LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Warum dosiertes Alleinsein wichtig ist

Ich saß mit meiner guten Freundin Lena* draußen auf der Treppe vor der Mensa. Ein wenig melancholisch blickten wir in Richtung Weiher und grübelten über das Studentendasein nach. „Du, Christine“, sagte sie dann, „manchmal fühle ich mich einsam hier.“

Ich verstand sehr gut, was sie meinte. Als Studentinnen sind wir häufiger auf uns allein gestellt als in anderen Berufen und Lebensphasen. Besonders das Geisteswissenschaftsstudium erfordert die selbstständige Recherche und Lektüre, die für Gruppenarbeiten nicht geeignet ist. Im Gegensatz zu Schulzeiten sind wir in jedem Seminar mit anderen Kommilitonen zusammen. Vorbei sind die Zeiten, in der die Lehrerin oder der Lehrer uns alle persönlich kannte und uns familiär mit Vornamen angesprochen hat. 

Einsam in Gesellschaft

Der Unterschied zwischen Lena und mir, ist, dass wir ein ganz anderes Verhältnis zum Alleinsein haben. In ihr löst es Einsamkeit aus, in mir nicht. Und das hat weniger mit Charakter und Dispositionen als mit Erfahrungen und der Einstellung zu tun.

Bevor ich an die Uni gekommen war, hatte ich ein ganz furchtbares Abschlussjahr im „Lycée“ erlebt. Unsere Klasse war von Grund auf gespalten und zerstritten gewesen. Es gab Vorfälle, die man Erwachsenen, die kurz vor ihrer Reifeprüfung stehen, eigentlich nicht mehr zutrauen würde. Und im luxemburgischen Schulsystem kann man dem nicht ausweichen. Sechs Stunden fünf Mal die Woche hingen wir aufeinander, sahen höchstens in den Pausen mal andere Gesichter.

Mein damaliger Freund half mir, die Zeit zu überstehen, und da verstand ich auf einmal, dass nicht die Quantität, nicht die Anzahl der Menschen um uns herum entscheidend ist, ob wir uns einsam fühlen oder nicht. Es kommt darauf an, wie nahe wir uns stehen, ob eine Intimität zwischen uns besteht und welches Gefühl das Zusammensein uns gibt. Innige Zweisamkeit gab mir Geborgenheit. Wir beide, allein, gegen den Rest der Welt, da fühlte ich mich sicher. Gleichzeitig erfuhr ich, wie einsam wir uns fühlen können, wenn wir von Menschen umgeben sind, die uns fremd sind. Insiderwitze, Tuscheleien, Klatsch und Tratsch, sie alle sind gemeinschaftliche aber zwiespältige Aktionen, die sowohl in- als auch exkludieren.

In besonderen Momenten kann es natürlich auch schön sein, umringt von vielen anderen Menschen plötzlich auf sich und seine innere Gefühlswelt zurückgeworfen zu werden, zum Beispiel in einem Konzert oder einer Theateraufführung. Im Gegensatz zur Einsamkeit geht es dort aber nicht um die Dissoziation von anderen, sondern um das Gefühl, in sich selbst zu ruhen.

Der Weg zu mir selbst

An der Uni konnte ich durchatmen. Ich genoss es, kontrolliert in die Anonymität einzutauchen und ansonsten selbst bestimmen zu können, mit wem ich den Tag verbringen möchte. Ich war und bin von Freunden umgeben, mit denen ich schon viele schöne Momente geteilt habe. Vor allem aber habe ich gelernt, auch mal allein zu sein, ohne mich einsam zu fühlen, und dass das keineswegs ein Widerspruch sein muss.

Eigen- und Selbstständigkeit, Unabhängigkeit von anderen ist eine Tugend, auch wenn es seine Zeit braucht, das zu erkennen. Ich habe die bisherigen vier Jahre meines Studiums genutzt, in mich zu gehen und mir darüber im Klaren zu werden, was ich mir wünsche und von meiner Zukunft erwarte, bin aber auch mal mit mir ins Gericht gegangen und mich mit meinen Fehlern und Schwächen auseinandergesetzt. Jetzt kann ich behaupten, mit mir im Reinen zu sein.

Diese Feststellung scheint einen kitschigen und spirituellen Anklang zu haben. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich dieses Gefühl wirklich erfahren lässt und dass es sehr befreiend ist, sich auf sich selbst zu fokussieren und nicht auf das, was Außenstehende von uns denken könnten. Große Entscheidungen allein zu treffen, manche Situationen auch mal allein durchzustehen ist nicht traurig und bemitleidenswert, es ist eine wichtige Erfahrung, aus der wir gestärkt herausgehen. 

Angst- und schambehaftet

Ich will natürlich nicht dafür plädieren, seine sozialen Kontakte zu vernachlässigen. Wenn Alleinsein zum Dauerzustand wird, verliert es seine positive Sinngebung. Aber wer mit sich allein nichts anzufangen weiß, der verliert seine Orientierung, der verliert sich, denn mit jeder fremdbestimmten Entscheidung entfernen wir uns mehr von uns selbst, legen ein Stück unseres Selbstwertgefühls und unserer Freiheit ab.

Ich will die Angst und die Scham nehmen vor dem Alleinsein, vor dem wir heute geradezu flüchten. Die Stille durchbrechen wir durch Fernsehen, das Anklicken von Instagram-Storys und das Konsumieren sonstiger Unterhaltungsmedien, die uns Begleitung vortäuschen und uns glauben lassen, dass die Moderatoren, Stars, Influencer, dass die Songs und Sendungen uns, uns persönlich ansprechen. Wir sind natürlich nie gemeint, der Adressat ist eine unbekannte, anonyme Masse, zu der wir zufällig auch gehören, aber das interessiert uns nicht, solange wir mit unseren fiktiven Geistern auf der Couch sitzen. Dabei ist es eigentlich viel trauriger, es mit sich selbst nicht auszuhalten, als sich einzugestehen, dass der Platz neben uns auch mal leer sein kann, darf und sollte.

Ich halte es für wichtig, ein gesundes Verhältnis zur Einsamkeit zu entwickeln. Sie sollte weder krampfhaft gesucht, noch krampfhaft vermieden werden. Ihr sollte ein nicht unbedeutender Platz eingeräumt werden – neben dem Kontakt mit Freunden.

 

* Name von der Redaktion geändert