LUXEMBURG
PIERRE WELTER

Raser wegen fünf Delikten vor Gericht - trotz viel Schrott keine Opfer

Die Geschichte wirkt heute unfreiwillig komisch bis peinlich und zugleich dramatisch. Er kommt aus Monnerich und will im Eiltempo nach Ehlingen/Mess. Doch anstatt im Kreisverkehr in Ehlingen die Fahrt zu verlangsamen schneidet der 29-jährige Autofahrer Cédric M. am 1. Dezember 2013 mit seinem Wagen einem anderen Fahrzeug den Weg ab. Er hat seine Freundin und zwei Kleinkinder an Bord. Im anderen Wagen sitzt eine 35-jährige Frau mit ihren zwei Kindern. Es kommt zur Kollision…

Zuerst der Teppich, dann das Handy, dann der Bordstein...

Gestern kam der Fall vor Gericht. Laut Staatsanwaltschaft waren die Gründe für den Unfall vermutlich überhöhte Geschwindigkeit und Alkohol. Der Fahrer gibt allerdings zu Protokoll, dass er sich bei der Fahrt durch einen verschlissenen Autoteppich ablenken ließ. Der Teppich sei ständig unter seinen Füßen weggerutscht. Den wollte er zurechtrücken, berichtet der Angeklagte. Er hätte sich während der Fahrt nach dem Teppich gebückt. Das hätte das Unfallrisiko dramatisch erhöht, meint er, denn so kam er ins Schleudern. Er verriss dabei das Lenkrad, und sein Wagen wäre an der Bordsteinkante nach oben katapultiert worden und habe nicht mehr ausweichen können. Außerdem klingelte das Handy, sagt er. Als er rangehen wollte, ist es schon zu spät.

Freundin als übermotovierte Verteidigerin

Das aber verneint seine Freundin auf penetrante Art und Weise, sie meint der Fahrer hätte gar nicht während der Fahrt telefoniert. Ihr Freund sei außerdem beim Autofahren stocknüchtern gewesen. Das klingt recht widersprüchlich. Zumal, wenn der beschuldigte Fahrer bei Zeugen in einer Art, die man als skrupellose- emotionale Offenheit bezeichnen kann, genau das Gegenteil behauptet hatte. Mit ihrer Aussage hatte die Freundin fast schon Mitleid erregend für ihren Freund um Gerechtigkeit gebuhlt.

Rutschpartie auf dem Dach

„Der Mann muss mit hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen sein“, argumentiert die Anklagevertreterin. Denn der Wagen schlitterte nach dem Überschlag zehn Meter auf dem Dach über den Belag, bis er zum Stehen kam. Der 29-jährige Fahrer, seine Freundin und deren zwei Kinder kommen ohne Verletzungen davon. Die Insassen im anderen Wagen wurden zum Glück bei dem Unfall nicht verletzt. Die Kinder sitzen den Angaben zufolge nach dem Unfall festgeschnallt in ihren Kindersitzen auf der Rückbank.

Warten auf Godot

Da die Fahrerin des anderen Wagens in der Nähe des Unfallortes wohnt bringt sie ihre zwei Kleinkinder gleich nach dem Unfall in ein Nachbarhaus. Als Zeugen nach dem Unfall mit dem 29-jährigen Fahrer sprechen, bemerken sie, dass der Unfallverursacher nach Alkohol riecht. Allerdings wurde weder ein Atemlufttest noch ein Blutalkoholtest beim Automobilisten durchgeführt. Beide waren schlicht entfallen, weil der Unglücksfahrer bei der Ankunft der Polizei am Unfallort schon längst im Krankenhaus war. Die Polizei lässt auf sich warten. Als alle Unfallbeteiligten bereits zu vorsorglichen Untersuchungen im Krankenhaus sind, ist immer noch keine Streife am Unfallort angekommen.

Whisky gegen Migräne

Währenddessen geht es in der Klinik auch nicht voran. Was dort geschah, scheint einfach unglaublich. Der Mann hatte das Warten in der Klinik offensichtlich satt und ging lieber in ein nahes Bistro. Dort trinkt er drei Gläser Whisky - gegen seine Migräne. Dieses Verhalten wird ihm von der Anklage als Fahrerflucht ausgelegt.

Anwalt: Keine Fahrerflucht

Das verneint der Rechtsanwalt des Mannes. Er hält die Anklage wegen Fahrerflucht für nicht erwiesen. Das Verlassen der Klinik sei kein Element für eine Fahrerflucht, sagt der Verteidiger. Der Rechtsanwalt plädierte für strafmildernde Umstände, überließ jedoch das Strafmaß dem Gericht.

Das Plädoyer der Verteidigung macht bei der Anklagevertreterin keinen Eindruck. Die Substitutin hält dem Angeklagten viele Fehler vor und lässt die fünf Anklagepunkte Körperverletzung, Fahrerflucht, überhöhte und gefährliche Geschwindigkeit, Alkohol am Steuer und das Telefonieren während der Fahrt, noch einmal Revue passieren. Alle Vorwürfe seien berechtigt. Sie forderte ebenfalls kein Strafmaß und überließ den Richtern die Entscheidung.

Das Urteil fällt voraussichtlich am 18. Juni 2015.