WILTZ
CLAUDE MÜLLER

„Grande Dame des Jazz“: Dee Dee Bridgewater beim Wiltzer Festival

Auch wenn sie schon öfter in Luxemburg zu Gast war, im Fall der äußerst vielfältigen Vokalistin Dee Dee Bridgewater besteht absolut keine Wiederholungsgefahr. Schon vor 17 Jahren war die zweifache Grammypreisträgerin in Wiltz mit einem reinen Jazzstandardprogramm zu Gast, auf der Bühne, die sie nach eigenen Worten mit großer Ehrfurcht betritt „stand doch hier an diesem Platz vor Jahrzehnten die große Ella Fitzgerald“.

Vor Jahren präsentierte sich die weltberühmte Jazzdiva im Ardennerstädtchen in neuem, ungewohnten Gewand mit der anspruchsvollen Show „Red Earth“, die ihre afrikanischen Wurzeln in den prächtigsten Farben beleuchtete. Am Mittwoch hatte die Jazzdiva zu einer originellen Chansonsoiree mit den bekanntesten Ohrwürmern dieser Gattung eingeladen. Mit Akkordeonklängen im Musettestil begann das beeindruckende Spektakel, das gleich zu Beginn das Titelstück sowie das Motto des außergewöhnlichen Konzerts „J’ai deux amours“ vorstellte. Diese bekannte Chanson, die eng mit der ersten farbigen Chansonsängerin und „Wahlfranzösin“ Josephine Baker verwurzelt war, liegt Dee Dee Bridgewater wegen ihrer Liebe zu Paris, wo sie 17 Jahre ihres Lebens verbrachte, besonders am Herzen. Kennen Sie Charles Trenet? Kennen Sie Jacques Brel?“, so kurz und bündig leitete die Solistin zu den Dauerbrennern „La Mer“ und dem wunderbar ergreifenden Titel „Ne me quitte pas“ des belgischen Barden über, einem Song, den sie zwar respektvoll, allerdings etwas unsentimental interpretierte.

Enorme Stimmgewalt

Bis dahin verlief das Konzert routiniert, perfekt und sauber, man war schon darauf eingestellt, sich von alten Ladenhütern in ungewohntem musikalischen Ambiente mit professionellem Know-how in bester Qualität und enthusiasmierter Festivalstimmung berieseln zu lassen. Anders wurde es anschließend mit Gilbert Becauds „Et maintenant“, wobei Dee Dee Bridgewater überraschend die Katze aus dem Sack ließ und zum ersten Mal ihre enorme Stimmgewalt und die quasi unversiegende Palette ihrer überwältigenden Timbres zum Einsatz brachte. Auch die Begleitarbeit der exzellenten Musiker entwickelte sich von Stück zu Stück vom Salonmusikniveau zu einer spannenden, knisternden Jazzcombo, die sowohl die Dramatik, die Melancholie, die manchmal sarkastische Ironie und die immer präsente Leidenschaft der französischen Chanson in den herrlichen, meist jazzangehauchten, abwechslungsreichen Arrangements verarbeitete. Die Band und dieses ansprechende Konzept standen schon vor Jahren bei der Produktion „This Is New“, einer Hommage an das Tandem Brecht/Weill, Pate.

Viele Anekdoten parat

Publikumsgerecht zugeschnittene Anekdoten aus ihrem musikalischen und privaten Umfeld hatte die „Grande Dame des Jazz“ fortwährend parat, so zum Beispiel über einen, bei einer Kreuzfahrt, nicht stattgefundenen Flirt mit Sacha Distel, dem sie beizeiten einen Korb gab und sie deswegen nicht in seiner Autobiografie erwähnt wird. Soweit der Übergang zu Distels Hit „La Belle Vie“, der zu einem der Highlights des Abends wurde. Eingeleitet von einem Duett zwischen Stimme und den fantastisch anregenden Kontrabassklängen Ira Colemens, war dieser nachdenkliche Song an musikalischem Fingerspitzengefühl kaum zu überbieten. Kein Wunder dass dieser restlos überzeugende Jazzmusiker immer wieder von Popstars, wie dem britischen Allroundman Sting für wichtige Produktionen und Tourneen, verpflichtet wird.

Reich an Emotionen

Langsam aber sicher kam die Protagonistin mit ihrer Crew in Fahrt, und nach Colemans Wechsel vom Kontrabass zum E-Bass ging es mit der französischen Version von „Dance For Me“ des Chansonniers Claude Nougaro eher rockig und funky, sogar bis an die Grenzen des Soulsounds reichend, zu. „Que reste-t-il de nos amours“ und dann das besinnliche, herrlich ergreifende Lied „Avec le temps“ von Leo Ferré, das Bridgewater als „la plus belle chanson du monde“ annoncierte, waren weitere Leckerbissen des Programms, das sich kontinuierlich vom anfänglichem, eher stagnierenden Status der allzu friedlichen Wellnessmusik loslöste, um sich kämpferisch von Höhepunkt zu Höhepunkt zu steigern.

Emotionen gab es zu Genüge, die faszinierende Bühnenpräsenz der Diva, die nächstes Jahr ihren 70. Geburtstag feiert, und die unglaubliche Demonstration einer Ausnahmesängerin, die zeigte dass sie alle Formate beherrscht, versetzten das zahlreich erschienene Publikum zusehends in euphorische Festivalstimmung. Ein exquisites Konzert mit einem superbem Wechselbad der Gefühle, mit einer Intensität und Vitalität, das man auf einer der schönsten Festivalbühnen des Landes in höchstem Maß genießen konnte.