LUXEMBURG
SVEN WOHL

Wie Jobanfänger mit der Belastung umgehen können

Wer nach der Uni oder Hochschule seinen ersten Job beginnt, steht vor zahlreichen Neuerungen. Doch vor allem der Stress, der sich durch die zahlreichen Änderungen im Leben ergeben kann, macht vielen Jobanfängern zu schaffen. Wir haben uns mit Prof. Dr. Claus Vögele vom „Department of Behavioural and Cognitive Sciences“ der Universität Luxemburg über Stress unterhalten:

Wie kann sich Stress bei der Arbeit bemerkbar machen?

Vielleicht reden wir kurz darüber, was Stress ist. Das ist eines der vielen Beispiele, wo wir als Otto-Normalverbraucher sofort wissen, wovon die Rede ist, aber die Wissenschaft keine schlüssige Antwort bietet. Deshalb verwende ich ganz gerne das Wort „Belastung“. Diese kann sich auf verschiedenen Ebenen zeigen.
Wir kennen das alle, dass wenn wir ganz stark belastet sind, wir die Konzentration verlieren und immer wiederkehrende negative Gedanken haben. Wenn das länger andauert, kann es zu Krankheitssymptomen kommen. Stress entsteht dann, wenn die Anforderungen, die ich empfinde, meine mir zur Verfügung stehenden Ressourcen übersteigen.
Diese negativen Gefühle ziehen weitere nach sich. Wenn das länger andauert, kann es sein, dass ich anfange, an mir selbst zu zweifeln, ständig erschöpft bin und depressive Gedanken habe. Wenn das eine entsprechende Intensität erreicht, dann spricht man auch von einem Burn-Out, also einem akuten Erschöpfungssyndrom.

Kann das auch körperliche Erscheinungen mit sich bringen?

Es ist eine Medaille mit zwei Seiten. Stressreaktionen sind normal und bereiten auf Flucht oder Angriff vor. Kurzfristig versetzen sie mich also in einen Zustand der erhöhten Alarmbereitschaft, was dabei helfen kann, mit einer belastenden Situation aktiv umzugehen. Nur wenn dieser Zustand der Alarmbereitschaft zu lange anhält, zieht dieser körperliche (z.B. hormonelle) Veränderungen nach sich, die auf längere Frist krank machen können. Dies geschieht beispielsweise durch verminderte Immunabwehr, oder auch psychische Phänomene wie Erschöpfungszustände und depressive Verstimmungen. Die Konsequenzen zeigen sich oft in Fehlzeiten am Arbeitsplatz.

Sieht Stress bei Jobanfängern anders aus?

Ja. Das kommt vor allem daher, dass die meisten Jobanfänger nicht wissen, was da auf sie zukommt. Das ist allerdings auch nicht für alle Berufssparten dasselbe. Es gibt sicherlich Ausbildungen, die auf den Beruf besser vorbereiten, als andere. Ein Studium oder Hochschulstudium bereitet hier in der Regel eher schlecht auf den Arbeitsalltag vor. Mit Neuem konfrontiert zu werden ist eine Herausforderung. Ganz abgesehen vom Leistungsdruck und der Tatsache, dass man nun auch sein Geld verdienen muss. Das unterschätzen glaube ich viele Hochschulstudiumsabsolventen.
Mehr Praktika an den Hochschulen könnten hier helfen. Auch die Arbeitgeber haben einige Möglichkeiten den Berufseinstieg zu erleichtern. Man kann Berufsanfängern einen sogenannten Paten zur Seite stellen. Das ist jemand, der schon länger in dem Betrieb arbeitet und der die Abläufe kennt. Dann wird diese Belastung, die durch die Neuheit entsteht, abgefedert. Jemand, der mehrere Jahre in einem Job dabei ist, hat auch schon entsprechende Routinen entwickelt. Diese können natürlich auch selbst zum Stress werden. Man darf nicht vergessen, dass auch Langeweile ein Stressfaktor darstellt.

Langeweile kann ein Stressfaktor sein?

Stress entsteht nicht nur durch Über- sondern auch durch Unterforderung. Automatisierte Abläufe, die nicht mehr unser Interesse wecken und zum Hauptgegenstand unserer Aktivität werde, werden von vielen als öde oder sinnentleert empfunden. Wir benötigen jedoch Stimulation.

Es soll viele „Bullshitjobs“ geben, wo der Sinn des Jobs den Arbeitnehmern fehlt.

Ob das so ist, möchte ich in Frage stellen. Diese Sinnhaftigkeit ist ja nicht nur etwas, das ich geliefert bekomme, die muss ich auch selber schaffen. Die Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit ist das Ergebnis eines Interaktionsprozesses, wobei es eine Grenze gibt, wo ich für mich entscheide: „Das ist überhaupt nicht das, was ich für sinnvoll halte“. Dann liegt es an mir, die Konsequenzen zu ziehen.
Wir müssen da von der Opferrolle weg. Wir gestalten unsere Situation zu einem ganz großen Prozentsatz selbst. Natürlich braucht man einen Job, der den Lebensunterhalt garantiert. Aber selbst in diesem Rahmen ist es möglich, durch eigene Entscheidungen dazu beizutragen, dass ich diese Tätigkeit auch als sinnhaft erfahre. Man muss auch bereit sein, über diese eventuellen Probleme mit dem Arbeitgeber zu sprechen. Das unterschätzen viele Arbeitnehmer. Das wird aber von den Arbeitgebern oft willkommen geheißen. Stress ist etwas, was ich mir selber mache. Ich kriege eine Anforderung gestellt. Ich muss da aber auch sagen können, ob dies eine Über- oder Unterforderung darstellt, nachdem ich es erst einmal probiert habe.

Welche anderen Taktiken gibt es, um Stress zu umgehen?

Berufsanfänger müssen nicht alles schlucken, allerdings ist auch ein gewisses Maß an Kompromissbereitschaft nötig. Arbeitgeber sollten Neulingen wenn möglich einen Paten zur Seite stellen. In der Anfangsphase sollte man versuchen, Stress in der Freizeit zu vermeiden. Ein bisschen Entspannung und Ausgeglichenheit sind ganz gut. Ab und zu über sich selbst nachzudenken ist auch etwas Gutes.  Sich auch fragen, ob das, was man da tut, den eigenen Erwartungen entspricht. Wenn das nicht der Fall ist, sollte man sich fragen: Was könnte anders gemacht werden und welche Schritte muss ich einleiten? Am Ende einer solchen Kette kann dann auch mal der Jobwechsel stehen. Bei aller Kompromissbereitschaft muss jeder wissen, wo die rote Linie überschritten ist.
Man sollte auch Gelassenheit üben. Ich habe mir beispielsweise zur Angewohnheit gemacht, auf E-Mails, die besonders unfreundlich sind, erst einmal nicht zu antworten, sondern einen Tag Abstand zu gewinnen und erst einmal emotionale Energie rauszunehmen. Wenn ich gleich antworten würde, wäre ich wahrscheinlich verärgert, frustriert oder traurig. Das sind keine guten Gefühlspartner, wenn man auf eine schwierige E-Mail antworten muss. Das betrifft fast jede Situation. Ich meine damit nicht, dass man einer Konfliktsituation ausweichen soll.
Wir lernen als menschliche Wesen besonders gut durch Lob und weniger durch Bestrafung. Ich muss dann als Berufsanfänger auch mein Lob einfordern. Viele Berufskollegen geben das auch bereitwillig, haben aber einfach nur nicht daran gedacht. Auch sollte man Nein sagen können und man sollte lernen, sich richtig zu entspannen.