LUXEMBURG
SVEN WOHL

Bauschutt muss nicht Müll sein, sondern kann wertvolle Ressourcen für Neubauten liefern

Mit jedem Abriss wächst der Müllberg. Bauschutt enthält jedoch zahlreiche Ressourcen, die man wiederverwenden könnte. An der Universität Luxemburg wird ein Forschungsprojekt vorangetrieben, das sich um den Baustoff Beton dreht. Denn hier verbirgt sich ein oft unterschätztes Potenzial, dessen Ausschöpfung unter anderen die nationalen Bemühungen im Bereich der Kreislaufwirtschaft vorantreiben könnte. Wir suchten das Gespräch mit Ass.-Prof. Dr.-Ing. Danièle Waldmann-Diederich und ihrem Doktoranden Lorenc Bogoviku.

Es gibt viele gute Gründe, Beton zu recyceln. Eine Reduzierung von CO2 gehört nicht dazu. Stattdessen verzichtet man darauf, das Rohmaterial zu beschaffen, was den Landverbrauch mindert und Abfall vermeidet. Das Rohmaterial für Beton ist zudem endlich. „Eine Knappheit wird es in Zukunft geben“, bestätigt Prof. Waldmann, betont jedoch, dass es hier noch keinen absehbaren Zeitpunkt dafür gibt.

Vorbereitung ist die Grundlage eines jeden Recyclings

„Bereits jetzt wird 100 Prozent des Betons in Luxemburg wiederverwendet. Jedoch wird das meiste davon downcycelt, um es im Straßenbau zu nutzen. Diese Anwendung ist natürlich auch sehr wichtig, da ansonsten auf andere Materialien ausgewichen werden müsste“, erklärt Prof. Waldmann. Um ein Recycling zu erreichen, das dem Bau neuer Gebäude dient, müssen viele Fragen geklärt werden: Findet sich in Luxemburg genug Masse, um das zu bewerkstelligen? Sind diese Volumen vorhanden oder müssen sie aus dem Ausland hierher transportiert werden? Wie viel Beton wird in den Gebäuden verwendet und steht in Zukunft zur Verfügung? All dies sind Aspekte, die sich auf die Nachhaltigkeit auswirken.

Der erste Schritt bestehe darin, den Prozess des Abrisses und der Demolierung eines Bauwerkes eingehend zu analysieren, erklären die beiden Gesprächspartner. Man müsse herausfinden, welche Materialien beim Bau des Gebäudes verwendet worden sind. Dann müsste man sich unbedingt für eine selektive Demolierung entscheiden. Dazu müsste das „Cahier de Charge“ für Demolierungen neu definiert werden, welches zusätzlich in Fallstudien getestet werden soll.

„Nur so können wir den Beton in seiner reinsten Form erhalten“, so Waldmann. Denn in dieser Form ist der Beton für das Recycling am interessantesten. Um eine selektive Demolierung vorzunehmen, reicht es dementsprechend nicht, erst am Tag des Abrisses mit der Erfassung der Situation zu beginnen. Neben dem Beton gibt es natürlich zahlreiche andere Materialien, die bei einem Abriss erfasst werden müssen.

„Der wichtigste Teil des Recyclingprozesses beginnt bei der Demolierung. Wir brauchen klare Standards, wie die selektive Demolierung umgesetzt wird“, erklärt der Doktorand. Doch selbst dieser Schritt benötigt viel Vorarbeit und vor allem Wissen. „Wir wissen nicht, welche Materialien in einem Gebäude verwendet wurden. Wir müssten in BIM-Modellen (Building Information Modeling), welche beim Bau erstellt werden und alle Informationen über die Gebäude enthalten, diese Informationsebene hinzufügen“, meint Lorenc Bogoviku.

Eine Verunreinigung durch andere Materialien könnte beim Prozess des Recyclings ein ernsthaftes Problem darstellen. „Das Recyceln von Beton besteht hauptsächlich aus dem Zermalmen des Materials. Danach andere Abfälle vom Beton zu trennen, ist dann nur noch schwer möglich und würde viel Arbeit in Anspruch nehmen“, erläutert Lorenc Bogoviku. Zudem gibt es eine Obergrenze dafür, wie oft Beton wiederverwendet wird. Verunreinigungen würden dazu führen, dass der Rohstoff schneller unbrauchbar wird. Doch selbst ein Teilersatz würde einen großen Fortschritt darstellen.

Große Erwartungen an das Forschungsprojekt

Da dem Forschungsprojekt ein wirtschaftlicher und entwicklungstechnischer Hintergrund vorausgeht, überrascht es nicht, dass zahlreiche Unternehmen und Organisationen dieses unterstützen (siehe Infokasten). Ziel der Forschung ist es, eine für Luxemburg geeignete Lösung zu finden. Man geht davon aus, dass eine zentralisierte Aufbereitungsanlage die beste Vorgehensweise darstellt. Das Verfahren an sich und die Datenerfassung wird auf die Verhältnisse in Luxemburg angepasst.

Die Forschung ist in dieser Hinsicht jedoch nur eines der wichtigen Elemente. Auch die Politik unterstützt die Entwicklungen. So verlangt die EU-Kommission, dass bis 2020 70 Prozent der Baumaterialien recycelt werden. Erfolge wird man jedoch nur erzielen können, wenn der Abriss der Gebäude bereits bei deren Errichtung mitgeplant wird und die einzelnen Baustoffe und Tragstrukturen so miteinander verbunden werden, dass die Verbindung wieder gelöst werden kann. Hier spielt wiederum der luxemburgische Gesetzgeber eine wichtige Rolle. Dass es ein ungeheures Potenzial gibt, zeigen Länder wie Schweden, in denen „Second Hand“-Läden für Baustoffe und Baumaterialien bereits entstanden sind: Türen, Ziegeln, selbst Teppiche können wiederverwendet werden. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, der auch ein gewisses Maß an Mut und Innovationswillen notwendig macht.