BERLIN/LUXEMBURG
CORDELIA CHATON/DPA

Das große Wegwerfen - Wird Konsumenten Nachhaltigkeit wichtiger?

Wenn Shoppen glücklich macht, dann wären Europa und auch Luxemburg sehr glückliche Orte.Vor allem am Black Friday, dem Tag der großen Rabatte, der auch in Luxemburg stark beworben wird, klingeln weltweit die Kassen. Immer neue Rekorde werden erwartet. Viele erledigen so ihre Weihnachtseinkäufe, andere wollen sich selbst beschenken. Ist der Black Friday ein Super-Shoppingtag - oder folgt der Kater auf den Konsum?

Lena Fred, die den Youtube-Kanal „healthy and frugal“ hat, glaubt nicht daran, dass die große Einkaufstour am Black Friday eine tolle Idee ist. „Es gibt so viele Gelegenheiten, zu kaufen. Konsum wird als etwas Positives dargestellt“, sagt sie. „Die Leute in der Werbung haben das Leben, das wir alle leben sollen.“ Doch wer brauche das schon?

Ganz ähnlich denkt die französische Influencerin Margaux, die auf ihrem Kanal „Les astuces de Margaux“ dem Thema Black Friday extra eine eigene Ausgabe gewidmet hat. Über 40.000 Menschen schauten sich das Video von Ende November an, in dem sie zum Boykott des Black Friday aufruft. „Das ist ein verlockender Tag für Konsumenten“, erklärt sie, nachdem sie mitgeteilt hat, dass der Begriff aus den USA kommt, wo der Brückentag nach Thanksgiving von den Amerikanern zum Weihnachtsshopping genutzt wird.

„Die enormen Einsparungen beruhen darauf, dass die Preise vorher hochgesetzt wurden“, erklärt Margaux. „Der Black Friday ermöglicht keine tollen Schnäppchen.“ Sie geht auch darauf ein, dass viele der Waren, die zurückgeschickt werden gar nicht mehr im Verkauf landen, sondern gleich zerstört werden. „Ich boykottiere diesen Tag. Und wir sind immer zahlreicher“, sagt Margaux mit Verweis auf die Webseite des Online-Dekogeschäfts camif.fr, das an diesem Tag einfach schließt. Sie rät, sich vor allem die Frage zu stellen: „Brauche ich das? Brauche ich das jetzt? Gefällt mir das noch in einem Jahr?“ - Solche Fragen würden auch dazu führen, dass man Artikel nicht schnell wegwirft und keine Impulskäufe tätigt, die man dann bedauert.

Satte Rabatte oder Abstinenz

Der 30. November, Tag nach dem Black Friday, ist nicht nur Tag des Konsums, sondern auch Kauf-nix-Tag. Die Idee des symbolischen Konsumverzichts kam von einem kanadischen Künstler. Teils wird der Tag schon am 29. November begangen - parallel zum „Black Friday“, dem Start ins Vorweihnachtsgeschäft mit satten Rabatten.

Braucht es den Aufruf zum bewussteren Konsum noch? In der Umfrage „Wissenschaftsbarometer 2019“ stimmten 81 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Konsumeinschränkungen aller für den Erhalt der Umwelt nötig seien. Eine Berliner Bio-Supermarktkette warb mit dem Slogan „Kauf weniger“. Und in sozialen Medien zeigen viele Menschen einen konsumkritischen oder gar minimalistischen Lebensstil.

„Wir sind irgendwo in einer Gesellschaft angekommen, die schon jenseits des Massenkonsums ist“, sagte der Soziologe Heiko Schrader von der Universität Halle dem Mitteldeutschen Rundfunk. Die Leute hinterfragten, zumindest in bestimmten Schichten, „ob weiterer Konsum glücklich macht und dann eben, ob nachhaltige Produkte gehen“. Eine Umfrage im Hinblick auf Weihnachten zeigte aber auch, dass bei den Geschenken keine Einschnitte zu erwarten sind: Die Verbraucher beabsichtigen, fast genauso viel auszugeben wie im Rekordjahr 2018: im Schnitt 281 Euro (Vorjahr: 282 Euro). Doch Konsumlust statt Konsumverzicht also? Ingo Balderjahn, der an der Universität Potsdam über ethischen Konsum forscht, sagt, es gebe durchaus eine zunehmende Tendenz bei der Anzahl der freiwillig genügsamen Konsumenten - Menschen also, die trotz hohen Einkommens relativ wenig konsumieren. Zu Menschen mit sehr hohem Konsum meint er: Dieser Käufertyp sei oft stark vom Streben nach sozialer Anerkennung geprägt: Autos, hochwertige Elektronikartikel, generell „Produkte zum Angeben und Prahlen“ würden angeschafft.

Impulsive Entscheidungen

Oft stehe hinter Käufen das Streben, etwas angeblich ganz Besonderes zu einem unglaublich günstigen Preis bekommen zu haben, sagt Balderjahn. „Für Schnäppchenjäger zählt häufig nicht der Besitz eines Produkts, sondern der Kaufakt an sich.“ Anreize dafür weiß längst nicht nur der stationäre Handel zu setzen: In einer beliebten, stark auf Bilder setzenden Shopping-App etwa wird so gut wie jeder Artikel als stark reduziert angepriesen: minus 81, 86 oder gar 91 Prozent, abzüglich weiterer 10 Prozent mit Rabattcode.

„Das sind impulsive Entscheidungen in der aktuellen Reizsituation“, erklärt Balderjahn dazu, warum Menschen bei solchen Angeboten zuschlagen. Teils bietet die Shopping-App Dinge, von denen man nicht ahnte, dass sie existieren: neonfarbene Beleuchtung für die Toilettenschüssel oder eine Maschine für Omelette-Röllchen etwa. Angesichts geringer Kosten nähmen die Käufer das Risiko in Kauf, dass die Billigware direkt im Müll landet. Ressourceneinsatz, Aufwand für Herstellung und Transport sowie Kohlendioxidausstoß - am Ende für die Tonne.

Das große Wegwerfen betrifft aber längst nicht mehr nur die Flut immer neuer sinnloser Billigprodukte. Selbst Dinge, die anders als etwa Kugelschreiber nicht von Beginn an als Wegwerfware konzipiert sind, seien heute eher kurzlebig, erläutert Wolfgang König in seinem Buch „Geschichte der Wegwerfgesellschaft“. Die Lebensdauer eines einfachen Herrenschuhs etwa werde inzwischen auf ein Jahr geschätzt, die eines Damenschuhs sei noch kürzer.