LUXEMBURG
ANDREAS KÖNIG

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die „Gaming Disorder“, also die exzessive Nutzung von digitalen Spielen, in die Liste der Krankheiten aufgenommen. Die Anerkennung einer Sucht nach Computer- und Videospielen wäre ein erster wichtiger Schritt in der Behandlung von Suchtfällen und sollte deshalb keinesfalls bagatellisiert werden, betont Dr. Andreas König, Leiter der Beratungsstellen Game Over / Ausgespillt der gemeinnützigen Organisation Anonym Glécksspiller a.s.b.l.

„Diese Problematik wird in Luxemburg derzeit nur teilweise ernst genug genommen. Diejenigen, die mit den Auswirkungen konfrontiert sind, nehmen es immer ernster. Es wird aber auch noch viel nach dem Motto ‚Wir haben früher auch viel Computer gespielt und es hat uns nicht geschadet‘ banalisiert. Da werden aber die rasanten Änderungen im sozio-technologischen Gesamtkontext übersehen, in dem das Phänomen auftritt, und die psychologisch immer ausgefeilteren Mechanismen zur Bindung an das Spiel nicht berücksichtigt.

Es gibt natürlich auch diejenigen, die hinter jeder längeren Gaming-Session eine Sucht sehen und sich schwertun, auch positive Aspekte von Computerspielen anzuerkennen. Fakt ist, Computerspielsucht betrifft nach wie vor nur eine Minderheit – aber Fakt ist auch, dass für diese die psychischen, körperlichen und sozialen Auswirkungen gravierend sind.

Gesundheitspolitisch hinkt Luxemburg hier im europäischen Vergleich massiv hinterher. Die Prävalenzzahlen sind auf europäischem Niveau, das Hilfsangebot aber nicht. Daran ändert die Entscheidung der WHO erst einmal nichts, denn Staaten und deren Versicherungsträger entscheiden autonom, ob Präventions- und Behandlungskosten für eine Krankheit übernommen werden.

Dass nun Tausende beim ersten Verdachtsmoment einfach den nächstgelegenen psychologischen oder medizinischen Psychotherapeuten aufsuchen, liegt vermutlich weder kostenmäßig, noch zur Sicherung der Behandlungsqualität im Interesse der CNS. Im Ausland wird beidem sinnvoll begegnet, indem die darauf spezialisierten zentralen Anlaufstellen für Prävention, Frühintervention und ambulanter Behandlung gefördert werden. Insofern bleibt zu hoffen, dass die Botschaft der WHO im hier in erster Linie verantwortlichen Gesundheitsministerium gehört wird.

Man sollte trotz fließender Übergänge zwischen ‚normalem‘ Konsum und Suchtverhalten unterscheiden. Die Abgrenzung ist unter anderem wichtig, um eine voreilige psychiatrische Stigmatisierung zu vermeiden, die meist Gegenwehr und Eskalation provoziert, und um den Suchtbegriff nicht inflationär überzustrapazieren, so dass ihn am Ende niemand mehr ernst nimmt, selbst wenn es angebracht ist.

Bei einer Sucht muss im Wesentlichen ein länger auftretendes Muster aus beeinträchtigter Kontrolle über das Spielverhalten vorliegen, das trotz signifikanter negativer Konsequenzen für andere Lebensbereiche fortgeführt wird und klar Priorität vor diesen einnimmt. Die relativ vage formulierten Diagnosekriterien der ICD-11 sind ohne weiteres Hintergrundwissen selbst für Mediziner und klinische Psychologen nicht leicht zu handhaben und sollten durch weitere Hilfskriterien ergänzt werden.

Das unmittelbare soziale Umfeld spielt eine große Rolle sowohl für den Therapie-verlauf, als auch dafür, dass Hilfsmaßnahmen überhaupt eingeleitet werden. Denn zumindest solange noch weitergespielt werden kann, ist die Therapiemotivation oft gering ausgeprägt. Deshalb sind auch möglichst frühe und niederschwellige Angebote so wichtig. Da soziale und ethische Entwicklungen dem technologischen Fortschritt meist hinterherhinken, müssen wir natürlich auch gesamtgesellschaftlich einen Umgang mit immer raffinierteren digitalen Verlockungen lernen.“