NIC. DICKEN

Einigermaßen als „normal“ einzustufende Verhältnisse herrschten während knapp zwei Sommermonaten auf unseren Straßen, bevor mit dem Beginn des neuen Schuljahres, der gleichzeitig auch den offiziellen Abschluss der Urlaubsperiode bedeutet, die ärgerliche Überlastung des Straßennetzes wieder einsetzte.

Damit begann auch wieder der tägliche Kampf um schnelles Vorankommen auf den, mittlerweile nicht mehr nur während der Spitzenzeiten, chronisch verstopften Straßen, der Streit um Vorfahrten, die Überreizung der Nerven, der Berufsstress, der längst schon über die reine Arbeitszeit hinaus auch die An- und Rückfahrt zum Arbeitsplatz umfasst. Es mag für Arbeitnehmer diesseits und jenseits der Grenzen weiterhin attraktiv sein, einen in der Regel gut bezahlten Arbeitsplatz im Großherzogtum zu haben, aber angenehm ist das nicht sofern man, standortbedingt, auf eigene Transportmittel zurückgreifen muss, weil das öffentliche Transportangebot längst nicht allen Bedürfnissen Rechnung tragen konnte oder kann.

Selbst der öffentliche Transport, weitestgehend auf Busse bezogen, die trotz eigener Fahrspuren doch immer wieder an den wichtigsten Schnittstellen im Knäuel der Privatfahrzeuge stecken bleiben, vermag kaum noch die eigenen Fahrpläne zu berücksichtigen und für verlässliche Reisezeiten im Pendlerdienst zu sorgen. Die dringend notwendige Verbesserung der Mobilität wird zu einem wesentlichen Knackpunkt im neuen Regierungsprogramm, an dem die zur Neuauflage ihres Bündnisses bereite Dreierkoalition sich in den nächsten Wochen wird abarbeiten müssen. Die bestehenden und in den vergangenen Jahren zum Teil auch schon in der Effizienz gesteigerten Zugverbindungen haben den drohenden Infarkt genau so wenig beseitigen zu können wie die bis an die Peripherie des Stadtzentrums verlängerte Tramstrecke, die zusätzliche Erweiterungen erfahren soll. Nordautobahn und im Bau befindliche Erweiterung der Autobahn Richtung Belgien und Frankreich werden angesichts der steigenden Belastung kaum Erleichterung bringen können.

Wenn man mit dem noch amtierenden Transportminister einig sein kann, dass nur der öffentliche Transport im Endeffekt eine Lageverbesserung bringen kann, dann muss man ihm doch gleichzeitig entgegenhalten, dass die konventionelle Denk- und Herangehensweise keine wirklich dauerhafte Lösung bringen wird. Erforderlich wird vielmehr, das bestehende Konzept vollständig zu überdenken und zu erneuern im Hinblick auf noch gezieltere, effizientere und optimal vernetzte Streckenplanung, die eben jene Verbesserungen bringen soll, Verkehrindividualisten durch Attraktivität zum Umsteigen zu bewegen.

Womit wiederum keineswegs alle Probleme gelöst sein werden. Weitere Baustellen müssen geöffnet und weitergeführt werden: Heimarbeit, differenzierte Anfangszeiten im Schulbetrieb, Dezentralisierung der Gewerbelandschaft. Die Dreierkoalition hat in den vergangenen fünf Jahren gezeigt, dass sie bereit und fähig ist, mutige und ungewohnte Entscheidungen zu treffen. Nichts weniger als das wird man in den nächsten von ihr erwarten müssen wenn verhindert werden soll, dass die derzeitigen Straßenkämpfe zum offenen Krieg ausarten.