Monaten wieder verlieren, vielmehr soll die Nachwirkung langfristig sein, ihr Image im besten Fall dauerhaft aufgewertet werden und das Interesse der Besucher bestehen bleiben. Das geht nur, wenn von Anfang an, nachhaltig gedacht wird. Es gibt nicht wenige positive Beispiele von Städten, die weit über das Kulturjahr hinaus, von dem Label profitiert haben. Nennen kann man etwa Porto, wo zu diesem Zweck beispielsweise der Bau des Konzerthauses „Casa da Música“ in die Wege geleitet wurde, das zwar dann doch nicht für 2001 fertiggestellt werden konnte, heute aber eine bedeutende Kulturstätte ist. Ein rezentes Musterbeispiel ist das belgische Mons, das immer noch von der Dynamik von 2015 und dem damals aufgebauten Netzwerk mit Kulturschaffenden profitiert. Doch auch das Großherzogtum kann in diesem Kontext als Paradebeispiel genannt werden. 1995, als Luxemburg sich zum ersten Mal Europäische Kulturhauptstadt nennen durfte, gab den Anstoß für viele Bauvorhaben im kulturellen Bereich und hat letztlich dazu beigetragen, dass Kultur an Wichtigkeit gewann.

Im Endeffekt könnte es auch 2022 eigentlich nur Gewinner geben. Es bietet sich demnach jetzt die Gelegenheit, ein neues Kapitel Kulturgeschichte im Süden des Landes zu schreiben.